Trash oder Kunst?

Es ist einfach nicht schön, wenn man sich in engen Passagen durch Menschenmassen drängen muss. Sich den Weg vorbei an Passanten bahnt, die laut vor sich hin murmeln oder ins Handy schreien. Wenn man angerempelt, beengt oder belästigt wird. Weil man sich gegen diese Horden kaum wehren kann, macht man eben einen Rückzieher. Schleppt sich und seine Einkaufstüten heim und lässt die Haustür ins Schloss fallen. Ein Stück weit geht es da wahrscheinlich jedem so wie den Personen aus der neuen Choreografie von Constanza Macras und dem Künstlerkollektiv Dorkypark. Here/After feierte am 3. Dezember im Hebbel am Ufer in Berlin Premiere. Der wichtigste Unterschied zwischen den Tänzern auf der Bühne und den meisten anderen Personen ist jedoch, dass diese normalerweise irgendwann auch wieder raus kommen aus ihrer Wohnung.

Der Fachbegriff für dieses Phänomen heißt Agoraphobie, die Angst vor öffentlichen Plätzen und Menschenansammlungen.

Zwei Frauen sitzen fest in einem Apartment. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt sind You Tube-Clips, Skype und der Pizzabote. Sie stürzen sich in den Videodreh für einen Online-Gesangswettbewerb, telefonieren nach Japan und überwältigen den Lieferanten hemmungslos mit einem absurden Lambada und ihren ausschwenkenden Hüften. Ihre Bühnenshow bietet vulgären Slapstick, Karaokesingen, zur Schau gestellte Nacktheit. Und wie immer weiß man bei den Tanzstücken der argentinischen Choreografin Constanza Macras nie so genau: Ist das Trash oder vielleicht doch eher Kunst?

Die Situation erinnert an eine Experimentalanordnung und spielt mit dem Voyeurismus des Publikums. Die Frauen werden wie Versuchspersonen beobachtet. Die eine stellt Filmszenen pantomimisch dar, die andere muss erraten, um welchen Streifen es sich handelt. Unterwäschekollektionen werden übergestreift und der Reihe nach vorgeführt. Das geht solange gut, bis sie durchdrehen: aufgeregtes Hyperventilieren, nach Luft schnappen, immer heftiger, panische Juckattacken, Schwindelanfälle. Dann wiederholt sich das Ganze, zum zweiten, dritten, vierten Mal. Ist das nicht zu viel? Eine Zwangsvorstellung, mit der nicht nur die Betroffenen zu kämpfen haben, sondern auch die Zuschauer? – Es ist eine Nacht der Neurotiker.

Aber wovor genau scheut man sich eigentlich bei dieser Krankheit? Leidet man an der Angst, beobachtet zu werden von den Menschenmassen? Oder macht einen die Vorstellung, in der Meute unbemerkt unterzugehen, verrückt? Here/After ist unterhaltsam. Manchmal lustig, manchmal schockierend, meistens beides. Und natürlich, man staunt auch darüber, was diese biegsamen, schnellen Tänzerkörper auf der Bühne alles tun können. Man bekommt vorgeführt, wie Agoraphobie aussieht. Aber Constanza Macras und Dorkypark hinterfragen nichts. Versuchen nicht, die tieferen Fragen, Gründe oder Lösungen zu erkunden. Und das ist zu wenig. Von ihr, der Andersdenkerin aus Lateinamerika, hätte man mehr erwarten können.

3. und 5. bis 9. Dezember
im Hebbel am Ufer (HAU 1), Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg Fotos: Hebbel am Ufer