Antony And The Johnsons - The Crying Light

Man meint auf dem Cover der neuen CD von Antony and the Johnsons, eine weibliche Gestalt zu sehen; das Gesicht so weiß wie eine Leiche, in einer tragischen Geste erstarrt. Es handelt sich allerdings nicht um eine Frau, sonder um den japanischen Tänzer Kazuo Ohno, der den Bhuto-Tanz maßgeblich geprägt hat – ein Tanz, der sich durch skurrile, langsame Bewegungen und absurde Szenerien auszeichnet. So ist es gleich doppelt sinnvoll, dass das Cover Kazuo Ohno zeigt, denn das Album ist diesem Tänzer nicht nur gewidmet, es scheint auch von seinem Tanz inspiriert. 
Sobald Antony Hegartys zerbrechlicher Tremolo die ersten Zeilen von „Her Eyes Are Underneath The Ground“ singt, ist man in der düsteren, surrealen Welt gefangen. Das Lied klingt mit den dunklen Tönen eines Cellos aus, die sich fast eine Minute lang schwer im Raum bewegen und einem als Vorzeichen für die noch kommenden Lieder dienen. Anfangs wirken die Stücke recht konventionell komponiert – wobei sich Gitarre und Piano wunderbar ergänzen, während The Johnsons die Melodien atemberaubend Elegant unterlegen – doch im weiteren Verlauf zeigt sich Antony dann meistens experimentierfreudiger, ohne sich jemals zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Perfektes Arrangement scheint ihm am wichtigsten, und wie gut sich Antony darauf versteht, zeigt „Daylight And The Sun“, welches sich schleichend und unauffällig zu einer epischen Ballade entwickelt, jedoch an keiner Stelle überladen wirkt.
In den Texten geht es um die Erlösung oder Rettung aus der Dunkelheit – ob nun durch eine weiße Taube („One Dove“), das Tageslicht („Daylight And The Sun“)oder die Liebe („The Crying Light“). Die Erlösung oder Rettung bleibt allerdings aus und am Ende wird die Welt für verloren gegeben. So singt Antony in „Another World”:
„I need another place 
will there be peace?
I need another world
this one’s nearly gone” 
Ganz, wie im Dunklen verlassen fühlt man sich dann, wenn bei „Dust and Water“nur ein einzelner düsterer Ton die Begleitung macht. 
„The Crying Light“ ist eine gelungene, ätherische Reise in die zerbrechliche Welt des Antony. Am Ende stört vielleicht nur, dass kein Lied aus der Menge heraussticht – aber das ist wirklich nur ein kleiner Kritikpunkt. Denn trotz aller Weltentsagung ist das Album vor allem eines: es ist schön. Die Lyrik der Texte und die musikalische Unterlegung der Johnsons, die mal wieder einem Kammerorchester gleichen statt einer Band, schaffen hier ein sensationell gutes Werk und einen brillanten Start ins Musikjahr 2009.

Text: Michael Dembach

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