Also, Christoph und Max haben sich das so gedacht: Der eine, Christoph, abstrahiert fünf Filme des Jahres 2010 aus dem „Sumpf“ der Kinolandschaft, und der andere, Max, greift sich fünf Filme, die zwar nicht neu erschienen, ihm aber trotzdem im vergangenen Jahr im Gedächtnis geblieben sind. Es ist nichts anderes als die ewige, elende Frage: Was besser ist, das Neue, oder das Alte. Von Christoph Büttner und Max Link
Das Zusammenstellen einer Top5 verläuft ja im Idealfall wie folgt: Man (Max) schöpft aus dem Vollen, schreibt ungefähr eine Million Titel, Dinge, sonst was auf, und streicht dann so viele durch, bis am Ende fünf übrig bleiben. Beim Zusammenstellen jener Liste, was ich im Übrigen während einer Zugfahrt anstellte, fiel mir bald auf, ja, offenbarte sich mir, dass beinahe alle Filme, die noch nicht durchgestrichen da standen, einem einzigen Sujet zu unterordnen waren. Der Reise, dem Verschwinden, der Suche. Hatte das vielleicht mit meiner eigenen Situation zu tun? Jedenfalls habe ich folgende Filme im letzten Jahr neu und anders, vielleicht eben persönlicher, kennen und schätzen gelernt.
5 Into the Wild (2007, R: Sean Penn)
Die Geschichte eines „Aussteigers“ zu erzählen ist natürlich keine bahnbrechend neue Idee. Sean Penn ist ihre Umsetzung allerdings, nach dem Roman „Into the wild“ von Jon Krakauer, gelungen. Er bebildert die Geschichte eines jungen Mannes, der Literatur studiert hat und nun mehr oder weniger von zu Hause abhaut, verschwindet, und dort eine Leerstelle hinterlässt. Der Film vergegenwärtigt die Weite Amerikas und erzählt von jemandem, der sich so konsequent selbst genügt, dass er unmöglich eine Bindung eingeht. Sein Gefallen an der reinen Natur ist so groß, dass er ihr schließlich verfällt.
4 Darjeeling Limited (2007, R: Wes Anderson)
Drei wohlhabende Brüder auf einer spirituellen Reise. Die kauzigen Charaktere, die zwischen Unsicherheit und Übermut schwanken, sind allein ein Fest. Es wird tatsächlich eine Reise, die die drei wieder „zu Brüdern werden“ lässt. Also da wäre die Suche nach sich selbst, aber auch die Suche nach der Mutter. Die Fehler der Vergangenheit sollen bereinigt werden, um in eine unsichere Zukunft gehen zu können. Der eine wird in ein Leben zurückkehren, in welchem er sich umbringen wollte, der zweite zu seiner Familie, die er verdrängt hat, der dritte vielleicht zu seiner Exfreundin, mit und ohne die er nicht leben kann. Bedeutungsentladen können die wertvollen Koffer, die Erbstücke des Vaters, allerdings nicht mit zurück.

3 Aguirre, der Zorn Gottes (1972, R: Werner Herzog)
Klaus Kinski spielt sich quasi selbst, und ist am Ende sinnbildlich der einzige Überlebende. Vordergründig erzählt der Film die fiktive Suche der spanischen Konquistadoren nach Eldorado im Urwald des Amazonas. Eigentlich gibt der Film aber viel mehr über die spontane, getriebene, ja, irre Regiearbeit Herzogs Auskunft. Herzogs Vorgehen, das die Schauspieler an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit bringt, brachte immerhin eine der eindrucksvollsten Anfangssequenzen hervor, die ich kenne. Bei der Überquerung der Anden, durch die Musik unterstützt, spürt man regelrecht die Erschöpfung des Reisens durch den Dschungel.
2 Bis ans Ende der Welt (1991, R: Wim Wenders)
Wim Wenders' Epos „Bis ans Ende der Welt“ dauert in der Originalfassung fünf Stunden und hat einen der besten Soundtracks der Filmgeschichte. Musiker wie die Talking Heads, Lou Reed und Nick Cave komponierten Lieder eigens für diesen Film. Der erste Teil ist eine Verfolgungsjagd in einem futuristischen Europa, kurz vor der Jahrtausendwende. Das Ziel der Reise: Australien. Der blau-blaue Himmel des Kontinents steht in krassem Kontrast zu der Kälte des neuen Europas. Ein anderes Ziel der Reise: Das Sichtbarmachen von Unsichtbarem, das Sichtbarmachen von Träumen.
1 The Passenger (1975, R: Michelangelo Antonioni)
Der großartige Jack Nicholson in seinem besten Jahr (1975). Er spielt einen desillusionierten Krisengebietsreporter, welcher schon ganz zu Beginn des Films – sein Jeep bleibt auf einer Sandbank stecken – den Nullpunkt erreicht. Kurz darauf schlüpft er durch das geschickte Ausnutzten des Nadelöhrs des Moments in die Identität eines Toten. Der Film handelt nun von jemandem, der es nicht schafft ein Neuer zu werden, von jemandem, der seine alte Identität nicht vergessen kann, sondern bloß davor flieht.

Das Jahr eins nach Avatar, ergo das Kinojahr 2010 war für mich (Christoph) eines, in dem sich meine Liebesbeziehung zum Kino noch vertieft hat. Nicht nur weil ich die Chance habe, inzwischen mit 35mm Material zu arbeiten, sondern auch, weil ich immer wieder daran erinnert werde, wie sehr das Kino doch berühren kann. Ob einfach nur mit offenem Mund da sitzen, die unglaubliche Schärfe alter und neuer Produktionen auf Film bewundern oder sich tierisch über einen langweiligen Film freuen. Es gibt nichts vergleichbares. Und da Jahresende ist, bieten sich Bestenlisten so wunderbar an. Zudem sind sie einfach ein sehr gutes Mittel, das eigene Jahr in Kinobildern Revue passieren zu lassen. Neben den hier genannten Neuerscheinungen dieses Jahres sah ich weitere hervorragende Filme im Kino. Zum Beispiel Bela Tarrs Man From London, Pietro Marcellos La bocca del lupo, der leider noch keinen Verleih gefunden hat oder Robert Bressons Pickpocket. An dieser Stelle seien aber nur die Neuerscheinungen 2010 berücksichtigt. Außerdem erhebt die Liste keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.
5 The Ghostwriter (FR, UK, D 2010, R: Roman Polanski)
Roman Polanskis Thriller um einen Ghostwriter, der einer CIA-Verschwörung in der britischen Regierung auf der Spur ist. Der Film bietet über weite Strecken nicht mehr als durchschnittlich-gute Thriller Kost und ist zudem schauspielerisch nicht auf Top-Niveau. Auch ist die politische Stoßrichtung nicht sonderlich originell. Aber. Was den Film auf jeden Fall für die Top-5 qualifiziert, ist die Tatsache, dass es Herr Polanski nicht wirklich verlernt hat. Die Wandlung und Inszenierung der Frauenfiguren und die Schlusssequenz alleine sind das Eintrittsgeld ins Kino wert.
4 Moon (UK 2009, R: Duncan Jones)
Düster und einsam wirkt die Station auf dem Mond, auf der der Astronaut Sam Bell alleine seinen Dienst verrichtet, um den Abbau wichtiger Rohstoffe zu überwachen. Science-Fiction Film über die Einsamkeit und den Menschen im Zeitalter der industriellen Verwertbarkeitslogik. Soweit alles aus anderen Filmen bekannt. Wirklich neu ist in Moon auch nichts. Doch allein die Tatsache, dass sich Sci-Fi heute noch immer in die technologie- und gesellschaftskritische Tradition stellen kann und ohne lärmendes Spektakel auskommt ist großartig. Gespenstisch-klinische Atmosphäre statt bunter Explosionen. Außerdem besitzt Moon mit GERTY den sympathischsten Roboter des Kinojahrs.

3 Un prophète (FR, I 2009, R: Jacques Audiard)
Zweieinhalb Stunden französischer Knast. Un prophète folgt dem jungen Franzosen Malik auf seiner Schlitterbahn in eine kriminelle Karriere. Spröde und genau beobachtet Audiard das Leben zwischen Haft, Freigängen und Entlassungen und lässt nebenher mal eben eine Mafia-Dynastie untergehen. Die Figuren sind - für einen Film im kriminellen Millieu selten - nicht überzeichnet und die Schauspieler, allen voran Tahar Rahim, großartig. Un prophète lässt kein Detail aus und verzettelt sich trotzdem nicht. Darin liegt die große Stärke des Films.
2 The American (USA 2010, R: Anton Corbijn)
Der zweite Film des Fotografen und eher für Musikvideos bekannten Regisseurs Anton Corbijn fiel bei vielen Kritikern durch. Natürlich ist die Geschichte um den einsamen Profikiller, der sich in die italienischen Abruzzen zurückzieht, touristisch verklärt und etwas stilisiert fotografiert. Aber nicht weniger schön. Und natürlich ist der Film nichts vollkommen unkonventionelles, sondern bleibt amerikanisches Kino. Aber der Reiz liegt ja auch zwischen den Zeilen, in der unglaublichen (guten) Langsamkeit, die Raum gibt zum Atmen. Wie Clooney sich ausgerechnet in eine Prosituierte verliebt, zeigt ihn dankenswerterweise mit Bedürfnissen abseits seines hypersexualisierten Images.
1 Des hommes et des dieux (FR 2010, R: Xavier Beauvois)
Des hommes et des dieux erzählt von einer Mönchsgemeinschaft, die in den Bergen Algeriens in enger Beziehung zu einem muslimischen Dorf wohnt und von wachsender Radikalisierung und Bürgerkrieg bedroht ist. Dabei nimmt sich der Film viel Zeit seine Protagonisten bei der täglichen Arbeit zu beobachten. Durch viele Redundanzen intensiviert sich der Gegensatz zwischen militärischer Gewalt und christlicher Spiritualität noch und sorgt in einigen der beste Szenen des Jahres für Gänsehaut. Langsam und fantastisch fotografiert ist Beauvois hier der beste Film des Jahres gelungen.