Soundcheck mit Junip, Hurts, Minus The Bear und Interpol

Das Sommerloch neigt sich dem Ende zu, das Wetter ist schon lange herbstlich und prompt werden wir mit großartigen Platten zugeballert. Junips Debüt, um den Singer/Songwriter José González, hält, was es versprochen hat und geht noch weit darüber hinaus. Die gehypten Hurts und ihre glattgebügelte Hochglanz-Platte "Happiness" bekommen von uns einen dicken Dämpfer verpasst, aber da wären noch die immer sehr guten, nie ganz großartigen Minus The Bear und Interpols vierter Streich.

Junip - Fields

Auf diesen Mann konnten sich in der Vergangenheit so einige Musikliebhaber einigen. José Gonzáles aus Göteborg hat aber auch das ein oder andere richtig gemacht. Was dabei heraussprang war ein Auftritt in der als Starthelfer hoffnungsvoller und erfolgsversprechender Indie-Musik bekannten TV-Serie "O.C. California" sowie ein Song ("Heartbeats"), den jeder Dorftrottel kennen dürfte, wenn man bedenkt, dass er einen Werbespot für einen Flüssigkristallbildschirm eines großen Elektronikherstellers untermalte. Doch mit Junip ist alles anders. Mit seinen beiden Buddys Elias Araya und Tobias Winterkorn nimmt der Schwede eine Platte auf, die ganz und gar von dem Schmalz seiner - zugegeben hervorragenden - Soloalben befreit ist. Der (Indie-)Folk auf "Fields" beherbergt Melodien für die Ewigkeit und entledigt sich der obligatorischen Waldschratbärte und aller anderer irdischer Dinge. Selten ist mir in letzter Zeit eine Platte untergekommen, die so leicht und doch so von Belang ist. Hierfür gibt es (fast) alle Daumen hoch! (9) Andreas Peters

VÖ: 10. September via City Slang (Universal)

Listen: Junip - Rope And Summit

 

 

Hurts - Happiness

Im Herbst 2009 sind mir Hurts das erste Mal aufgefallen. Etwas abseits vom in Richtung Mainstream gedrängten Prepness-Pop mit Afrobeatanleihen á la Vampire Weekend war ich vor allem erst einmal Fan vom Look der beiden Briten: schwarz und weiß, grau in grau, fester Scheitel – perfekt. Und dazu dann diese Attitüde: die eigentliche Teasersingle „Wonderful Life“ lässt sich im Netz nirgends finden; dafür aber dann der Remix ebenso wie ominöse YouTube-Videos, die nach wenigen Tagen wieder vom offizieller Seite gelöscht werden. So kreiert man einen Hype – kein Wunder, denn Viral ist ja derzeit ziemlich en vogue. Ein knappes Dreivierteljahr später ist jetzt mit „Happiness“ endlich das Debüt erschienen. Und hat mich auf ganzer Linie enttäuscht. Warum? „Happiness“ zelebriert zu keinem Moment den Charakter oder den Habitus, welcher seitens Hurts (und später dann der Plattenfirma) in den letzten neun Monaten kommuniziert wurde. Was hier geboten wird ist leider Gottes wirklich der Depeche Mode-Abklatsch mit Tears For Fears-Referenzen, den viele dann doch befürchtet hatten. Wie kann man bitteschön den Charme des ersten Clips zu „Wonderful Life“ so komplett leugnen und vom sypathisch-grobkörnigen Low Budget zum HD-Konsens im rechten Winkel zurückrudern? „Happiness“ ist ein Pop-Abkommen vor dem Herrn. Aber keines mit den netten Verweisen oder drei mal um die Ecke gedachten Zitaten, sondern in seiner simpelsten und banalsten Form. „Stay“ kann dabei wohl als Paradebeispiel für ein imposantes Pop-Pamphlet gelten, welches mit einer fast schon dreist anmutenden Ausdruckslosigkeit, Pathos und Schmonzettencharakter zusammengeklebt wurde und so bombenfest sitzt wie Theo Hutchcrafts Pomadescheitel. Genauso „Unspoken“ mit seinen oberflächlichen New Romantic-Anleihen oder „Silver Lining“ mit uninspirierten Wave-Sperenzchen die schlicht eine Beleidigung für ambitionierte Pop-Zitateure darstellen. Natürlich: generell lässt sich an „Happiness“ eigentlich nichts aussetzen – das Prinzip Hurts scheint ja zu funktionieren. Aber ich bin wirklich maßlos enttäuscht, wie wenig von dem einstigen Geheimtipp und der ganz besonderen Phänomenalität der Herren Hutchcraft und Anderson übriggeblieben ist. Nämlich schlichtweg gar nichts. Hier wurde aufstrebenden und hungrigen Künstlern an allen Ecken und Enden reingeredet. So lange, bis ein so unspektakuläres Pop-Album wie „Happiness“ dabei herauskommt und man damit im „Morgenmagazin“ der ARD auftreten kann. Das sagt nämlich leider eigentlich schon alles. (1) Jan Wehn

Bereits erschienen via Vier Musik

Listen: Hurts - Silver Lining

 

 

Minus the Bear - Omni

Minus the Bear ist eine Band zum Liebhaben. Nicht zu verschroben um zu nerven, nicht zu glatt um als peinlich zu gelten, wenn man sie laut hört. Musik für Leute aus Jeans- oder Bier-Werbungen. Frei, fröhlich und seelig-melancholisch am Lagerfeuer, oder auf der Spontan-Party im verlassenen Werksgelände. Dazu kommt „Omni“ gerade rechtzeitig zum vorzeitigen Jahreszeitenwechsel. Die Single „My Time“ will die Sonne noch festhalten, dafür klingt „Excuses“ wie ein Regentag. „Into the Mirror“ öffnet das Feierabend-Bier und „Fooled by the Night“ den Wein. So ist es ein ständiger Schlagabtausch zwischen den Gezeiten. Der rote Faden sind Minus the Bear selbst. Die Stimme mit 80er-Hall, die Gitarren leicht angezerrt und delayed, die Keyboards unterstützend. Manchmal Pärchen-Musik, manchmal für die Einsamkeit, doch jederzeit für die aktuelle Wetterlage. Fraglich, ob „Omni“ auch außerhalb diese Kontextes den Test der Zeit bestehen kann. Bis über den Winter wird es vielleicht reichen, darüber hinaus fehlt mal wieder der Hit. Doch im Jetzt und Hier funktioniert es und das zählt. (7) Matthias Schädl

Bereits erschienen via Universal Music

Listen: Minus The Bear - My Time

 

 

Interpol - Interpol

Paul Banks hat seine Solopfade verlassen und ist zur Geburtsstätte großen New Yorker New Wave/Post-Punks zurückgekehrt. Auf Album Nummer 4, zur Abwechslung selbstbetitelt - gibt es ganz viel Gewohntes und wenig Neues, das dann auch schnell abgehakt ist. Zum einen wäre da diese noch intensivere Bassarbeit zu nennen, die der Platte eine besondere musikalische Düsternis und Tiefe verleiht, gleichzeitig aber auch ein treibendes Element ist. Und da wäre Paul Banks' Stimme zu nennen, die noch schärfer ist und noch eindringlicher an den dünnen Gräten, die wir Nerven nennen, sägt. Überhaupt die Nerven: Spannung wird auf "Interpol" groß geschrieben und oft quälend langsam aufgebaut, um dann im erlösenden Moment die Zügel loszulassen und die gebremste Melancholie zu entfesseln, in treibende Bässe, pointiertes Drumming und flirrendes Gitarrengesäusel loszulassen. Sam Fogarino hat angekündigt, dass Album Nr. 4 wieder an die großartige "Turn Off The Bricht Lights" anknüpfen würde: das ist vielleicht eine Nummer zu hoch gegriffen. Dennoch ist "Interpol" ein weiterer Schritt nach vorn, nach dem eher schwächeren "Our Love To Admire". (7) Andreas Peters

Bereits erschienen via Coopertaive Music (Universal)

Listen: Interpol - Barricade