Soundcheck mit School Of Seven Bells, Marteria, Prince und Matthew Dear

Die Fußstapfen von My Bloody Valentine, die (erneute) Wiedererfindung des Deutschrap, Musik aus Magazinen und eine (ungewollte) Hommage an Trent Reznor und James Murphy. Die neuen Alben von School Of Seven Bells, Marteria, Prince und Matthew Dear bringen so einiges mit sich. Wie haben sie für euch unter die Lupe genommen.

 

School Of Seven Bells - Disconnect From Desire

Manchmal ist es so, dass Platten zu gut sind, zu routiniert, einfach zu perfekt. "Disconnect from desire" schrammt an diesem Status knapp vorbei. School Of Seven Bells trampeln mit einer Mischung aus Dream Pop und New Wave in den - zwar immernoch viel zu großen - Fußstapfen von My Bloody Valentine und lassen in keiner Sekunde einen Lichtblick zu. Pastorale Chöre und beklemmende Gitarrenwände formieren sich zu einer musikalischen Architektur, die im übertragenen Sinne einer Kirche gleicht - schön und bedrohlich, das sind die beiden Pole, zwischen denen sich "Disconnect from desire" spannt. Dabei locken "Windstorm" und "Heart Is Strange" zunächst mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit, laden dazu ein, sich in der Musik zu verlieren, locken mit der Absenz von Gefahr, die mit "Dust Devil" langsam einsetzt und erst am Ende der Platte nachlässt. Dann ist es zu spät, dann hat man sich schon verloren in diesem fast zu perfekten Dark Pop. (7) Andreas Peters

Bereits erschienen via Pias UK (Rough Trade)

 

Marteria - Zum Glück in die Zukunft

Da ist es also endlich: das Album, auf welches deutscher Rap so lange gewartet hat - innovativ, selbsbewusst, eigenständig. Während sich die Räuberpistole im Deutschrap mittlerweile selbst in den dauererrigierten Schwanz beißt und vermeintlich experimentierfreudiger Sprechgesang mit NuRave von vor drei Jahren experimentiert, hat Marteria mit „Zum Glück in die Zukunft" eine eigene, klar definierte und bahnbrechende Linie gefunden. Da wäre zum Beispiel die Single „Verstrahlt", welche mit hypnotischem Triangel-Snap-Drumset und der eingängigsten Hook aufwartet, die ein deutscher Rapsong seit langem gehört hat. Irgendwo zwischen Deichkind und Lützenkirchen öffnet Marteria hier ein vielschichtiges Deutungsfeld, welches dem Morgen nach durchtrippten Bar 25-Nächten genau so zulässt wie das Verliebtsein im Anfangsanfangsanfangsstadium. Oder: "Veronal (Eine Tablette Nur)" mit Miss Platnum, welches im krassen Gegensatz zum recht spaßigen Gesamtbild der Platte steht: alptraumartige Momentaufnahmen aus dem Kreuzberger Moloch, denen selbst das dauerbreite Alter Ego Marsimoto nur mit verbotenen Barbituraten aus den Siebzigern Herr zu werden scheint. Großes, trauriges Kopfkino. Und zu guter letzt: „Sekundenschlaf": hypnotische Standuhr-HiHats, ein souveräner Peter Fox an der Hook und Marteria mit den wohl stärksten Zeilen auf "Zum Glück in die Zukunft". Zum Nachdenken, zum Älterwerden und trotzdem Jungbleiben. "Haus am See" reloaded. Ziemlich singleverdächtig. Freitag kommt's raus - hört's euch an. Ihr werdet begeistert sein. (9) Jan Wehn

20. August 2010, via Four Music

Listen:Marteria - Verstrahlt

 

 

Prince - 20ten

Prince ist ein Visionär und ein Anarchist- schon in den 90er Jahren war er der erste, der gesagt hat, wenn sich das Internet durchsetze, gehe es mit der Musikindustrie bergab. Dann er hat er ein Album rausgebracht, das ausschließlich digital erhältlich war. Und nun verscherbelt er  sein neues Album als Beilage zum Rolling Stone. Auch musikalisch weiß man bei Prince ja nie, was er als Nächstes tut; aber auf diesem Album halten sich die Experimente in Grenzen. Der Sound ist sehr elektronisch, d. h. die Drums und die für den Funk typischen Bläsereinsätze kommen größtenteils aus dem Synthesizer. Darüber werden aber auch immer wieder echte Instrumente gelegt, die - von den Bläsern abgesehen - alle wieder von Prince persönlich eingespielt wurden. Insgesamt tanzt der Sound auf der Grenze zwischen Bekanntem und Ungewohntem, weswegen die Songs auch nicht direkt ins Ohr gehen, sondern mit der Zeit gewinnen. Letztlich unverkennbar ist aber doch Prince' Handschrift, diese Mischung aus ironischem Kitsch und Größenwahn, am besten ersichtlich in der Textzeile: „From the heart of Minnesota, here come the purple Yoda". Für gerade mal sieben Euro lohnt sich die Platte in jedem Fall - und es gibt ja noch ein Magazin als Beilage. (7) Michael Dembach

Bereits erschienen

Listen:Prince - Compassion

 

Matthew Dear - Black City

Dieser Matthew Dear ist ein unruhiger Wanderer. Von Pseudonym zu Pseudonym und von Label zu Label führte ihn seine unstete Reise durch diverse Spielarten moderner elektronischer Musik. Bis er bei seiner letzten Platte "Asa Breed" seinen Handlungsspielraum erweiterte und neben den Turntables auch das Mic bediente. Auch "Black City" wird von seiner wenig facettenreichen Stimme verfeinert und bewegt sich mit dem linken Fuß im Techno, mit dem rechten Fuß im Pop. Doch für den Dancefloor ist dieses dunkle Stück Musik kaum geeignet. Eher für den beschwörerischen Tanz in den eigenen vier Wänden, bei strahlender Sonne, doch mit heruntergelassenen Jalousien. Erst das Trent Reznor'eske "You Put A Smell On Me" bereitet als letzter wirklich trübsinniger, dunkler Track das Ende der Dunkelheit vor. Danach werden die Jalousien etwas hochgelassen, die Stimmung erhellt und die bösen Geister (zumindest zum Teil) vertrieben. Matthew Dear nimmt eine Platte auf, die auch hätte entstehen können, wenn sich Trent Reznor und James Murphy auf einem Friedhof treffen, um gemeinsam Musik zu machen. Gruselig toll. (7) Andreas Peters

Bereits erschienen via Ghostly International (Alive)