Nachdem wir alle genug getrauert hatten, konnten wir uns mit Musik wieder über das Halbfinal-Aus der Nationalmannschaft hinwegtrösten. Und da gab es in dieser und der letzten Woche einige sehr gute Veröffentlichungen. Maya Arulpragasam ist wieder auf der Bildfläche und haut mit "Maya" mal wieder ein Klasse-Album raus. Dem stehen die Jungs von Wolf Parade und die "wiedervereinigten" Roots nicht viel nach. Ach, und dann gibt es ja auch noch diese Remix-Platte des ebenfalls grandiosen "Get Color", der letztjährigen Zweitveröffentlichung der Noise-Rocker HEALTH.
M.I.A. - Maya
"M.I.A. common' back with power power." Yes, eines der langersehntesten Alben des Jahres (zumindest von mir heißt erwartet) bietet nicht viel mehr und nicht viel weniger als das Erhoffte. Mathangi "Maya" Arulpragasam ist und wird niemals leise sein. Auch wenn sie sich entschied, den aktiven Tourbetrieb vorerst einzustellen, meldete sie sich mit "Born Fee" und dem unfassbar krassen Video dazu wieder auf der Bildfläche zurück. Und sie hat Fragen, viele Fragen - und möchte auf die Probleme dieser Welt aufmerksam machen. Antworten in Form von politischen Statements hat sie nicht und somit bleiben ihre Songs auch von Populismus unbehelligt. Es geht um Lärm, den man macht, darum, ein Signal zu setzen, und das schafft die gebürtig aus Sri Lanka stammende "Maya" auch auf ihrem ebenso betitelten dritten Album. Eingesetzt wird alles, was laut, auffällig oder außergewöhnlich ist. Gepaart mit ihren World-Beat- und Hip-Hop-Einflüssen, ist "Maya" zum dritten Mal eine unfassbar großartige, aufreibende und besondere Platte geworden. Wäre die Musik von M.I.A. eine Frau, dann hätten wir jetzt Sex mit ihr. Denn auch beim dritten Treffen zieht sie uns voll in ihren Bann. (9) Andreas Peters
Bereits erschienen via Xl/Beggars Group (Indigo)
The Roots - How I Got Over
?uestlove war mit seinem Bandgefüge The Roots immer Konsensband Nummer 1, wenn es für Indie-Fans um die Auseinandersetzung mit Hip-Hop ging. Man fand das immer alles ganz toll, doch je mehr Alben The Roots rausbrachten, umso schneller war die Luft raus. Man hatte mach einigen Hördurchgängen dann genug. Die Folge: "Rising Down" sollte das vorerst letzt Album der Jungs aus Phillie sein. Dann schnappte sich ?uestlove aber Rapper Black Thought und eine Latte an illustren Musikern aller Couleur und nahm mit "How I Got Over" nochmals eine Platte auf, die wieder zu begeistern weiss. Wie lange das der Fall sein wird, wissen wir noch nicht. Doch gemeinsam mit den Monsters Of Folk, den Dirty Projektors und Joanna Newsom wird hier auf Albenlänge ein jazziges Stück indiephiler Hip-Hop-Kultur geboten. Genießen wir das einfach, solange wir es können. (7) Andreas Peters
Bereits erschienen via Def Jam (Universal)
Listen: The Roots - Right On (Feat. Joanna Newsom & STS)
Wolf Parade - Expo 86
Wolf Parade haben sich eine schöne Indie-Nische gesucht. Irgendwo zwischen Arcade Fire, Okkervil River, The Killers und David Bowie. Gute Nische. Doch Dan Boeckner und Spencer Krug ruhen sich nicht nur darauf aus, dass sie die Schnittmenge zwischen den Referenzen sind, sondern fügen dieser vielversprechenden Konstellation eine eigene Note bei: Pure Spielfreude! Nichts auf „Expo 86" klingt perfekt. Weder die Produktion, noch die Ausformulierung der Songs oder das MGMT-Keyboardeske in „Palm Road". Doch dafür ist der Spirit klar durch eine Unbeschwertheit geprägt, der man einfach gerne zuhört. So unverschämt unbeschwert klingen diese Songs. Und noch etwas haben die Kanadier auf „Expo 86" geschafft: Emotionale Freiheit. So kann das Album bei Regen, Kerzen, Sartre und Rotwein genauso funktionieren, wie beim Cabrio-Trip zur Nacktbadebucht. Dabei sind es weniger die einzelnen Tracks, sondern umso mehr das Gefühl, das durch sie transportiert wird. Einziger Wermutstropfen ist der natürliche Wunsch nach einem Hit, der hier nicht erfüllt wird. Trotzdem eine der bisherigen Schönheiten 2010. (8) Matthias Schädl
Bereits erschienen via Sub Pop (Cargo Records)
Listen: Wolf Parade - Ghost Pressure
HEALTH - Disco 2
Remix-Alben sind, mit Verlaub, meist eine unnötige Ansammlung von mediokren Neubearbeitungen meist ohnehin schon mediokrer Songs. Kurz: Überflüssig wie Mückenstiche, schimmliges Brot und warmes Bier. Es mag diese Einstellung gewesen sein, die meinen ersten Eindruck von "Disco 2" - der Remix-Platte zum letzten Album "Get Color" nahezu euphorisch erscheinen ließ. Andererseits könnte es auch an der Band liegen, deren Musik hier zum Objekt der Remix-Arbeiten auserkoren wurde. Denn die großartigen Songs bestehen zu allererst aus Chaos, Noise und Strukturlosigkeit. Zumindest auf den ersten Blick. Doch allerspätestens die Neubearbeitung einzelner Elemente hilft dabei, das Original in seine Einzelteile zerlegen zu können und am Ende das Ergebnis der Summer der einzelnen Teile nicht nur umwerfend zu finden, sondern es sogar nachvollziehen oder verstehen zu können. Dass aus den Noise-Rock-Songs am Ende elektronische Stücke aller Variationen werden, ist dabei zunächst nur eine Randnotiz, wird aber dann zu einem wichtigen Hinweis, wenn man sich die Klasse der Remixe von "Bevor Tigers" (Gold Panda), "Eat Flesh" (Crytal Castles) oder "Die Show" (Pictureplane) anschaut. Durch eine Fokussierung auf einzelne Elemente und eine veränderte Rhytmisierung erhalten die Tracks nicht bloß einen anderen Kontext, sondern wandern in ein fast fachfremdes Genre über. Chapeau! Und ein Plädoyer für das gut durchdachte Remix-Album. (7) Andreas Peters
Bereits erschienen via City Slang (Universal)