Volker Kutscher - Der nasse Fisch

Berlin 1929: der rheinländische Kriminalkommissar Gereon Rath hat Glück gehabt. Das hervorragende Netzwerk seines Vaters hat ihm, nach einem verunglückten Schuss mit tödlichen Folgen, eine neue Stelle in der Hauptstadt verschafft. Nun arbeitet er bei den Pornofritzen von der Sitte und der bisweilen blutige Kampf von Nazis, Kommunisten und Sozialdemokraten sorgt für nervenaufreibende Polizeieinsätze. Nein, Berlin empfängt seine Gäste nicht gerade freundlich.


Doch beschweren sollte sich in diesen Zeiten niemand, der einen festen Job hat. Die Weltwirtschaftskrise ist in Berlin angekommen, Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung, Drogen sind die Folge. Gereon erlebt dies alles aus nächster Nähe – er verhaftet Zuhälter, Pornodarsteller und Türsteher, allesamt auf Koks, der Modedroge Berlins. Allerdings ohne große Leidenschaft, denn eigentlich kann er nicht erkennen, warum die Polizei ihre Zeit mit Pornographie verbringen sollte. Gibt es nicht genug richtige, ernste Probleme – Mord und Totschlag, blutige Straßenschlachten, riesige Drogenkartelle? Und er, Gereon Rath, gelernter Mordermittler, jagt nun Männer „deren Verbrechen darin bestand, einem abgedankten Kaiser ähnlich zu sehen und sich beim Vögeln fotografieren zu lassen“. Doch um eine der heißbegehrten Stellen in der Mordkommission Inspektion A zu besetzen, muss man einen echten Knüller hinlegen, einmal Starermittler sein. Und so beginnt Gereon, seine eigenen Untersuchungen in einer mysteriösen russischen Mordsache anzustellen. Seine Informationen kann er mit niemand teilen, seine Kontakte und Treffen in der Unterwelt laufen ohne Sicherung und Kollegen ab. Dabei gerät er von einer brenzligen Situation in die nächste, russische Schlägertrupps, die Verrückten von der SA, alte Militärs und sogar sein eigener Chef scheinen in „seinem“ Fall mit drin zu hängen. Die offizielle Mordermittlung bleibt weitgehend ohne Ergebnis – und Gereon Rath wittert seine Chance den überforderten Kollegen aus der Inspektion A einen gelösten Fall zu präsentieren.

Eines Abends treiben ihn seine Ermittlungen in einen Nachtclub, wo er, um nicht erkannt zu werden, eine Linie Koks mit einer Art Swingerpärchen teilt. In der gleichen Nacht erschießt er einen Verfolger im Kampf, aus Versehen, ein Schuss hat sich gelöst. Und doch kann er in seinem Zustand niemand herbeirufen – ein erneuter Todesschuss, diesmal auf Koks und betrunken bei unautorisierten Nebenermittlungen – nein, Raths Karriere wäre beendet, bevor sie überhaupt angefangen hat. Und so verschart er die Leiche in einer nahegelegenen Baustelle, verwischt seine Fußabdrücke und schlägt sich zu seiner Pension durch, verbrennt seine Sachen und legt sich schlafen. Wie es der Zufall so will: ein paar Wochen darauf bekommt Gereon Rath seinen ersehnten Platz in der Inspektion A – und darf sofort eine Mordermittlung leiten: eine männliche Leiche, verschart in einer Baustelle, unweit des Rotlichtmilieus...

Mittlerweile häufen sich die Schwierigkeiten für Gereon Rath. Er muss die Beweise seines "Missgeschicks" verschwinden lassen, sich mit den Sticheleien seiner Kollegen auseinandersetzen, die ihn für einen Streber aus dem Westen, der mit Papis Hilfe Karriere macht, halten und sich eine neue Wohnung suchen. Nach einem One-Night-Stand mit seiner ältlichen, verwitweten Vermieterin nimmt ihm diese die Besuche seiner neuen Freundin Charly furchtbar übel. Kaum findet sie einen Frauenstrumpf in seinem Bett, setzt sie ihn ohne Zögern auf die Straße. Rath wird von seinem früheren Chef bei der Sitte, Onkel Willi, aufgenommen – doch bald entdeckt er, dass dieser eine dubiose Rolle in seiner Mordermittlung einnimmt. Welche Rolle spielen Onkel Willis preußische Seilschaften aus Armeezeiten und die unsympathischen Freunde aus der SA? Und warum sind schon mehrfach junge ehrgeizige Kollegen aus Willis Umfeld bei „tragischen Unfällen“ ums Leben gekommen?

Gereon Raths Ermittlungen lassen das Berlin der späten Weimarer Republik lebendig werden, sind spannend und oft lustig geschrieben – eine absolut lesenswerte Variante des historischen Romans. Spannend vor allem, weil der Individualist Gereon Rath viel besser in unsere Zeit passen würde. Desillusioniert und unpolitisch verfolgt er seine eigenen Karriereziele – und bedient sich dabei großzügig all der Bekanntschaften und Netzwerke, die er zur Verfügung hat. Warum auch nicht, er will nach oben kommen, einen spannenden und anspruchsvollen Job machen – und die andern machen das sicher genauso, da kann man sich ja nicht aus Überanstand einen Wettbewerbsnachteil verschaffen. Dennoch ist Rath kein Zyniker, die Toten der Straßenschlachten, das Elend des Proletariats – all das berührt ihn schon (wenn auch weniger als sein eigenes Wohl und Weh), doch er zieht pragmatische Lösungen dem revolutionären Geschrei der Kommunisten vor. Und auch sein Privatleben dürfte vielen bekannt vorkommen – er ist bereit sich zu verlieben und treu zu sein: allerdings nur, wenn wirklich alles passt. Für eine kluge und lustige Frau, die ihm seine Freiräume lässt, ähnlich ehrgeizig wie er Polizeidienst und Jurastudium kombiniert, macht er schließlich Zugeständnisse – doch sein Beruf, der geht weiterhin vor. Gereon Rath, ein typischer Vertreter der Generation Praktikum im Berlin der Weltwirtschaftskrise – aktueller und politischer kann ein historischer Roman kaum ausfallen.
 
 
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008
Ab 8,95 Euro (Taschenbuch)