Kai Jakob – Street Art in Berlin

Der Hundedreck auf dem Boden, zerschlagene Flaschenscherben und der graue Müll in den Ecken, das ist zunächst das erste, was man entdecken könnte, wenn man durch Berlins Straßen streift.

Unansehnlich, staubig und rotzig ist das. Stolpert man ein bisschen weiter, dann fällt  einem aber vielleicht auf, an den grauen Häuserwänden oder an halbkaputten Mauern, dass das Stadtbild außer durch das Eintönige der Tierexkremente noch durch etwas anderes geprägt wird. Man wird Schriftzüge, Symbole und Bilder der Street Artists finden, überall, an so vielen Stellen der Stadt. Das feine, kunstvoll Kreative ist direkt neben dem Dreck, vielleicht auf plumpen Betonklötzen angebracht. Unstimmig mögen einige das finden. Gleichzeitig ist es aber auch unverschönt und wahrscheinlich dadurch so charmant.

Es gibt kaum eine andere Stadt in Europa, deren Street Art-Szene genauso weit reichend, so vielfältig ist wie jene in Berlin. Eine Erklärung dafür liegt in der Geschichte der Stadt: Die Mauer fällt und Ostberlin ist eine Wüste. In die Leere dieser Gegend ziehen die Künstler. Auf einmal sind Musiker und viele andere Kreative da. Dann sollte die Stadt wieder Hauptstadt werden. 1995 war das und nun wird Berlin immer nur noch interessanter und attraktiver, ein Anziehungspunkt für Ausstellungen, kleine Geschäfte, Verlage und Agenturen.

Graffiti ist da erst einmal nur eine Ausdrucksweise von Straßenkunst, die wahrscheinlich die bekannteste ist, einfach weil sie am Beginn der ganzen Bewegung steht. Aber es war 1970 und in Paris, als die ersten Stencils auftauchten, die mit Schablonen gemacht werden. Von dort aus kamen sie dann schnell überall hin. Außerdem gibt es Paste-ups, Plakate, die einfach aufgehängt werden, und es gibt Sticker Art und Tape Art mit Klebestreifen. Da sind Collagen, Scratchi, was ein Einkratzen in Oberflächen ist, man kann die Farbe direkt auf die Oberfläche auftragen, manche Künstler entwerfen ganze Installationen und Umbauten.

Fassaden, Bauwagen und Werbewände. Die Stadt wird zu einer einzigen Galerie. So ist das Buch eigentlich ein Bilderbuch. Wie könnte man dem Leser die Kunst in den Straßen auch besser zeigen, als auf Bildern? Bunte Beispiele sollen gegeben werden, das Buch ist voll gepackt mit Fotos zur Veranschaulichung. Schließlich soll der Leser möglichst viel mitbekommen. Doch dadurch wirken die Seiten oftmals überladen, sodass die eigentlich intensiven und ausdrucksstarken Kunststücke in der Stadt in dem Katalog kaum wirken können. Einzelne Künstler werden hierbei besonders hervorgehoben. Dies sind die Stencils von XOOOOX, das ist El Bocho mit seiner Karikatur Little Lucy, Just, der eigentlich unerreichbare Häuserwände mit seinem auffälligen Schriftzug versieht. Da sind Emess, Dolk und Alias mit ihren irritierend  provozierenden Darstellungen von Friedenstauben, die Munition abwerfen, von Frauen, die mit gezündeten Handgranaten spielen und von Kleinkindern auf brennenden Bomben. Und auch Darstellungen von Linda’s Ex, der die verstrickte Geschichte einer verlorenen Liebe zu dokumentieren scheint, sowie von Tower oder SP 38, die fast nur mit Schriftzügen arbeiten, gehören zum festen Stadtbild in Berlin. Es gibt besonders provokante und aufsehen erregende Arbeiten unter den vielen, wie die, des Künstlers JR. In seinem Paste Up-Projekt Face to Face stellt er Fotos von Palästinensern und Israelis auf Plakaten vergrößert dar und hängt sie aus in Städten wie Haifa, Tel Aviv, Jericho, Hebron, Ramallah und Jerusalem. Auf den Bildern ziehen die Menschen Fratzen, zeigen wunderliche Gesichtsausdrücke, die die Menschen dieser gegnerischen Parteien einander näher bringt. Und auch in Berlin, der ehemals geteilten Stadt hängen einige dieser Bilder.

Doch auch Erklärungen, Erläuterungen zu Stilfragen und Information zu Künstlern liefert das Buch. Beispielsweise wird der Leitgedanke von Street Art, Reclaim the Streets, verdeutlicht. Er richtet sich gegen die Allgegenwärtigkeit und die Penetranz von Werbung, gegen ein immergleiches Stadtbild, gegen Austauschbarkeit und Monotonie. Die Künstler wollen die Straßen zurückerobern. Neben Plakaten von Heidi Klum, neben H&M- und Edekawerbung sind die Graffitis, die Stencils und Paste-ups inzwischen ein fester Bestandteil darin und behaupten sich in Berlins Straßen beständig gegen Top-Models, die neuste Sommerkollektion oder Schweinekotelett im Angebot.
Jaron Verlag, Berlin 2009³
19,95 Euro