Soundcheck mit Drake, Blitzen Trapper, We Are Scientists und The Gaslight Anthem

Als wir in der letzten Woche den Ausfall des Soundchecks entschuldigend twittern mussten, gleichzeitig darauf verwiesen, in dieser Woche wieder mit tollen Platten für euch da zu sein, konnten wir nicht wissen, wie gut diese Platten sein werden. Zugegeben, was bis dahin von den neuen VÖs von Drake und The Gaslight Anthem zu hören war, war vielversprechend und somit war dieser Tweet keine Prognose ins Blaue. Doch Thank Me Later beendet als bestes Hip-Hop-Album dieses Jahres irgendwie schon das Jahr 2010 und American Slang übererfüllt unsere Erwartungen, die The '59 Sound aufgebaut hat, sogar noch. Blitzen Trapper machen auch verdammt Lust auf den Sommer, We Are Scientists weniger. Dieser Soundcheck beweist das nahezu Unbeweisbare: es gibt dieser Tage noch mehr als Fußball!

 

Drake - Thank Me Later

Wir müssen nicht groß drum herumreden. Thank Me Later, das Debütalbum des kanadischen Rappers Drake ist schlichtweg das beste HipHop-Album des Jahres 2010. So etwas geschieht natürlich nicht von heute auf morgen; Drake hat sich einen Namen gemacht, er hatte ein Ziel und er hat dafür gekämpft. Dabei bekamen die ersten beiden Mixtapes des aufstrebenden Jungschauspielers, der in der kanadischen Serie „Degrassi" den Jimmy Brooks mimte, bekamen trotz Kredibiltätskonsens mit R'n'B-Topnotch Trey Songz auf der einen und den Rucksackrappern von Little Brother auf der anderen Seite, noch wenig Aufmerksamkeit. Aber dann, Anfang 2009, erschien das dritte Mixtape So Far Gone und vom einen auf den anderen Tag war das Leben von Aubrey Graham plötzlich nicht mehr dasselbe. Die geschickte Zusammenführung aus dem bombensicheren Raptalent eines Lil Wayne (dessen gleichzeitiges Ziehvatertum er von da an genoss) und der authentischen Melodramatikperformance und schier unfassbaren Präsenz eines Kanye West ließen So Far Gone binnen weniger Wochen zum erfolgreichsten Mixtape des Jahres 2009 reifen - über 1 Millionen Downloads sprechen für sich. Nun, Thank Me Later macht logischerweise dort weiter, wo So Far Gone aufhörte und durch fehlende Erfahrung vielleicht noch etwas im Dunkeln tappte. Herausgekommen ist dabei schlichtweg das schlüssigste und selbstbewussteste Debütalbum, welches ich seit Kanye Wests College Dropout im Jahr 2004 gehört habe. Wie mein Kollege Alexander Engelen in seiner Albumkritik für laut.de schon treffend formulierte, ist es genau dieses Selbstbewusstsein im Sinne des Wissens um das eigene Schaffen, Tun und stellenweise sogar Können, welches Drake sich selbst und dem Hörer immer wieder ins Gedächtnis ruft. Der plötzliche Ruhm, der schnelle Aufstieg, das noch schnellere Geld - Drake ist noch jung und lässt uns auf eine fast schon naive und stets devot-dankbare Art und Weise an seinem Entwicklungsprozess teilhaben. Dabei breitet der gerade mal 23-jährige diesere inneren Konflikte vor uns mit einer fast schon unbedarften Offenheit und Objektivität aus. All das macht ihn und seine Musik so unfassbar sympathisch und Thank Me Later - ja, ich sage das jetzt noch ein drittes Mal - zum besten HipHop-Album dieses Jahres. Überzeugt euch selbst. (10) Jan Wehn

Bereits erschienen, via Universal Motown / Cash Money / Young Money

Listen: Drake - Fireworks (feat. Alicia Keys)

 

 

Blitzen Trapper - Destroyer Of The Void
Timing ist wichtig. Und da die Abende nun lang und lauschig sind, haben Blitzen Trapper in diesem Punkt alles richtig gemacht. Was passt wohl besser

zu einem ausklingenden Indie-Grillfest, als eine ordentliche Würzmischung aus der Instrumentierung und Gesellschaftstraurigkeit von Okkervil River, der sphärischen Leichtfüßigkeit von Portugal.The Man und einer Lennon & McCartney-Stimme 2.0?
Wo die ersten fünf Alben der Jungs aus Portland noch die Referenzen aus The Greatful Dead und The Kinks gezogen haben, wird auf Destroyer Of The Void nun dem ruhigen Part der Seventies gehuldigt. Trotzdem passt das Album zu Bier UND Wein. Was den Jubelschrei etwas leiser werden lässt, ist die fast vollständige Abwesenheit von Hits. Einzig „The Tree" ist ein Ohrwurm, den man auf einer Cassette unbedingt hinter „Winter Winds" von Mumford & Sons parken sollte. Nicht das der Rest Skipmaterial wäre, aber die Eindringlichkeit der absolut gut gemeinten Ideen fehlt am Ende. So ist „Destroyer of the Void" leider nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein schönes und reifes Album für die Hintergrundbeschallung der o.g. Abende und Nächte. (6) Matthias Schädl

Bereits erschienen via Sub Pop

Listen: Blitzen Trapper - Heaven And Earth

 

 

We Are Scientists - Barbara
Entschuldigung, haben Sie etwas gesagt? Ich weiß nicht so genau, ob die Jungs von We Are Scientists das mit der neuen Platte Barbara versucht haben, aber angekommen ist bei mir jedenfalls nichts. Man wird mit seichtem Winken und lahmen Melodien in die Platte reingewunken und auch die folgenden Tracks "Nice Guys" oder "Jack & Jinger" können vielleicht schocken, allerdings nur jene die letztes Jahr im Koma lagen und zudem das Debütalbum, dass damals im übrigen echt Spaß gemacht hat, nicht kennen. Herrje, hält New York keine Musen mehr für euch bereit? "Pittsburgh" startet dann ganz gut mit dunklen Elektro-Tönen und Drums statt fluffiger Gitarre, aber leider verfällt der Song in eine unglaubliche Schwerfälligkeit. Auch Ambition könnte etwas mehr -Achtung- Ambition vertragen, klingt im Refrain eklig teenie-poprockig und der Rest ist auch uninspiriert. Was soll man noch sagen? Es gibt einen ganz netten Abschluss, durch das gut gelaunten "Central AC" mit viel altbekannter Gitarrenarbeit, aber rausgerissen wird damit auch nichts. Man könnte meinen, da sich nun die Band durch den neuen dritten Mann in Form des Drummers Andy Burrows (ehem. Razorlight), wieder als solche schimpfen darf, sie wieder mit ganz viel Kraft in den Indie-Ring steigen. Ich würde bei dieser Platte aber eher von einem K.O. sprechen, nicht auf technischer aber definitiv auf künstlerischen Ebene. Schade. (4) Silvia Follmann

Bereits erschienen via Pias UK / Integral (Rough Trade)

Listen: We Are Scientists - Rules Don't Stop

 

The Gaslight Anthem - American Slang
Das Wichtigste vorab: Gebt American Slang etwas Zeit, denn die Jungs um Brian Fallon haben richtig daran getan, dass sie nicht versucht haben, die Hit-Dichte von The '59 Sound zu übertreffen. Daran wären sie wohl gescheitert. Zu groß, zu mächtig und zu eindringlich waren die Hymnen. Stattdessen haben sie ein A

lbum geschaffen, das in seiner Gesamtheit der Hit ist. Die Melodien geben nicht mehr das Gefühl vor, sondern unterstreichen die großen Geschichten über die kleinen Leute und die kleinen Randnotizen über den großen Ruhm. Wenn der Vergleich mit Bruce Springsteen immer noch auf der Hand liegt, dann diesmal sogar noch deutlicher textlich. Weniger Ist-Zustand, mehr Reflexion. Eine Reife ohne Verbitterung. Und wenn man die Muse hat, sich mit all dem auseinander zu setzen, die Abwesenheit des jugendlichen Punk-Gefühls der Anfangstage als Fortschritt und Weiterentwicklung betrachtet, dann wird American Slang zu einem treuen Begleiter werden. Natürlich gehen „Stay Lucky", „Bring it on", „Orphans" und „Boxer" immer noch geradewegs in die Beine, die Kehle und in die gestreckte Faust, doch dafür lässt dir „The Diamond Church Street" auch die Freiheit, die Sonne laidback im offenen Chevy zu genießen, weil man es nicht mehr eilig hat, sondern bereits angekommen ist. Oder mit den Worten aus „Stay Lucky": „Well, it feels like you just might explode inside / you keep pacing around and waiting for some moment that might never arrive / what you don't have you don't need it anymore". Auf der Suche erleuchtet. Und wenn dann im Abgesang des Albums zu den ruhigsten Tönen im Gaslight-Universum „But I'm older now, and we did it, when we were young" mit kratziger Stimme skandiert wird, dann möchtest du dich zufrieden in den Sonnenuntergang setzen und mit verschmitzten Lächeln zu viel Bier trinken. Sicherlich werden die Die-Hard-Fans den fehlenden Rotz bemängeln und die Neuankömmlinge die offensichtliche Energie von The '59 Sound vermissen, jedoch sind The Gaslight Anthem den kleinen, aber wichtigen Schritt voran gegangen und haben eine Mitte gefunden, die sie wie der Boss ruhig die nächsten vierzig Jahre spielen können. Authentizität und Rock n' Roll haben nun mal kein Verfallsdatum, genau wie Typen wie du und ich. Norman Mailer meinte einst über Truman Capote's „Frühstück bei Tiffany", dass er keine zwei Wörter ändern wollen würde. Ich möchte keine zwei Wörter und keine zwei Töne ändern an American Slang. Somit ist die Bewertung keine aufgerundete 9,8 oder 9,9 sondern eine glatte 10! (10) Matthias Schädl

VÖ: 18. Juni 2010 via Side One Dummy / Cargo Records

Listen: Gaslight Anthem - Stay Lucky