Während Ellen Allien sich im Medium vergriffen hat, hat Trent Reznor sich in der Wahl seiner Liebesbekundungen irgendwie vertan. Statt Rosen und Pralinen, durfte die Frau die Archive des Ex-NIN-Kopfes öffnen und darüber säuseln. Das ganze gabs zum freien Download. Warum das aber doch nicht so schlimm ist, sagt euch Matthias. Die Crystal Castles, irgendwie etwas von der Bildfläche verschwunden, machen mit dem zweiten selbstbetitelten Album dort weiter, wo sie vor 2 Jahren aufgehört haben. Und Andreas bricht eine Lanze für die neue Born Ruffians, die bei hochgeschätzten Kollegen (sagen wir mal: Pitchfork) nicht gut weg kam.
Ellen Allien - Dust
Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir es im Zuge der neuen Flying Lotus-Veröffentlichung mit einer Dame zu tun, die maßgeblichen Einfluss auf die Dubstep-Szene in England hat: Mary-Anne Hobbes. Warum erzähle ich das? Weil Ellen Allien ebenfalls eine erfolgreiche Frau im Zirkus der elektronischen Musik ist und maßgeblich am Berliner Elektroherzen mitwerkelt. Sie ist nicht nur Inhaberin des großartigen Labels BPitch Control, sondern vor allem künstlerisch mehr als ernst zu nehmen. Das hat nicht nur ihre Zusammenarbeit mit Apparat, sondern auch ihr erster Langspieler Sool bewiesen. Doch die eisigen Klänge des Debüts hat Frau Allien abgestreift und mit Dust den Versuch gestartet eine Sommerplatte aufzunehmen - Berghain, Spree, Bar25. Tolle Assoziationen ruft der Sound der Platte hervor. Doch der Wehrmutstropfen folgt auf dem Fuße. Diese Platte hätte kein Langspieler werden müssen, die Tracks hätten auf mehrere 12"er gesplittet oder in Compilations verbraten werden können. So jedenfalls fehlt die Stringenz und das - zumindest lose - Konzept. "You" ist eine Art Rocksong (mit Kraut- und Postrock-Anleihen) in knackigen 2:50. Respektable Leistung, nicht zuletzt da "You" tatsächlich neben "Huibuh" und "Flashy Flash", die - wer hätte es gedacht - ganz anders klingen, eines der Highlights dieser Scheibe ist. Hätte man anders regeln können. Regeln müssen. Dust ist eine tolle Compilation, doch ein schwaches Album, das sich auf dem Weg durch den abwechslungsreichen Genredschungel irgendwo verlaufen hat. (5) Andreas Peters
VÖ: 21.Mai via BPitch Control
Listen: Ellen Allien - Dust (Album Teaser)
How to destroy Angels - Untitled (EP)
Man kann seiner Gattin wahrscheinlich schlecht einen Wunsch abschlagen. Noch unwahrscheinlicher, wenn die Gattin Mariqueen Maandig ist. So muß Trent Reznor wohl gedacht haben, als er seine Soundarchive für die seichte Stimme seiner Frau geöffnet hat. Heraus gekommen ist eine unbetitelte Free Download-EP, die nur einen Appetizer für ein Album sein soll, dass laut Mr. Reznor dann aber ganz anders als Nine inch Nails klingt. Sind wir mal gespannt, was uns dann erwartet. Die EP jedenfalls ist NIN pur. „A Drowning" und „The Space In Between" sind atmosphärische Wunder, die eine Schnittmenge aus „The Great Below" vom Fragile-Album, der Dichte von „A Warm Place" der Downward Spiral samt Year Zero-Bassläufen und jeder Menge Düster-Pop, zu einfach, aber eindringlichen Ohrenschmeichlern werden lassen. Zu keiner Zeit an die Genialität der genannten Referenzwerke heranreichend, jedoch klarer Ausgangspunkt. Nur eben mit offensichtlichen Pop-Appeal. „Fur Lined" klingt wie eine lieblose Auftragsarbeit für einen David Lynch-Anime ohne Budget, bei der deutlich hervor geht, wie belanglos bis nervig Mariqueens Stimme sein kann. Vorausschauend hat Trent die Gesangparts bis auf „A Drowing" und „The Space In Between" klein gehalten, so dass jederzeit der Geist von NIN die Oberhand behält. Hier wird zerstört, gezerrt, verändert, was die Soundmaschinen so hergeben: Line6 modifizierte Gitarren ala „We're in this together now", Soundschnipsel der Marke „Driver Down" (so ab 3:20 Minuten) und die Drums der „With Teeth"-Ära. Was denn positiven Gesamteindruck jedoch deutlich schmälert ist die zarte, aber keineswegs zerbrechlich-schöne, Stimme, die einem den Eindruck vermittelt, dass hier etwas nicht stimmt. Vielleicht klingt deswegen Trents Ankündigung eines anderen Klanguniversums für das Album, wie eine leise Entschuldigung. Als Jünger seit fünfzehn Jahren wird letztendlich vergeben und der Download empfohlen. (7) Matthias Schädl
VÖ: 01. Juni 2010 via howtodestroyangels.com
Listen: How To Destroy Angels - Fur Lined
Crystal Castles -II
Trotz dem Hype, den das Debüt des kanadischen Duos - ganz zu Recht - erhalten hat, bewegen sich die Beiden erstaunlicherweise auch heute noch immer eher im Untergrund des Musikgeschäfts. Mit dem gerade erschienen Zweitwerk soll es nun weiter Richtung Oberfläche gehen und wie immer hat dieses nun ein wahrlich schweres Erbe zu tragen. Es muss verdammt gut werden. Gestartet wird dann auch nicht zurückhaltend sondern standesgemäß mit einem wahren Geräuschinferno. Dieses wird sich auch durch das gesamte Album ziehen, genau wie die schrillen Tönen die den Gehörgang manchmal ganz schön kräftig zwicken. Doch schon bei Celestica, was sich auch einer regen Nachfrage im Netz erfreuen kann, geht es ganz entspannt und melodisch zu. Elektronische Sounds wabern durch den Raum und werden durch einzelne ganz klare Töne und schöne Vocals ergänzt - hat was von den Herren Ratatat. Doch Obacht! Wer den Regler nun zu hoch gedreht hat, holt mit dem kurzen "Doe Deer" die Spatzen vom Dach. Das folgende "Baptism" lässt dann des Tänzers Herz bis zum Halse schlagen. Großflächig puristisch lockt es dann im Refrain mit einem peitschenden breitgezogenen Sound und ekstatischem Schreigesang von Alice Glass. Die Platte setzt sich so weiter fort mit einem Wechsel aus zurückgelehntem und schon fast quälenden Klanggebilden, welche sich schon auf dem Debüt als eine Spezialität von Crystal Castles herausgestellt haben und der sie sich treu geblieben sind. Nach dem ersten Hören war ich nicht überzeugt. Doch nach dem zweiten Hören war glasklar: Ich hatte nur eine schlechte Tagesform, denn das schwere Erbe haben Ethan und Alice definitiv mit Bravour geknackt. (9) Silvia Follmann
VÖ: 21. Mai via Polydor
Listen: Crystal Castles - Doe Deer
Born Ruffians - Say It
Was soll man eigentlich dazu sagen, wenn ein Magazin, das man sehr schätzt, eine Platte gnadenlos abwatscht, die man selbst feiert? Normalerweise kommt es bei den meisten Menschen zu einer solchen Situation nicht. Denn wenn ein Magazin (sagen wir mal Pitchfork) einer Platte (sagen wir mal der neuen Born Ruffians) nur 3.8/10 Punkten gibt, dann sind viele nicht gerade sehr neugierig, die Platte selbst anzutesten. Das wäre in diesem Fall aber fatal, denn Say It ist, und das ist natürlich eine Geschmacksfrage, die beste Platte der Warp-Zöglinge. Die Geschmacksfrage spitzt sich dann zu, wenn der Autor (nennen wir ihn Larry Fitzmaurice) tadelt, dass Luke Lalonde mit seinem oft zu hektischen Gesang, der sein Timbre nach einigen Zeilen bereits nach Erschöpfung klingen lässt, die Qualität des dritten Albums der Band herunterziehe und das Gesamtresultat "amateurish and untrained" daherkommen lasse. Denn genau dieses Amateurhafte, Emotionale, Unperfekte, Lo-Fi-Hafte macht Say It zu einer ganz besonderen Hörerfahrung. Wir haben es nämlich mit 10 Songs zu tun, die allesamt Potenzial haben, zu individuellen Sommerhits zu werden - allerdings nicht mehr auf Fitzmaurice' iPod. Der Zug ist abgefahren. Die Zeilen der Platte entstammen übrigens dem Song "What To Say": When I wake up I'm speaking slow //When I get drunk I'm speaking more // Get too drunk and I don't speak at all // get too close to you and I don't know // What to say. (9) Andreas Peters
VÖ: 21. Mai via Warp
Listen: Born Ruffians - What To Say