The Times They Are A-Changing - oder: warum AC/DC gewinnen muss

Das Ende des genmanipulierten Pop. Warum der Soundtrack zum Blockbuster "Iron Man 2" - nicht mehr und nicht weniger als ein lupenreines Best-Of-Album der alten Rockerbande AC/DC ohne Zusatztracks - die Charts erklimmt und DSDS, Ringtone-Sternchen und Dieter Bohlen abstinken. - Ein Kommentar von Matthias Schädl

Die aktuellen Amazon-Verkaufscharts vom 21.04.2010 führen den Best-Of-Soundtrack von AC/DC zum zweiten Teil des Comic-Blockbusters Iron Man auf Platz 1 der Verkaufscharts. Dabei gibt es hier keine aufpolierten Archivleichen, oder die Anbiederung an die treue Gefolgschaft durch Veröffentlichung eines exklusiven, neuen Tracks - normalerweise eine der Lieblingsmaschen der Bands/Industrie um die Kuh bis auf den letzten Tropfen zu melken. Sogar dem Download wird sich immer noch verweigert. Warum also stürmt eine Band, die Ende ´73 gegründet wurde und ihren Trademark-Sound in keiner Nuance aktuellen Strömungen angepasst hat, 37 Jahre nach Gründung immer noch an die Spitze der Charts? Die Antwort liegt wohl in der Grauzone zwischen der o.g. Verweigerung sich musikalisch zu verändern und somit den Fans das zu geben, was sie wollen und einer offenen Truckerfahrerkneipen-Ehrlichkeit.

Während in den Schaltzentralen der Industrie die Käuferschicht haargenau analysiert wird, jeder Trend bis zur Farce ausgereizt und der kleine Untergrundhit im englischen Internetradio zur neuen Marschrichtung ausgerufen wird, ganze Produzentenscharen die Soundfile-Archive nach einer klanglichen Gemeinsamkeit durchsuchen und massenweise unverbrauchte und naive Gesichter in die Klatschpresse und danach in die Charts gezerrt werden, auf die großen Bühnen der Welt geschleppt und mit traurigen Halb-Playback, opulent-kitschigen Bühnenshows und eine durchexerzierte Choreographie in nicht-jugendfreier Lingerie versorgt werden, ist eine Schuluniform an einem 55-jährigen, zum lichten Haar neigenden Mann, die Rettung des Glaubens an die Musik. Eine Schuluniform, die sagt, wenn sich Mädchen küssen, dann weil sie fünf Bier getrunken haben und die Jungs mit den Lederjacken antörnen wollen und nicht, weil es ihnen medial eingetrichtert wird. Freiheit ja, aber eine selbstausgesuchte und nicht plakatierte. Es passiert etwas. Seit die Halbwertszeit der Ringtone-Künstler von vier Wochen auf drei Tage geschrumpft ist und selbst Bilder-Illustrierte wie InTouch und Konsorten es nicht mehr schaffen, jede neue Bohemianerin in einem Noa-Vintage-Boho-Sienna-Miller-Look zu fotografieren und den obligatorischen Zweizeiler zu verfassen, drängt es die Käuferschicht in einem schleichenden Prozess zu etwas Beständigem. Ikonen statt Instant-Stars. Zeitlos statt hip. Gereift statt geschaffen. Bio statt genmanipuliert. Hymnen statt Hits. AC/DC verkörpert all das und... sie rocken!

Ein musikalischer Adrenalin-Schub. Der Ruf des Adlers, der Duft der Freiheit. Kein szeneinterner Dress-Code, kein abgeriegelter VIP-Bereich, kein Who-is-Who und Küsschenaustausch, sondern der Wunsch nach einem alten Chevy-Impala, 500$ und einem Trip durch das Southern Territory. Die Freiheit, sich für einen Furz nicht schämen zu müssen. Die musikalische 5-Minuten-Terrinen-Revolution hat ihre eigenen Kinder gefressen. Zwischen allen RiRis, Katy Perrys, Lady Gagas und Casting-Verlierern, werden die Charts von Männern in verschwitzten Unterhemden, heroischen Posen, zehn Meter Marshall-Full-Stack-Wänden und Bier statt Prosecco übernommen. Dabei ist es egal ob die 45+ Generation um Manowar, Iron Maiden oder Scorpions ein neues Album releasen, oder die junge Garde um Wolfmother und den Sympathlingen von Airbourne den Staub von den Boxen pusten. Musik von Menschen bekommt langsam wieder den Vorzug vor der Retorten-Mucke.

Heißt das, es gibt eine Rückkehr zu verloren geglaubten Werten, in einer Zeit, die dir gar nicht mehr die Möglichkeit lässt up-to-date zu sein, jeden Trend zu folgen und einen vierzig Stunden Tag aus iPhone, After-Work-Party, Haupt- und Nebenjob, Freunde, Bekannte und soziales Netzwerk, Haushalt, Fitness und Weiterbildung in die jämmerlichen 24 Stunden zu pressen, oder ist schlicht und ergreifend die Musik? Der oben genannte Ruf nach Freiheit, oder auch das Kissen, um dich in etwas Beständiges fallen lassen zu können, wenn die Welt sich wieder zu schnell dreht? Der Mensch muss die Chance haben jenseits jeder Doktrin oder Öffentlichkeitswahrnehmung zu leben. Ein Lifestyle, der absolut konträr geht zum vorgegaukelten Friss-oder-Stirb-Ethos der MP3-Stars. Und da genau naht die Rettung, die so viele wieder in Anspruch nehmen. Denn es gibt keine Vorurteile, keine neidvollen Blicke, kein Ich-bin-besser-Gefühl, wenn man mit den fünf Australiern und fünfzigtausend weiteren Personen im Mai und Juni dieses Jahres in einem großen Stadion steht und brüllt: „For those about to Rock: We salute you!"