Der Soundcheck hat, wie gewohnt, mal wieder alles dabei: CocoRosie liefern in Silvis Ohren eine gewohnt überzeugende Collage aus Elektronischem, Klassischem und Alltags-Klanggebilden ab. Madsen dagegen stellen für Matthias mit ihrem vierten Album schon mal den Soundtrack bis in den Spätsommer. Jan ist von MGMT und deren Jahrmarktgrütze mit Gaukler-Attitüde auf ganzer Linie enttäuscht. Gut, dass The Radio Dept für Andreas den Karren - wohlgemerkt um die Hippie-Attitüde reduziert - wenigstens wieder einigermaßen aus dem Dreck ziehen.
CocoRosie - Grey Oceans
Schwindelerregend ätherische Gesänge schütteln die CocoRosie Schwestern schon immer mit links aus dem Ärmel und auch das neue Album Grey Oceans untersteht dieser selbstgeschaffenen Tradition. Zu Beginn der Platte meint man Walgesänge durch die mit elektronischen Klängen durchtränkten Pianotöne zu hören, doch langjährigen CocoRosie-Anhängern ist dies ein vertrauter Klang, der bereits frühere Liedschöpfungen in vollkommen anderen Umgebungen begleitete. Sie bedienen sich gerne aus Teilen eines bestehenden Klangpools, was dem Effekt einer Signatur gleichkommt, und dem Hörer das Gefühl der Vertrautheit schenkt - glücklicherweise ohne an Wiederholungen denken zu müssen. Geheimnisvoll und düster, so könnten sie erscheinen, doch im gleichen Gedankengang landet man bei Attributen wie leicht und extrem gefühlvoll. Mystik ist aber definitiv immer ein Thema für die Produktionen der Damen, deren Sound eine Collage aus Elektronischem, Klassischem und Klanggebilden aus dem Alltag darstellt, welche vorzugsweise mit verfremdeten Vocals ausgeschmückt wird. Zugegebenermaßen ist das was hier zu hören ist, ein bißchen weird und gewöhnungsbedürftig, doch Sierra und Bianca Casady, die sich künstlerisch im Dunstkreis von etwa Devendra Banhart bewegen, konnten sich seit den Anfängen im Jahr 2003 eine beachtliche Fangemeinde aufbauen. Wie ich finde, ganz zu Recht. Anspieltipps, die auch für Einsteiger interessant sein dürften, sind das für den Titel Pate stehende "Grey Oceans" und "The Moon Asked The Cow" . (7) Silvia Follmann
VÖ: 30 April 2010 via Souterrain Transmissions (Rough Trade)
Madsen - Labyrinth
In der deutschsprachigen Musikerszene sind Madsen diejenigen, mit denen man am liebsten ein Bier trinken würde. Seit drei Alben haben sie einen begleitet und den Soundtrack zum eigenen Älterwerden geliefert, wenn er nötig war. Inklusive der Texte über ehrliche Traurigkeit (nicht Depressionen) und die naiv-euphorischen Glücksmomente, die man an U-Bahn-Stationen laut mitsingen wollte, wenn man die Starbucks-Flittchen über den Gucci-Ausverkauf reden hörte. Jetzt legen Madsen ihr viertes Album vor und versuchen aus der kleinen Welt auszubrechen, in der man sich mit ihnen so wohl gefühlt hat. Sowohl auf der Homepage, als auch auf der Bonus-DVD der Limited Edition wird über Größe gesprochen. Große Produktion, große Background-Chöre, große Bühnen-Momente. Die Tour mit den Hosen hat Spuren hinterlassen. Zum Glück geben Madsen selber zu („Berlin, was willst Du von mir"), dass die kleine Welt glücklicher macht als die Metropole. Denn auch wenn der Titelsong sich in eine ungewöhnliche Epik schwingt und die Uuuuhs und Aaaahs auf „Das muss Liebe sein" die gewollte Größe zelebriert, so ist immer noch genügend Authentizität in der leidenden Schreistimme von Sebastian, um sich bei seinen Kumpels aufgehoben zu fühlen. Da sei es auch verziehen, dass ein billiger Mitgröhler wie „Sieger" zu platt gerät, „Obenunten" Tagebuch-Poesie runterleiert und die Vorab-Single „Lass die Liebe regieren" wohl die Eintrittskarte zum Dome sein soll. Dafür ist der Punker „Blockade" umso wütender, umso stärker und näher am Leben, als man es von ihnen eh schon gewohnt ist, „Schön, dass Du wieder da bist" mit den Cure-Gitarren Sehnsuchtsmusik um in die Ferne zu starren und sich in Gedanken zu verlieren und „Mit dem Moped nach Madrid" eine Aufbruchs-Hymne, die einem schmerzlich vor Augen führt, wie sehr man mit ihnen mitfahren möchte. Zum Glück dringt bei allen Ausflügen in die Rockstar-Welt noch so viel Madsen durch, dass man ihnen niemals böse sein kann. Nur die Texte sind stellenweise etwas zu vorhersehbar, zu sehr hier-auf-dir-Gereime, als man hören möchte. Trotzdem wird uns Labyrinth mit einem Lächeln im Gesicht und einem Becks in der Hand bis in den Spätsommer bringen, oder auf unseren Weg nach Madrid. Wer kommt mit? (8) Matthias Schädl
VÖ: 27. April 2010 via Vertigo Berlin (Universal)
MGMT - Congratulations
So schlecht, wie Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser in den letzten 14 Tagen geredet wurden, ist es ja praktisch unmöglich, überhaupt noch irgendetwas positives an "Congratulations", dem zweiten Album der beiden 2K-irgendwas-Hippies von MGMT zu finden. Das Problem an der Sache ist einfach die Verselbstständigung eines Songs, welcher eigentlich nur als Ausbruch aus dem Folkgerüst, welches schon "Oracular Spectacular" zusammenhielt, gedacht war und von Sony-Seite natürlich mit Kusshand angenommen wurde. Die Rede ist von "Kids" und dem der Band damit anhaftenden Studentenparty-Fluch, welcher wohl noch schlimmer nachwirkte, als das ewige NeoVintage-Label, welchem sich die Herren VanWyngarden und Goldwasser verschrieben hatten. Und so findet auf "Congratulations" eine musikalische Rückbesinnung auf die Anfangstage und all den Kram statt, welcher nebem "Kids" auf "Oracular Spectacular" so ein büschen unterging - von der Vierflursause zum vertrackten Psychedliafolk, für welchen das Managment eigentlich seit Beginn seiner Karriere eben stehen wollte, aber nie wirklich tat. Psilocybin statt Patchouli also. Und das klingt dann alles in allem, bis auf den Titeltrack "Congratulation" vielleicht, irgendwie ziemlich belanglos. Oder besser: nölend, leiernd, zusammengeklaubt und lustlos. Ein zweites "Kids" habe ich mir nicht gewünscht, so eine Jahrmarktgrütze mit Gaukler-Attitüde aber auch nicht. (2) Jan Wehn
VÖ: 9. April 2010 via Sony Music
The Radio Dept. - Clinging To A Scheme

- “People see Rock N’ Roll as youth culture, and when youth culture becomes monopolized by big business, what are the youth to do? Do you have any idea?
I think we should destroy the bogus capitalist process that is destroying youth culture… the first step to do is destroy the record companies." -
Nach diesem Zitat aus der Dokumentation "The Year Punk broke", eines Tourvideos von Sonic Youth und Nirvana, zu Beginn eines Songs, sollte man meinen, dass "Heaven's On Fire" ein dreckiges Stück Punkrock oder aber Dicke-Hose-Rock vom Feinsten zu bieten hat. Doch weit gefehlt. Der Song, ebenso wie die gesamte dritte Platte der Schweden bewegt sich elegegant zwischen Bumm-Bumm-Clap-Drum-Rhythms der Marke Postal Service, über funkige und betont lässige Gitarreneinschübe á la Phoenix, sowie Gesangsharmonien zwischen Shins und Pet Shop Boys. Das klingt etwas viel und überlagert, ist es aber mitnichten. Man könnte sagen, The Radio Dept. bannen auf Clinging To A Scheme das auf Platte, was im Zuge einer Ansammlung von ähnlich klingenden Veröffentlichungen als "Dream Pop" bezeichnet wurde. Dabei wird dieser Eindruck, der maßgeblich durch den distanzierten und verzerrten Gesang von Johan Duncanson evoziert wird, durch das lässige und groovende Zusammenspiel von Drumcomputer, Bass, Gitarre und reduziert eingesetzten Synthies um eine tanzbare, un-hippie-eske Note erweitert. (6) Andreas Peters
VÖ: 30. April 2010 via Labrador (Broken Silence)