Carlos Ruiz Zafón - Der Schatten des Windes

Es ist Sonntagnachmittag, am Himmel über Berlin ist keine einzige Wolke zu sehen, die Sonne scheint bei 25 Grad – alle Welt sitzt draußen, trinkt Bier, grillt, isst Eis. Nur meine Freundin Jasmin nicht. Ihr Buch ist so spannend, dass Menschen und Musik nur stören würden. Sie liest die Geschichte vom „Schatten des Windes“. Alles beginnt 1945, als Daniel Sempere noch ein kleiner Junge ist…

Genauer gesagt ist Daniel noch nicht einmal 11 geworden, da wird er von seinem Vater, einem Buchhändler aus Barcelona, mit an einen geheimnisvollen Ort genommen. „Der Friedhof der Vergessenen Bücher“ soll gewährleisten, dass unbekannte Bücher nicht verloren gehen – nur hin und wieder kommen Eingeweihte an diesen Ort. Jeder, der zum ersten Mal hier ist, übernimmt eine Art Patenschaft für eines der Bücher. Daniel wählt „Der Schatten des Windes“ von einem völlig unbekannten spanischen Schriftsteller namens Julian Carax – das letzte Exemplar, alle anderen Exemplare wurden verbrannt. In einer einzigen Nacht verschlingt Daniel dieses Buch. Es wird sein Leben verändern. Wer ist dieser Autor? Warum gibt es nur noch ein Exemplar? Was hat er noch veröffentlicht, lebt er noch, vielleicht schreibt er gar weiter? Und wer ist der geheimnisvolle Fremde, der ihm viel Geld für dieses Buch bietet und sich nach einer von Carax Figuren benannt hat?
 
Mit Hilfe seines Freundes Fermin Romero de Torres begibt sich Daniel einige Jahre später auf die Suche nach Antworten. Immer mehr dämmert ihm, dass der Roman etwas mit seinem eigenen Leben zu tun hat, dass ihm Dinge begegnen, die er aus Carax` Roman kennt. Bald jedoch muss er erkennen, dass die Geschichte seines Autors sehr gefährlich ist, dass Nachforschungen offensichtlich von niemandem gern gesehen werden und alle, die Carax gekannt haben, entweder tot sind oder vorziehen, ihr Ableben vorzugeben. Zudem verliebt sich Daniel in Beatriz, die Schwester seines besten Freundes Tomas, die, obgleich sie bereits mit einem Leutnant verlobt ist, Interesse zu haben scheint – was alles andere als ungefährlich für die beiden ist. Auch sein Freund Fermin schwebt in Gefahr – es ist die Zeit der franquistischen Diktatur in Spanien, wer wie Fermin den Staat gegen sich aufgebracht hat, lebt in ständiger Angst vor Folter und Tod. Besonders der unberechenbare und brutale Polizeiinspektor Francisco Fumero hat es auf Fermin abgesehen. Mehrmals muss Daniel mit ansehen, wie sein Freund verprügelt und gequält wird. Denn Fumero selbst ist mit Carax zur Schule gegangen – und hat mit dem angeblich toten, erfolglosen Autor und dessen Clique offensichtlich noch eine Rechnung um das schönste Mädchen der Klasse offen...
 
Was Jasmin auf ihrem Balkon einen Sonnenbrand beschert hat, ist auch als Hörbuch - mit Matthias Schweighöfer als Daniel/Erzähler und Sylvester Groth als Julian Carax -  spannend und nervenaufreibend. Atmosphärisch, dicht und ziemlich schnell fliegt man durch das Barcelona der 40er, 50er und 60er Jahre – und verliert sich doch immer wieder in Nebenschauplätzen, einzelnen Figuren und detaillierten Szenenbeschreibungen. Das Ende bedient dann mit der klischeehaft-klassischen Krankenhausszene - Daniel erwacht, Beatriz ist bei ihm, sie haben endlich den Segen ihrer Familien und können heiraten, ihr erster Sohn wird Julian heißen - die Wünsche des Happy-End verwöhnten Lesers.
 
Trotzdem: Ein liebevoll ausgestalter, spannender Sommeroman!

Insel Verlag, Frankfurt 2004
Ab 9,90 Euro (Taschenbuch)