Der Joghurtdrink zum Anziehen

Scharfsinnigen Beobachtern modischer Trends dürfte ein Phänomen der letzten Monate nicht entgangen sein. Und zwar das inflationäre Auftauchen des Tatzenlogos auf Parkern, Regenjacken und Fleecepullovern. Das Unternehmen, dem diese Marke gehört, bildet die Speerspitze eines neuen „Urban Outdoors“ und steht stellvertretend für den Einzug eines Kleidungsstücks in deutsche Fußgängerzonen, Ämter, Busse und Einkaufszentren, das üblicherweise ganz woanders verortet ist: die Outdoor-Jacke. Mode soll uns bei Lachsauge ja in Zukunft häufiger beschäftigen. Darum, werter Leser, möchte ich meinem Unmut einmal etwas Luft machen. Denn ich bin wütend. Eine Glosse.

Versucht man sich von unternehmerischer Seite dem Pleonasmus Outdoor-Jacke zu nähern, lässt sich der Hype um dieses Kleidungsstück nur als höchst gelungener Marketing-Clou bezeichnen. Mit dem „Urban Outdoor“-Segment wird der Zielgruppe – Mittzwanziger bis Ende-Dreißiger, gebildet, gute Einkommensverhältnisse, unsportlich – plötzlich suggeriert, es gäbe dort draußen auf den Irrwegen des Großstadtdschungels (eine vorhersehbare Analogie), im Angesicht der Alltagswidrigkeiten unserer hektischen Geschäftigkeit noch so etwas wie eine Auseinandersetzung von Mensch und Natur zu erleben. Verlässt also die gutsituierte Hausfrau den mit Airbags abgesicherten Schutzraum ihres SUV-Geländewagens, der in etwa die gleichen Illusionen wie die Outdoor-Jacke selbst bedient, möchte sie in ihrer Hightech-Membran-Hülle am liebsten laut gen Himmel rufen: So ein Platzregen kann mir gar nichts anhaben! Schaut her, ich bin gewappnet gegen die Unbill des Wetters!

Im übertragenen Sinne heißt das natürlich nur: Unvorhersehbare Ereignisse können so eine Just-do-it-Persönlichkeit wie mich nicht aus der Bahn werfen. Der heraufziehende Regenschauer mutiert so zum letzten zivilisatorischen Feind des modernen Stadtmenschen, der sturmgepeitschte Weg vom Parkhaus in den Supermarkt zum letztmöglichen menschlichen Aufbegehren auf der Suche nach individueller Freiheit. Aber der Träger begibt sich eben gerne in diese Situation der simulierten Ausgesetztheit. Schließlich schützt ihn seine Outdoor-Jacke. Dass das Prädikat „outdoor“ im wörtlichen Sinne nicht mehr bedeutet, als gelegentlich mal das Haus zu verlassen, trägt zur traurigen Ironie der Sache erschwerend bei.

Leider ist der Versuch, mit dem Tragen einer Outdoor-Jacke so etwas wie Belastbarkeit und Draufgängertum zu verkörpern, ebenso zum Scheitern verurteilt, wie das Bestreben, durch den Konsum von mit Lactobacillus-casei-Kulturen versetztem Bio-Joghurt den Eindruck zu erwecken, ein kerngesunder Mensch zu sein. Die Outdoor-Jacke ist der probiotische Joghurtdrink zum Anziehen. Folgerichtig bildet sie die perfekte Projektionsfläche für Leute, die als Kinder nie im Matsch spielen durften und denen im Kindergarten immer nur eine seelenlose Reiswaffel in die Butterbrot-Box gelegt wurde. So sehen dann auch die Gesichter aus, die heute über den Softshell-Ummantelungen thronen: milde Augen, Fliehkinn und – ich möchte mit dieser Formulierung niemandem zu nahe treten – Gesichtszüge, die so aussehen, als hätte die entsprechende Person in der Pubertät ein bisschen zu wenig Testosteron abbekommen. Von den kruden Kleidungskombinationen der weiblichen Trägerinnen sei an dieser Stelle ganz zu schweigen.

Im Großstadtrevier flanieren dann noch diejenigen Vertreter der Zunft, die im Preissegment noch einmal eine Schublade höher zugreifen, in dem Irrglauben, eine Jacke mit noch besserer Membran, mit noch höherer Wassersäule, würde sie vom ordinären, unwissenden Outdoor-Prekariat absetzen. Gerne verweisen sie darauf, dass Jacken mit dem Tatzenlogo ja aus fachlicher Sicht gar nicht mal so gut sind, unabhängig von der Frage, ob diese Unterschiede im Detail für den vom Regen überraschten Stadtbummel ansatzweise von Bedeutung sind. Die Auswahl ist ungefähr so entscheidend wie die Frage, ob ich von einem Bus oder einem Laster überfahren werde.      

Soviel Selbstüberschätzung ruft natürlich all diejenigen auf den Plan, die im Zur-Schau-Stellen von solch trügerischer Wetterfestigkeit, von solch urban-domestizierter Toughheit, einen handfesten Angriff auf ihr eigenes Hoheitsgebiet wittern. Es sind diejenigen, die tatsächlich ohne Mühen deutlich über zehn Kilometer am Stück laufen können, die sich nach ein paar Nächten im Zelt nicht vor Rückenschmerzen winden, und die das Scheitern oder Gelingen einer Tour nicht davon abhängig machen, ob nun auch die lange Unterhose von einem Markenhersteller kommt oder nicht. Es sind diejenigen, die sich Blasen aufstechen, ohne zu jammern. Für die es nun mal keine Grenzerfahrung ist, nach einer zweistündigen Radtour im Wellness-Hotel einzukehren, um sich von den Strapazen des Tages zu erholen.

Ja, auch ich fühle mich auf die Füße getreten. All die städtischen, im Alltag verweichlichten Bürostuhlathleten nehmen eine Haltung in Anspruch, die ihnen nicht zusteht. Sie sind damit auch nicht besser als der Yuppie-Student mit Barbourjacke, Segelschühchen und zurückgegelter Juristenfrisur, der in der Erstsemester-Vorlesung einen Habitus an den Tag legt, als hätte er soeben erfolgreich ein Unternehmen vor der Insolvenz bewahrt. Es ist das gleiche Prinzip, nur eben am ganz anderen Ende der Skala.   

Zurecht kann man an dieser Stelle fragen, ob solche Outdoor-Jacken nicht doch einfach nur ganz praktisch gegen einen Regenschauer schützen, während Mantel und Lederjacke schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geraten. Das mag richtig sein. Allerorts wird die Outdoor-Jacke aber als modisches Statement getragen, das eben genau jene Eigenschaften des Trägers symbolisieren möchte, die schon auf das erste Hinsehen in sich zusammen fallen. Und wer glaubt, sich durch das Tragen einer solchen Jacke an die Spitze eines Modetrends gestellt zu haben, dem sei wirklich noch einmal ans Herz gelegt, dass Outdoor-Jacken ganz, ganz weit weg sind von einem irgendwie gearteten Stilempfinden. Uns echten Draußenmenschen genügt immerhin die Gewissheit, dass es mit all der Belastbarkeit recht rasch vorbei wäre, ginge es einmal wirklich in die Wildnis hinaus, außerhalb der zugebauten Komfortzonen. In der Zwischenzeit lasse ich mich guten Gewissens von einem Regenschauer in der Stadt durchnässen. Mein Immunsystem verträgt das.