Julia Friedrichs - Gestatten: Elite

„Es gibt Menschen, die sind oben - das sind Gewinner. Und Menschen, die sind unten - die Verlierer. Pass auf, dass du im Leben zu den Gewinnern gehörst.“ Diesen Rat gibt Mario Julia. Autorin Julia Friedrichs hat in "Gestatten: Elite" Deutschlands vermeintliche Elite-Generation der Gegenwart beobachtet, und unsere Gastautorin Sophie Hoederath hat sich wiederum mit diesem Stück Gegenwarts-Dokumentation beschäftigt.

Mario ist ein Mitarbeiter der weltweit größten Unternehmensberatung McKinsey und Julia macht beim härtesten Auswahlverfahren der Welt mit, beim Edel-Assessment-Center des beliebtesten Arbeitgebers Deutschlands. Julia Friedrichs ist die Autorin des Spiegel-Bestseller-Sachbuchs „Gestatten: Elite“ und hat sich zu Recherchezwecken beim Auswahlverfahren der McKinsey Unternehmensberatung eingeschleust. Schließlich hält sie einen Arbeitsvertrag mit dem Einstiegsgehalt von 67.000 €  plus Dienstwagen in den Händen - und lehnt ab. Stattdessen begibt sie sich auf die Suche nach der Elite Deutschlands, zu der sie selbst beinahe gehört hätte. Dabei will sie den Fragen auf den Grund gehen, was Elite ist, was man tun muss, um zu ihr zu gehören und wie der Begriff heute wieder verwendet werden kann. Die Antworten sind nicht selten ernüchternd, manchmal erfreulich und von Zeit zu Zeit sehr erschreckend.

Die Reise beginnt mit einem Besuch der privaten Wirtschaftshochschule „EBS - European Business School“ in Oestrich-Winkel, die laut eigenem Urteil jedes Jahr die 200 Führungskräfte von Morgen hervorbringt. Doch statt der erhofften Verantwortungselite, die die Gesellschaft voran bringt, findet sie sich in einer Parallelwelt wieder. In einer Anhäufung von jungen Menschen mit gut betuchten Eltern, die EBS-Symposien mit der im Titel mehr oder weniger versteckten Forderung  „Survival of the fittest“ veranstalten. „Bloß nicht Mindestleister werden!“ und „Der Block Personalkosten darf nicht unermesslich werden!“ sind Parolen, die hier zum gängigen Jargon gehören. Neunzig Prozent der Studenten dieser Elite-Universität haben ein eigenes Auto. Das Studium kostet im Jahr bis zu 10.000 €. Stipendien für Bedürftige gibt es wenig, und wenn, sind sie unzureichend, die Kosten zu decken. Leistungselite ist das nicht, findet Julia. Der Rektor der Privatuni bestätigt es ihr im Interview. Doch Julia gibt nicht auf. Sie sucht weiter. Dabei begegnet sie allerlei Skurrilem.
 
Luxus-Lifestyle-Internetportale, die nur einem ausgewähltem Publikum die virtuellen Pforten öffnen. In den Steckbrieffragen sind hier weder Lieblingsmusik, noch Lieblingsfilme von Interesse, vielmehr werden Lieblings-Champagnermarken und präferierte Golfschläger abgefragt. Luxuskindergärten mit glanzvollen Namen wie „Villa Ritz“ statt „Villa Kunterbunt“, in denen dreijährige Kinder rhetorisch fit gemacht werden, den Umgang mit Word- und Excelprogrammen üben und Chinesisch erlernen. Alles für eine glorreiche Zukunft auf der Überholspur.

Auch wandelt Julia Friedrichs auf den Spuren des Bestseller-Autors Benjamin Lebert, der seine Adoleszenzerfahrungen im Internat Schloss Neubeuern in seinem berühmten Roman „Crazy“ niederschrieb. Selbst die Eliteschmiede schlechthin, „Internat Schloss Salem“, lässt sie sich nicht entgehen, entdeckt dabei aber eher ähnliche Schicksale, wie die Benjamins und nicht die erhoffte Leistungselite.

Unterhaltsam ist sie, die Reise der Julia Friedrichs. Doch am Ende geht die ambitionierte Autorin leer aus, denn befriedigende Antworten bekommt sie nicht. Auf keine ihrer Fragen. Der Grund dafür ist im Fragenkatalog der Reisenden zu suchen. Woher will sie wissen, wo sie suchen muss, wenn ihr selbst nicht klar ist, was Elite ist? Nach jeder Station ihrer Reise weiß sie, dass sie Elite nicht gefunden hat, kann aber nicht im Umkehrschluss klar definieren, was Elite ist. Die banalste Frage aller Fragen drängt sich einem auf: Was hat sie denn gesucht? Nach der Hälfte der Reportage lässt sich erahnen, dass sie unter Elite Menschen versteht, die gute Schul- und Studiumsleistungen erbringen, ein ehrliches, soziales Engagement zeigen und sich durch Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft und gesellschaftliches Verantwortungsgefühl auszeichnen. Sucht sie also einen Übermenschen? Oder noch besser: Eine Gruppe von Übermenschen? Doch dies mal außen vor gelassen, fragt man sich auch, ob Julia an den richtigen Stellen gesucht hat. Dass sich in teuren Internaten gerne die schlechten Schüler reicher Eltern sammeln, ist allgemein bekannt. Warum stattete Julia nicht der Studienstiftung des deutschen Volkes, oder einer anderen parteinahen oder konfessionell gebundenen Stiftung einen Besuch ab? Warum suchte sie nicht bei  etablierten NGOs wie Amnesty International nach der Verantwortungselite, die sie bei McKinsey und in der EBS so vermisst hat? Doch auch wenn die vielen Ausgangsfragen der Reportage eher unbeantwortet bleiben, birgt Julia Friedrichs Werk viele interessante Aspekte über Subkulturen, die uns bisher verborgen blieben. So beleuchtet sie sehr eindringlich das fragwürdige Menschenbild, das offensichtlich an Privatunis wie der EBS oder dem etwas konservativeren Pendant WHU-Otto Beisheim School of Management vorherrscht. Und auch ihre Auseinandersetzung mit der linken „Anti-Elite“ von Attac, der sie ein Kapitel widmet, ist treffend analysiert und offenbart deutlich das komische Talent der diplomierten Journalistin.

Entlarvend, komisch und kein bisschen neutral ist die lesenswerte Reportage der sozialdemokratisch geprägten Julia Friedrichs. Das macht ihr Erstlingswerk zum Spiegel-Bestseller und sie selbst als Journalistin und Autorin angreifbar. Vielleicht auch ein Grund, warum ihr Nachfolgewerk nicht an die Erfolge von „Gestatten: Elite“ anschließen kann.
 
Von Sophie Hoederath
 
Heyne Verlag, München 2009
7,95 Euro