„Leuchtspielhaus" - ein Neologismus des jungen Autoren Leif Randt, der sofort einen Haufen an Assoziationen aufwirft. Der Roman ist das Debut des 1983 geborenen Schriftstellers und Preisträgers des KulturSpiegel-Nachwuchsautorenwettbewerbs. Er entwirft das Bild einer Londoner Jugend, die sich vordergründig gesehen, über etwas ungewöhnliche Dinge definiert - und vor allem ästhetisiert.
Nach und nach blickt man, wie Erics Salonwelt - Eric, der Erzähler des „Leichtspielhaus" - funktioniert. In der ersten Szene des Romans sitzt er mit Helen bei Ray. Eric und Helen sind die Betreiber eines elitären Friseursalons, der seine „Member" zweimal im Monat mit Vintage-Frisuren ausstattet. Ray ist die einzige Person mit Erlaubnis den Salon zu fotographieren. Die Fotos, die er macht, haben eine unscharfe, analoge Optik - das macht für Eric Sinn.
Für seine Member ist der Salon der „beste Ort der Stadt", er dient ihnen als Zuflucht. Einmal Mitglied, muss man sich in seinem Inneren nicht mehr rechtfertigen. Der Zusammenhalt in der Gemeinschaft basiert beinahe ausschließlich auf ästhetischen Signalen. Bestimmte Farben und Formen dienen als Erkennungsmerkmale; darüber hinaus gibt es Regeln, die aber niemals ausgesprochen werden dürfen (auch das ist eine Regel). Manche Regeln sind selbstverständlich, zum Beispiel, dass man auf digitale Vernetzung (Facebook) verzichtet, und statt dessen auf analoge Rarität besteht. Beinahe selbstverständlich scheint auch die Liebe der Member zu der Schweizer Streetart-Künstlerin Bea zu sein. Die Kunst-Phantom-Figur Bea hinterlässt den jungen Menschen Londons bunte Botschaften, die auch gleichzeitig als ästhetische Verhaltensnormen gelten: „Never leave highschool", „Annoy rich people".
Die Jugendlichen in „Leuchtspielhaus", auf den ersten Blick wirken sie unterkühlt und analysierend. Der Teufelskreis aus Ironie und Zitat scheint für sie unüberwindbar; selbst die Erotik scheint für sie verdorben. „Für Augenblicke zitieren wir die Erotik, die wir uns ausgemalt haben, mit 12 und 13. ... Unsere Aktionen folgen logisch aufeinander, wie auswendig gelernt. Kurz spielt Helen an mir herum, dann ist sie wieder auf mir. Wir blicken uns an. Zum Spaß geben wir uns fremd und pathetisch. Irgendwann kommen wir beide, scheinbar parallel."
Eric beispielsweise ist misanthropisch, in gleicher Weise aber auch melancholisch. Die reale Welt Londons, die voll von hässlichen Imbissbuden zu sein scheint, empfindet er als unzureichend. Daher lebt er - der Erzähler - in einer Zwischenwelt, eine Welt, in der London nicht ganz Kulisse und nicht ganz Realität ist, eine Welt zwischen real zitierten und nicht-gelebt-geträumten Identitäten. Eric will nicht, dass man etwas ausspricht, denn in dem Moment, in dem das geschieht, wird alles fassbar, verlässt den Unschärfebereich, und wird somit wertlos. Erics Teufelskreis, in dem er nach etwas unaussprechbar Schönem sucht, gleichzeitig aber weiß, dass er nichts finden darf, er muss eigentlich in ewiger Melancholie enden. Eine (Liebes-)Beziehung kann in dieser Welt nur als ironisches Zitat (oder in einem fitkionalen Filmskript) funktionieren. Und doch wird man irgendwann an den Punkt gelangen, an dem man mehr will.
Leif Randts ästhetisch-reduziertes Sprachuniversum „Leuchtspielhaus" bietet einer träumerischen Jugend Zuflucht. Seine Sprache lässt vieles im Vagen, veranlasst zum Zwischen-den-Zeilen-Lesen, ist aber gleichzeitig sehr präzise. Für jeden geschriebenen Sazt könnten dort fünf durchgestrichene stehen. Erzähler Eric wird durch genau diese Eigenart zu einem halben „unreliable-narrator". Für ihn gilt, was Christian Kracht einmal in einem Interview sagte; nämlich, dass man, wenn man zu sehr über etwas nachgedacht hat, über Inhalte nicht mehr reden könne. Aber es bliebe einem immer noch das Zitieren und das Täuschen.
Genau so funktioniert die Erzählung, und das auf eindrucksvolle Art und Weise. Wenn man ihr Zeit zur Entfaltung gibt, wird man bemerken, dass Eric und Helen die Gründer einer Jugendbewegung voller Traurigkeit und gleichzeitig voller Hoffnung sind. Der Roman erschafft eine gut durchdachte Fiktion, in der die Probleme einer Jugend - sich für eine einzige Identität zu entscheiden - nicht wie in so vielen anderen lächerlichen Versuchen der Gegenwartsbeschreibung á la „Generation Entscheidungslos" ernstzunehmende Probleme sind!