Airen – Strobo

„Man besorge sich Speed und ziehe alle zwei Stunden eine kleine Linie. Das fühlt sich am Anfang wirklich toll und aufregend an. Nach einem halben Tag wird es aber anstrengend. Und nach einer gewissen Zeit macht es einen nur noch kaputt.“ Um zu veranschaulichen, wie es sich für ihn angefühlt hat, Mittelpunkt des seit Jahren schwerwiegendsten Skandals der Literaturszene zu sein, zieht Airen in einem Interview mit dem Rolling Stone diesen bildlichen Vergleich zum Drogenkonsum. In diesem Rahmen wurde er wohl von den meisten das erste Mal wahrgenommen. Diese Worte hätten jedoch auch aus seinem Blog oder dem daraus entstandenen Buch Strobo stammen können.

Vom Rausch und vom Exzess, von Drogen und noch mehr Drogen handelt das Buch, von Alkohol und Sex. Von Vorn und von Hinten, mit Männern und Frauen, was kommt und sich anbietet eben. Einen Zeitraum von zwei Jahren dokumentiert Airen darin. Er ist Praktikant in einer Firma für Unternehmensberatung in Berlin, aber führt gleichzeitig dazu ein zweites, anderes Leben. „Ein Teil einbauen, ein Gramm Pep ziehen, die Mucke hörn wie nie zuvor, tanzen für das Hier und Jetzt. Techno ist das plasmatische Moment, das alles Morgen und Vielleicht mit einem galanten Hauch beiseite streift. Natürlich. Jetzt. Sound. Style.“

Mit den Erlebnissen, die beschrieben werden macht man sich in Gedanken auf zu einem Spaziergang durch Berlin als ein Schlaraffenland der Ausschweifungen. Man schlendert vom Kotbusser Tor zum Volkspark Hasenheide, stets empfänglich für Dealer mit dem feinsten Gras, Ecstasy oder Crack. Dann das Berghain. LSD und Speed. Kokain und Ketamin. Schließlich Sex, auf der Tanzfläche, an der Bar auf der Toilette. Da sind der Schatzmeister eines Finanzverbandes, der gerne hätte, dass ihm in den Mund gepisst wird, oder der Nette Fucker, bei dem schon per Definition klar ist, was von ihm erwartet werden kann. Danach in den Puff.

Doch eine Ode, ein Liebeslied an die Berliner Szene, das stellt das Buch nicht dar. Zu sehr leidet der Autor nach jedem Rausch. Zu oft werden immer wieder gute Vorsätze gefasst, ein ganz anderes, neues Leben zu beginnen. „Eigentlich ist das Leben, das ich damals führte, überhaupt nicht schön, es war eine grauenvolle Phase. Von daher klingen die Texte, wenn man sie ruhig, gesund und satt im Bett liest, besser, als wenn man danach zwei, drei Tage leiden muss, nicht schlafen und essen kann.“

Wenn man so möchte, dann hat Airen in seinem Buch mit seiner eigenen Person einen frühromantischen Helden der Gegenwart geschaffen. Er ist ein Heinrich von Ofterdingen der Moderne, denn man könnte seine Textsammlung als eine Art Entwicklungsroman deuten. Der unersättliche Protagonist schwankt zwischen Todessucht und unbezwingbarer Lebensgier. Er hängt im Zwiespalt zwischen Bürozimmer und Großraumdisko, Woche bedeutet für ihn bald das Gegenteil von Wochenende, seine Familie beginnt, sich Sorgen um ihn zu machen.

Routinierte Strukturen, einen geordneten Tagesablauf und einen ehrgeizigen Lebensentwurf. Eigentlich hat auch Airen so etwas. Er hat Abitur, hat studiert und absolviert in der erzählten Zeit ein Praktikum bei einem angesehenen Unternehmen. Immer weniger nimmt er jedoch an dem Alltäglichen teil, das ihm in seinem Zynismus nur noch einengend erscheint. Meistens ist der Held sich Seiner selbst bewusst. Er erkennt sich in der Identitätssuche, reflektiert und versteht, was geschieht, wohin er sich bewegt und wie sich sein Leben entwickelt. Aber er weiß auch, dass er eigentlich nichts dagegen tun will. In anderen Momenten ist der Rausch, sind Musik und Orgien die einzigen Gründe, die ihn die maßvolle Gleichförmigkeit seiner anderen Existenz ertragen lassen. Denn Techno bedeutet für ihn Freiheit. „Ich denke an gar nichts, die Musik strömt vom Kopf in den Bauch und lässt von dort aus das pure Glück bis in den hintersten Winkel meines Körpers fließen.“ Hinzu kommt das Schreiben, das in seiner Situation als Blogger, das Erlebte dokumentierend und ausforschend, einen bedeutungsvollen Aspekt darstellt. Schreibt man, um das Erlebte zu verarbeiten? Oder nimmt man am Rausch und am Extrem Teil, nur, um darüber schreiben zu können?

Haltlosigkeit. Unentschlossenheit. Zerrissenheit. Immer weiter schaukelt er sich hoch, von Exzess zu Exzess, um schließlich an einem Punkt anzukommen, an dem er – nach Mexiko geht. So endet die Erzählung jedenfalls in Airens Buch. Höchst romantisch mutet das an. Das verwirrte Individuum zieht sich aus der Welt zurück und kommt bei sich selbst an.

SuKuLTuR, Berlin 2009
17,00 Euro