Ja, eigentlich ist Mode nicht gerade das Lachsaug'sche Metier. Zumindest halten wir uns mit Beiträgen darüber zurück. Was aber nicht heißt, dass die Redaktion von den sich ständig ändernden Auswüchsen und dem Diktat der Blogs, Magazine und der guten alten Schaufensterauslage verschont bleibt. Die Einen erwärmen sich für dieses Thema mehr, die Anderen weniger. Aber guter Gesprächsstoff ist es allemal. Und am Ende kommt doch immer heraus: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Wirtschaftlich schwere Zeiten sind, laut sogenannter Experten, dankbare Termine für Tohuwabohu in der Modeindustrie. Denn gerade dann sagen wohl Konsumenten besonders leichtfüßig Adieu zur Tristesse und Salut zum textilen Wagnis - in der Hoffnung, dass sich der schöne Schein wie eine Schlafmaske über Schieflagen im Alltag legt.
Der aktuell andauernden Krise darf man nachsagen, dass sie zumindest schon mal Spuren im Gesicht hinterlässt. Hierbei gilt, die nicht wegzuredenden Sorgenfalten bitte freundlich zu umschiffen und sich auf das wiedergekehrte Lippenrot zu konzentrieren. Um es genau zu nehmen, zeigt sich das diesen Sommer allerdings als sattes Lippenpink. Na, halleluja.
Doch steckt die Krise tatsächlich auch in den Stoffen?
Zurzeit veranstaltet der Modemarkt jedenfalls ein Wechselbad zwischen Toleranz und Freiheit, so dass man, je nachdem ob man gerade sieht oder eben gesehen wird, mal gut und mal schlecht bedient ist. Will heißen: es darf ungeniert und mit vollen Händen in die Auslage gegriffen werden. Der Mangel an Leitlinien führt wie immer zur Kopflosigkeit. Dies würde jedenfalls den Hartnäckigsten aller Trends auf deutschen Einkaufsstraßen erklären, statt dem Spiegel als ehrlichen Freund zu Rate zu ziehen, alleine den Lockungen der Modeheftchen nachzugeben.
Jede Saison hat ihre Faux-pas und in dieser werden ohnehin breite Kreuze leider noch mit einer Paillettenflut auf den Schultern betont und selbst Mädels die besonders gut im Futter stehen, schmeißen sich wie von Sinnen in matrosenhafte Ringelshirts. Es gilt das olympische Gedanke: Dabei sein ist alles.
Auch schön ist die Version der versehentlichen Aktualität. Gerade Anhänger des klassischen US-Vorstadt-Chics kommen zurzeit besonders auf ihre Kosten und Frauen, die schon lange einen Cashmère Cardigan mit Rosenaufdruck zu ihren Begleitern zählen, tragen diesen nun gerne gleich viermal die Woche. Doch leider steht ihnen trotz der richtigen Ausstattung in filligranen Lettern Laura Ashley auf die Stirn geschrieben, statt das Klassisch-Weibliche der 50er Jahre auszustrahlen.
Auch Männer mit bereits lang gehegtem Hang zum Sommerlich-Akkuraten dürften behaupten, den Preppy-Style schon lange für sich gewonnen zu haben, nur wissen sie leider nichts davon. Wer wirklich Spaß an der Sache haben will, verhüllt sich am besten mit dem Gegensatz und freut sich darüber, dass niemand den Mittellosen in dreimal gebügelten Leinenhosen vermutet. So wird die Upperclass klammheimlich die neue Interpretation des Punk. Denn Zeiten ändern sich und Rebellion bedeutet im 21. Jahrhundert eben nicht mehr die Verwahrlosung, sondern pistazienfarbene Stoffhosen.
Neben der neuen Lust am Spießertum gilt aber auch noch immer die sich langsam selbst überholende Regel der Individualität mit allen Mitteln. So wird gerade der, der sich offensichtlich unbeholfen anzieht, aufgrund seiner "Attitüde" meist als besonders heiß gehandelt. Es ist in etwa so, wie mit dem Markt für moderne Kunst. Naja, Ausnahme ist, wer Ed Hardy trägt - denn der hat noch immer verloren.
Und damit könnte alles so schön sein - doch etwas zu meckern gibt es ja immer. Letzten Winter kündigte sich eine Abartigkeit an, von der die Mehrheit sicher hoffte, sie würde sich mit dem letzten eisigen Sturm wieder verziehen. Doch die selbst ernannten Fashionistas dieser Welt standen schon längst geifernd in den Startlöchern. Es ist geplanterweise unförmig, unpassend, es findet sich kaum oben- noch untenrum etwas dazu und es schmückt einfach niemanden. Selbstredend handelt es sich hierbei um die Anti-fit.
An diesem Hosenmodell hapert es an jeder Naht. Zu den schon genannten, liebevoll gefertigten Highlights der Machart, kommt hinzu, dass es im Schritt hängt, als sei etwas reingefallen, auf das ich nicht näher eingehen will. So entsteht statt Knackarsch, mehr Raum für... ja, was eigentlich? Die Inkontinenz-Windeln hoffte ich eigentlich noch nicht zu bald zu meinen Begleitern zählen zu müssen. Und damit die Frage: Womit haben wir das eigentlich verdient?
War doch vorerst nur Oversize für den Rumpf angesagt und untenrum möglichst eng, so haben wir es nun mit einer Hose zu tun, die ein erhöhtes Volumen im Bereich des Hinterns aufzuweisen hat. Doch Vorsicht! Gefüllt darf der überflüssige Stoff auf keinen Fall werden. Ein dicker Hintern ist noch immer nicht salonfähig. Es handelt sich hier eher um eine verdammt sackige Angelegenheit.
Wahrscheinlich ist es wie immer der schieren Langeweile der Industrie zu verschulden. Doch wie auch immer die Beweggründe für diese Schöpfung aussehen, es empfiehlt sich beim Tête-à-tête mit Derselbigen jedenfalls zweierlei: Selbstbewusstsein oder Gleichgültigkeit. Am besten natürlich in Kombination. Denn wer tatsächlich den Nahkampf mit diesem Modell eingehen will, wird darin dämlich aussehen. Aber wen kratzt das? Schließlich bekommt derjenige Applaus, der anders ist. Oder was? Ach ja, und um zur Krise zurückzukehren: Derzeit sind Hasenohren ganz groß im kommen. Hhm, aber darüber schreibe, wer will. Ich habe jedenfalls keine Lust dazu.
In dem Sinne: Weidmanns Heil beim nächsten Kleiderkauf.
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Kommentare
Selbstbewusstsein und
Selbstbewusstsein und Gleichgültigkeit - darauf kommt es an, da gebe ich dir Recht. Und wenn man das beides zusammen zum Ausdruck bringt, ist es fast egal, was man trägt. Abgesehen natürlich von ein paar modischen Faux-pas wie der erwähnten Ed-Hardy-Montur.
Bezüglich der Hasenohren
Bezüglich der Hasenohren möchte ich die Beobachtung kommunizieren, aktuell sehe man goldene Kopfhörer im Müslischüsselformat beinahe täglich, sowohl unter Damenfrisuren wie im frisurlosen wobei synthetikfarbenen Haar ihres biologischen Pendants; Offenkundig eine retrospektive Manifestation ear-ly 90er Zeitgeistattribute, mithin die Orientierung am Modeverständnis ehemals großer Brüder, jene heutzutage im wahrhaft zeitlosen Einreiher der Zugehörigkeit zur verdienenden Kategorie ausgebender Individuen modischen Ausdrucks fröhnen und noch immer Vorbild stehen, konsequentergleichen eine Kopie, wie auch dieser Kommentar hinsichtlich des Sprachstils obigen Blogs in seinen ersten Zeilen eine solche darstellt. Die Kopie zum Trend, entschleiert hat uns dieses Prinzip nicht zuletzt Helene H. aus Stadt B., gültig ist es aber, seitdem es Moden gibt, im Sinne des Distinktionsprinzips also etwa seit der Renaissance, weswegen wir diesen schönen Begriff auch für die Wiederkehr des Ausgemusterten beherzt verwenden, wo wir können dürfen. Ich bemerke: Die Intervalle jener Wiederkehr verkürzen sich in Kadenz zum Staccato, gleichen bald dem Pulsschlag einer vollends durchökonomisierten Welt, schneller, immer schneller, bis sie grenzenlos ineinander übergehen, demnächst die Konsistenz von Kaugummi haben werden. Ebenso rasch sind unsere Modetrends dann wieder ausgelutscht und wollen ausgespuckt werden, um Platz zu machen für den Orbit von gestern, jenen man von Boden des Kleiderschranks kratzen wird. Spätestens dann aber wird sich die Marktlogik an ihrern Verursachern rächen, platzen wie die Blasen der Weltwirtschaft im allgemeinen, überall Kaugummi vermischten Geschmacks in Form zusammengewürfelter Stile aus übervollen heimischen Reservoirs, Kaugummi, wie ihn die Trendgescheiten niemals geistig synthetisieren werden können. Die kokstauben Zungen werden sie sich lahmreden mit ihrer Predigt von der Rückkehr streng abgegrenzten Stils. Die 20er, im nächsten Winter, wartets ab! Mehr wird denen nicht einfallen. Ich für meinen Teil habe mir einen sandfarbenen Moleskinanzug gekauft, Jacke offen, drunter ein schwarzes Unterhemd. Gebraucht, 10 €! Wenn ihr mich so bekleidet im Stadtgarten findet, bitte geht kauend vorbei!