Helene Hegemann – Axolotl Roadkill

Die jüngste Anekdote der unendlichen Hegemanngeschichte ist der gerade verliehene Literaturpreis auf der Leipziger Buchmesse. Die Helene war nominiert, veranlasste einen weiteren Affront damit und gewann nicht. Sondern Georg Klein. Dies löste ein deutliches Aufatmen in den Feuilletons und den Köpfen vieler anderer aus. Gott sei Dank! Das dachten sich viele. Das hätte noch gefehlt. Vielleicht allerdings, hätte es das tatsächlich.

Zu aller Anfang sei mein herzlichster Glückwunsch an das Wunderkind aus dem Hause Hegemann ausgesprochen. Gerade ein paar Tage ist es her, da ist sie achtzehn geworden und hat ihren Geburtstag in einem dieser angesagten Szeneläden gefeiert. Alles Gute zur Volljährigkeit! Hoch lebe der Alkohol, den nun ist er legal. Hoch die Zigaretten, sie sind legal. Hoch leben die Drogen. Die sind zwar auch mit ihren achtzehn Jahren noch immer nicht rechtmäßig, aber wenigstens muss sie nun nicht mehr vor geschlossenen Türen stehen, um sie zu sich zu nehmen, sondern darf eintreten, in das Berghain oder wo sie sonst will.

Ein Theaterstück hat sie verfasst mit dem Titel „Ariel 15“, das auch als Hörspiel umgesetzt wurde. Mit vierzehn Jahren hat sie bereits das Drehbuch geschrieben zu dem Film, der vorletztes Jahr als Torpedo in die Kinos kam. Klaro, einen Preis gewann sie dafür natürlich auch noch. Nach ihrem bejubelten Bestsellerroman wäre der nächste Schritt vermutlich die Weltherrschaft gewesen. Doch nun, vereitelt das ganze. Und es waren nicht der Silversurfer, der Punisher oder Superman, die sie aufhielten, sondern ihre eigene Unbedachtsamkeit. All die Lobeshymnen der Kritiker, die Wertschätzungen und bewundernden Worte, die sie bereits verklärten zur begabten Genarationsgallionsfigur, sie verstummten als herauskam, dass sie bloß teilweise Autorin des Buches ist. Der Rest stammt aus Songtexten oder aus der Feder anderer Schriftsteller, von Freunden, nun und von Airen. Bis vor ein paar Wochen hat kaum einer jemals etwas von dem Blogger und seiner Seite gehört. Ein anderer Blogger war es, der die frappierende Ähnlichkeit einiger Textpassagen aufdeckte. Jetzt weiß jeder, dass er es ist, von dem die junge Dame einiges Material abgeschöpft und in ihren eigenen Textfluss hat eintauchen lassen. Oh, schreien da die Feuilletonisten und Literaturkritiker. Welch vorwurfsvoller Akt! Ein Frevel. Ein Unrecht, dass sie abschreibt.

„Ist das von dir?“
„Berlin is here to mix everything with everything, Alter? Ich bediene mich überlall, wo ich Inspiration finde und beflügelt werde, Mifti. Filme, Musik, Bücher, Gemälde, Wurstlyrik, Fotos, Gespräche, Träume…“
„Straßenschilder, Wolken…“
„Licht und Schatten, genau, weil meine Arbeit und mein Diebstahl authentisch werden, sobald etwas meine Seele berührt. Es ist egal, woher ich die Dinge nehme, wichtig ist, wohin ich sie trage.“
Diese Zeilen aus Hegemanns Roman, ein Dialog zwischen der Protagonistin Mifti und ihrem Bruder, wirken vor dem Hintergrund der Plagiatsdebatte wie eine Parabel auf ihr eigenes Wirken und die Weise, auf die sie sich Ideen verschafft. Aber ich glaube, wie es die Literaturteile der Zeitungen ausdrücken, das ist zu leicht. Denn Robert Musil hat es gemacht. Rolf Dieter Brinkmann. Thomas Mann auch in „Dr. Faustus“, und zwar von Adorno. Sie alle haben geklaut und sind doch bloß drei von so vielen weiteren. Was sagt man dazu? Man könnte zum Beispiel zu Bedenken geben, dass Texte schon immer miteinander verwoben wurden, dass sie mit anderen zusammengefügt wurden und mit ihnen gespielt wurde. Es ist ja gerade Epochenkennzeichen vor allem der Moderne und Postmoderne, Sprache zu kollagieren und so etwas Neues zu bilden. Helene Hegemann sagt, sie plündere sich selbst und andere schonungslos aus auf der Suche nach Material. Und was in der gegenwärtigen Debatte vergessen wird ist, dass es auch ein Talent ist, Texte auszuwählen, sie zusammenzutragen und schließlich in die passende Stelle von etwas anderem, eigenen einzufügen. Montage als künstlerischer Akt? Soweit jedenfalls steht es mit der Theorie. Doch das Berliner Mädchen geht noch weiter und versetzt dem Copyright und dem Urheberrecht mit ordentlicher Wucht einen Stoß. Heute werde schließlich überall geklaut, meint sie. Das sei Zeichen der Zeit.

„Ich ficke nicht mehr.“
„Mann, Alter, ich bin übelst geil.“
„Aber warum denn nicht?“
„Ich will nicht.“
Eine der Stellen, die aus Airens Sammlung „Strobo“ übernommen wurden und in „Axolotl Roadkill“ wieder auftauchten. Zwei Fragen drängen sich mir auf, lese ich diese Zeilen.
Die erste: Warum baut sie ausgerechnet diese Worte, die nicht mehr sind als ein Straßenquatsch auf unterstem Niveau, in ihre eigene, eigentlich recht intellektuelle Rede ein? Man dachte zu allererst, das hätte sie gar nicht nötig, so was. Die zweite: Warum hat sie es nicht gekennzeichnet als Zitat, das nicht von ihr ist? Schließlich ist das das wirklich Verwerfliche daran. Es ist gar nicht schändlich, die Worte einer anderen Person zu gebrauchen. Warum nicht? – vorausgesetzt man gibt das auch zu. Die Helene hat sich inzwischen entschuldigt bei Airen, die Danksagung und das Quellenverzeichnis hat sie aktualisiert in einer überarbeiteten Ausgabe. (Sechs Seiten umfasst es inzwischen, reicht von Kathy Acker über David Foster Wallace und Rainald Goetz bis hin zu Valérie Valère.)

So viel zur Medienwirksamkeit des Buches. Aber was wäre, wenn man den Versuch unternehmen würde, es einmal außerhalb dieser Copyright- und Urheberdebatte zu betrachten? Was bleibt zu sagen über den Inhalt des Buches?

Es ist ein Roman über einen Lebensausschnitt der gestörten, hysterischen und drogenabhängigen Protagonistin Mifti. Melancholisch und mit einer depressiven Ehrlichkeit erzählt sie von ihrem Vater und ihren Geschwistern. „Meine Familie ist ein Haufen von in irgendeiner frühkindlichen Allmachtsphase stecken gebliebenen Personen mit Selbstdarstellungssucht.“ Das Mädchen stellt die Frage, für was es sich als Jugendlicher, als ein Rebell noch lohnt einzutreten, wofür es wert wäre zu kämpfen oder zu erobern. Wenn man doch bereits alles machen kann, jederzeit und vor allem in Berlin, wo „Axolotl Roadkill“ spielt. Man könnte sich mit der hintersten Spur der letzten Gehirnwindung eine absurde Sache ausdenken, irgendwas. So würde man diese Sache in Berlin finden. Zweifelsfrei. „Mein Leben, meine Disziplinlosigkeit, mein Hausschaf, meine Tendenz zur Autoaggression, meine Selbstzweifel, meine Angst davor, nicht rechtzeitig vor eine harte Prüfung gestellt zu werden oder vor eine schwierige Entscheidung und natürlich auch die Angst davor, nie wieder das Bett verlassen zu müssen.“ Helene Hegemann beschreibt das Scheitern der Rebellion ihrer Generation und das Suchen nach Gründen für dieses Scheitern. Sowie das Nichtfinden. Das Besondere dieser Darstellung ist die Stimmung, die sich aus der empfundenen Leere im Leben der Protagonistin nährt. Dieses Vakuum wird gefüllt: mit ihrem Rausch, mit dem Taumel körperlicher Nähe, mit den Bässen der Clubs genauso wie mit Heroin.

Und irgendwann kommt dann das Axolotl ins Spiel. Die Protagonistin kauft sich das Tier, das sie anschaut und freundlich zu lächeln scheint. Man hat den Eindruck, als müsse der Lurch niemals erwachsen werden, meint das Mädchen. Warum sie ihn mitnimmt? Das ist wohl nicht die richtige Frage. Besser wäre: warum nicht?

Die Autorin ist gekonnte Collagistin. Ihr ist mit Axolotl Roadkill etwas erstaunlich und ausdruckvoll Kombiniertes gelungen. Weit besser als die geklauten Passagen sind jene, die Helene Hegemann selbst geschrieben hat. Scheint also, als wäre sie eine Schriftstellerin. Für den unbedachten Schummelakt müsste man Abzüge machen. Klaro. Aber dafür hat sie sich entschuldigt. Und das Versäumnis, einer Quellenangabe, mindert ja nicht ihr Talent. Man hätte wohl Massen gegen den deutschen Literaturbetrieb auf sich gezogen, hätte man ihr den Literaturpreis verliehen. Völlig unangemessen wäre es hingegen gewesen, die Nominierung zurückzuziehen. In Leipzig hat man einen Kompromiss getroffen mit der Preisverleihung an Georg Klein. Da stößt sich keiner dran, muss man gedacht haben. Seit einem langen Zeitraum, das steht fest, war es keinem anderen Buch möglich, die Feuilletons so sehr zu begeistern. Wie einfältig und inkonsequent muss man folglich die gemäßigte Entscheidung nennen, die auf der Buchmesse getroffen wurde. Vielleicht hätte man ihr den Preis verleihen sollen.

Ullstein, Berlin 2010

Kommentare

fischig

Lachsauge sei wachsam: "auf der Frankfurter Buchmesse"?

danke

Danke für den Hinweis, da wurde der Begriff "Frankfurter Buchmesse" eher floskelhaft verwendet. Aber die Buchmesse, um die es hier ging, war natürlich in Leipzig.