Digital Nonsense #1 - Zum Mediennutzungsverhalten von Studivz und Facebook

Wer mich kennt, wird vermutlich zu dem Schluss kommen, dass ich vielseitige Interessen habe, am sozialen Leben in all seinen Formen teilnehme und auch sonst kein hängengebliebener Nerd bin. Trotzdem oder gerade deshalb widme ich große Teile meiner freien Zeit dem Internet und seinen sozialen Netzwerken. Und meine Beobachtung lässt darauf schließen, dass der Großteil meiner Freunde ähnlich verfährt. Ich finde das persönlich auch überhaupt nicht verwerflich, schließlich strebt der Mensch von Natur aus nach Gesellschaft und sozialer Teilhabe. Grund genug also, dem Ganzen auf Lachsauge eine kleine Kolumne zu widmen, die man bitte nicht immer allzu bierernst nehmen sollte.

Lässt man einmal den notorischen Content-Profiler außer Acht, der schon vor dem Zähneputzen den Twitter-Stream von vergangener Nacht nach retweetwertigen Informationen durchforstet, wird man feststellen, dass es für den weniger netzbegeisterten Anfangszwanziger eigentlich ein Stammnetzwerk gibt, in dem er sich web-2.0-mäßig austobt: das Studivz. In den letzten Wochen haben aber viele VZ-Bewohner ihrer alten Heimat den Rücken gekehrt und sich in neues Terrain gewagt. Und zwar zu Facebook. Viele scheinen sich dort aber nicht wohlzufühlen. Sie sagen dann Sachen wie: Facebook ist so unübersichtlich, alles wird da immer so durcheinander angezeigt, ja – Facebook ist irgendwie komisch. Dementsprechend wird das Profil eingerichtet und dann passiert erst einmal nichts bis nicht viel.

Auch wenn ich die folgenden Beobachtungen natürlich nur auf vollkommen subjektiver Basis anstelle, bin ich mir sicher, dass es Gründe dafür gibt, warum Studivz und Facebook von seinen Nutzern unterschiedlich oft, häufig und vielseitig genutzt werden. Das liegt auf der einen Seite an der Konzeption und dem Aufbau der Portale und andererseits am Charakter des Nutzers selbst. Direkt fällt auf, dass das an Reichweite verlierende Studivz im Vergleich zum amerikanischen Pendant recht aufgeräumt und geordnet erscheint. Alles, was der Nutzer dort von sich preisgibt, hat seinen dafür bestimmten Platz, lässt sich in kleine Häppchen verpacken. Hier die Fotoalben, fein sortiert, dort die Profilinformationen, übersichtlich angeordnet, darunter alphabetisch sortierte Gruppen, schließlich die Pinnwand, der Ort, an dem sich mein sozialer Austausch unauslöschlich manifestiert und noch nach Jahren einsehbar bleibt. Alles erscheint ziemlich unverrückbar und wenig dynamisch – ganz anders als die fortlaufende Pinnwand auf Facebook, auf der alle Arten von Informationen (Kommentare, Links, Fotos, Apps und Neuigkeiten) in einem fortlaufenden, sich schnell verändernden Datenstrom aggregiert werden.

Überspitzt könnte man sagen: Studivz ist bestens geeignet für diejenigen Nutzer, für die alles auf der Welt und damit auch das, was sie selbst sind, einen festen Platz braucht. Es bedient mehr als andere Webformate das menschliche Bedürfnis nach Stabilität und Konsistenz der eigenen Person. Alles, was man selbst darstellen will – es lässt sich auf Studivz in schöne, kleine Häppchen verpacken. Meine Freunde, meine Lieblingsmusik, mein Urlaub. Oft laufen die Profile dann auch in eine klare Richtung. Zum Beispiel: Schaut mal, ich mache einen Kussmund, unter 100 Männern finde ich das Arschloch, zu Karneval und Silvester saufe ich mit meinen Freundinnen den Tag durch, aber zu Ostern fahre ich mit meinem Schatz auch gerne mal nach Holland an die See oder wahlweise eine Woche nach Paris. Oder halt New York. Und dann der hier: Mein Profilbild sieht so aus, als hätte man mich völlig beiläufig geknipst, an Lieblingsbands haue ich gleich alles raus, was mit „The…“ losgeht (und vielleicht noch Mando Diao oder Clap Your Hands Say Yeah), ein bisschen Indie-Ironie bei der Selbstbeschreibung, Fotos vom Hurricane, auf denen man betont scheiße aussehen möchte, Gruppennamen in Cecelia-Ahern-Kitsch. Ja, auch ich esse die Realität bei Gelegenheit einfach auf. Bitteschön, danke sehr. Und auch wenn das jetzt etwas eindimensional klang – oft ist es so. Einmal präsentiert, unterliegt das Dargestellte kaum mehr einer Veränderung.

Ganz anders ist Facebook. Das Netzwerk ist viel dynamischer. Meine festen Informationen werden lediglich separat, man könnte sagen nebensächlich angezeigt, im Vordergrund meines Profils (im wörtlichen Sinne) steht aber die Pinnwand und was dort zu lesen ist. Und das ist eben ein Fluss an Informationen, an Selbsterzählung. Nicht nur ich beschreibe diesen Fluss, sondern auch meine Freunde. Das nimmt mir natürlich bis zu einem gewissen Grad die Kontrolle über das, was andere nun von mir sehen, wenn sie auf mein Profil gehen. Die Selbsterzählung wird teilweise von anderen übernommen. Gleichzeitig sind dem, was ich dort preisgebe, keine Grenzen gesetzt: Von Musik über interessante Artikel, Videos und Fotos bis zu einfachem Text ist alles dabei. Eine große Auswahl zu haben an dem, was man von und über sich mitteilen möchte, setzt aber wieder voraus, eine Auswahl treffen zu können und eben zu wissen, was man denn nun den anderen über sich mitteilen möchte. Und jeder kann kommentieren. Das bedeutet auch, dass ich mit der Art, wie ich mich darstelle, auf Widerspruch stoßen kann. Während auf meinem Profil im Studivz alles seine Ordnung hat, rauschen auf Facebook von hier und dort alle möglichen Daten herein und beschreiben zusammen genommen in etwa das, was ich bin oder sein will. Und das ist für viele vermutlich dieses Gefühl, das sie - nun ja - „komisch“ nennen.

Entlang dieser Demarkationslinie entschiedet sich schließlich auch, wer eher das Studivz und wer lieber Facebook nutzt. Bedingt durch die Gestaltung der Formate ist der Facebook-Nutzer – im Sinne des wirklichen Benutzers – eher interaktiv und dialogisch, denn er scheut bei der Selbsterzählung nicht das direkte Feedback der anderen. Er ist eher informationssuchend und aktiv im Netz unterwegs, denn das Posten von Links und neuen Musikvideos setzt voraus, dass er eine bewusste Auswahl trifft aus einem schier unendlichen Informationsangebot. Er ist tendenziell selbstbewusst, weil diese bewusste Auswahl immer eine Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Meinung oder Musikrichtung darstellt, die verteidigungsfähig sein muss. Studivz-Nutzer hingegen sind eher sicherheitssuchend. Sie brauchen eine klare Struktur, in ihrem Profil, in ihrer Persönlichkeit und letztlich in ihrem Leben. Sie interessieren sich weniger für Musik und Medienthemen, aber auch nicht so sehr für Politik und gesellschaftlich relevante Themen. Das liegt nicht daran, dass sie dümmer sind, ihre Wahrnehmung ist schlichtweg reduzierter, um der Komplexität an Informationsangeboten und Lebensentwürfen habhaft zu werden. Ob das iPad nun die Technologierevolution der Stunde darstellt, ist ihnen egal, ebenso welchem Electropop-Subgenre nun die Jungs von MGMT zuzuordnen ist. Sie scheuen eher als der Facebook-Nutzer die konstante Auseinandersetzung mit ihrem sozialen Umfeld und damit auch mit sich selbst. Weil sie tendenziell eher eindimensionale Charaktere sind. Sie brauchen die kleine, abgeschlossene Welt ihres Studivz-Profil-Ichs, auf dem alles seinen festen Platz hat, auf dem alles nicht so schnell und hektisch zugeht, auf dem sie ein bisschen mehr wissen, wer sie überhaupt sind in dieser Welt.

Dass eine Zuordnung wie diese keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit besitzt, sollte sich dabei von selbst verstehen. Außerdem liegt es immer im Auge des Betrachters, ob diejenigen Vielposter auf Facebook auch wirklich solch eine Meinungs- und Stilavantgarde darstellen, wie sie es selbst gerne von sich behaupten. Letztlich kann man auf beiden Portalen auch immer noch ein pures Randdasein fristen, weil man der Meinung ist, dass solche Netzwerke nicht viel mit dem realen Leben zu tun haben. Kann man alles machen. Welchen Stellenwert unser digitales Selbst für uns und andere einnimmt, ist dann aber schon wieder ein ganz andere Frage.
 

Kommentare

Ich sehe das ähnlich. Die

Ich sehe das ähnlich.
Die Frage nach dem "digitalen Selbst" spielt ja gerade auch in der von dir dargestellten Unterscheidung von studiVZ und Facebook eine tragende Rolle.
Klar, ich kann einmal ein paar Kussmund- oder Poserfotos machen, mir ein paar nette Filme und Bands ausdenken, die ich auf meine Wand schreibe und *zack* ist das digitale Selbst erfunden und in Stein gemeißelt. Partizipiere ich aber an der sozialen Kommunikation auf Facebook, muss ich die Fassade ständig aufrecht erhalten, was eine ganz schöne Anstrengung bedeuten dürfte. Man muss sich mit Musik, deren Videos man postet nicht auskennen, man muss sie aber gehört haben, man muss Artikel, deren Links man einbettet gelesen haben, sonst kommt es zu unangenehmen Situationen. Das alles wird dann vermieden durch das Fristen einer digitalen Randexistenz. Bei studivz hingegen reicht der Kommentar von einer Freundin zu einem neuen Schmollmund-Foto: "Sooo sweeeeet, LoVe U BaBy!"

Problem with activation

Hi there, I dont know if I am writing in a proper board but I have got a problem with activation, link i receive in email is not working... http://lachsauge.de/?99bdd7b79c53499d0d6d22294ec,

nonsense beschreibt den

nonsense beschreibt den Artikel schon ganz gut.