Johnny Cash - American VI: Ain't No Grave
Rick Rubin hatte bereits angedeutet, dass er noch Material für ein weiteres "American Recording" habe. Nachdem die letzte Platte dann aber nicht so gelungen war, hoffte man ein bisschen, das ausstehende Material bliebe verschlossen, damit das Gesamtbild der brillianten Albumreihe nicht geschmälert werde. Nun wurde es aber doch unter dem Titel "Ain't No Grave" veröffentlicht und man sieht dem Ergebnis mit gemischten Gefühlen entgegen.
Als Rick Rubin und Johnny Cash im Jahre 1994 mit den American Recordings begannen, konnte wohl kaum einer ahnen, was für ein Erfolg diese werden würden. Es lag wohl größtenteils an Cashs vom Alter gebrochener Stimme, die nach Krankheit, Tod und einem unbeugsamen Willen, am Leben festzuhalten, klang, dass diese Alben so unvergleichlich ausdrucksvoll wurden. Jedem im Gedächtnis geblieben ist wohl Cashs Coverversion des Nine Inch Nails Songs „Hurt“, dessen weltentsagender Charakter durch besagte Stimme neue Tiefe gewann.
Dann starb Cash. Drei Jahre später erschien der fünfte Teil der American Recordings „A Hundred Highways“. Er konnte aber nicht mit seinen Vorgängern mithalten. Nun liegt ein sechster Teil vor, „Ain’t No Grave“, und die Angst vor einer Enttäuschung ist doch sehr groß. Wo sollen denn auch noch acht Jahre nach Cashs Tod gute Aufnahmen herkommen?
Das erste Lied scheint, alle Zweifel aus dem Weg zu räumen. „Ain’t No Grave“ ist nicht nur der Titel des Liedes und des Albums, es scheint auch, der passende Titel Cashs gesamten Schaffens zu sein. „Ain’t No Grave/ can hold my body down“ singt er, und man kann nicht drum herum, ihm zu glauben, wenn einem diese Stimme aus dem Grab entgegen weht, während sie von schweren Trommelschlägen begleitet wird. Dieses Lied ist eine Perle.
Das Nächste, ein Sheryl-Crow-Cover, schließt sich der düsteren Stimmung an. Erzählt wird vom „Redemption Day“ – eines seiner Lieblingsthemen, man denke nur an „The Man Comes Around“ – und diesmal sind es Akkorde auf dem Klavier, die einem schwer auf der Brust liegen. Danach wird das Album leider ein bisschen flacher. Es folgen Themen, die wie Ableger der vorherigen Alben erscheinen, wie das Leben in Retrospektive erzählt, „For the Good Times“, oder eine Hymne auf das einfache Leben, „Satisfied Mind“. Im Vordergrund stehen bei diesen Liedern hauptsächlich etwas uninspirierte Gitarren-Pickings.
„Aloha Oe“ ist dann sogar ein bisschen peinlich. Zwar handelt es sich bei der inoffiziellen Hymne Hawaiis um ein Abschiedslied, aber man kann einfach nicht anders, als sich Menschen vorzustellen, die in bunten Hemden mit Blumenketten um den Hals albern tanzen. Außerdem verliert sich Cashs Stimme hier in Höhen, in denen sie nichts zu suchen hat.
Was soll man nun also zu diesem Album sagen? An die ersten vier der Reihe kommt es bestimmt nicht heran – das wäre aber auch ehrlich ein Wunder gewesen. Für Cash-Fans ist es natürlich unumgänglich. Ansonsten ist es ein solides Album, das mit „Ain’t No Grave“ eine wahre Perle enthält, für deren Veröffentlichung man sehr dankbar sein muss. Denn eines ist wirklich wahr: Ain’t no grave/ can hold this voice down.
