Kevin Hamann hat viel zu tun: zum Beispiel als ClickClickDecker scheinbar unwichtige Alltagsphilosophien in doppeldeutigsten Nebensätzen verschachteln oder gemeinsam mit Der Tante Renate als Bratze den Synthesizer dazuzuschalten, um daraufhin bei seinem Instrumentalprojekt My First Trumpet Gesang und Text lieber außen vorzulassen und sich wiederum ganz auf den Beat zu konzentrieren. Außerdem geht er noch beim Hamburger Radiosender Byte.FM auf Sendung und trägt einen Schnauzbart. Das aber nur nebenbei. Denn gerade steht wieder die Musik im Vordergrund. Heute, am Freitag, den 19. März, erscheint mit "Korrektur Nach Unten" das neue Bratze-Album über Audiolith. Wir haben uns mit dem Hamburger über seine verschiedenen Projekte, das Leben als hauptberuflicher Musiker und seine Gesichtsbehaarung unterhalten.
Der Bratze-Song „Im Auge des Lachs“ stand Pate für den Namen unserer Homepage.
Ach, ist das so? Wäre mir auf den ersten Blick gar nicht aufgefallen. Aber das freut mich natürlich
Das ist ja nun einer von vielen sehr abstrusen mitunter auch langen Songtiteln. Hat es einen Grund, dass du recht gewöhnliche Umstände so verpackst?
Da gibt es eigentlich kein Rezept für. Irgendwann muss das Stück eben einen Titel bekommen. Das ist bei mir eigentlich immer das Letzte, was passiert und dann geht das auch ganz schnell. Dabei muss eigentlich auch nicht immer ein direkter Bezug zu den Texten bestehen. Man sagt ja, dass Namen Schall und Rauch sind – und das passt, denke ich, ganz gut. Aber es ist natürlich witzig, wenn Leute da Verbindungen rausziehen oder sich fragen, warum der Song jetzt so-und-so heißt. Oder eben wie ihr auch euer Magazin danach benennt.
Hast du eigentlich schon immer Liedtexte geschrieben? Ich habe nämlich gelesen, dass du dich auch schon mal an Kurzgeschichten versucht hast.
Ich habe eigentlich schon recht früh angefangen, Gitarre zu spielen und dazu dann auch zu singen und zu texten. Das mit den Kurzgeschichten war eher eine Ausnahme, wo ich mal für einen befreundeten Verleger etwas geschrieben habe. Ich habe dann gedacht: „Ah, das gefällt mir auch ganz gut.“ (lacht) Natürlich habe ich dann auch noch weiter herumexperimentiert und probiert, längere Texte zu Schreiben und fand das auch interessant - du musst eben nicht so sehr auf die Reime achten und hast viel mehr Zeit, um dich auszudrücken. Aber irgendwie ist das gerade wieder ein bisschen Eingeschlafen.
Jetzt steht also wieder die Musik im Vordergrund. Aber wie war das, als du angefangen hast, Musik zu machen. Du hast die ersten Alben ja bei dir zuhause aufgenommen, richtig?
Genau. Ganz am Anfang habe ich nur mit einem Kassentenrekorder und dem eingebauten Mikrofon aufgenommen. Danach kam dann ein Vierspur-, dann ein Achtspur- Kassentenrekorder. Damit habe ich auch das „Ich habe keine Angst vor“-Album aufgenommen und den benutze ich sogar immer noch als Mischpult zwischen Mikrofon und Rechner, auf dem ich mittlerweile produziere. Du hast auf einem Computer einfach mehr Spuren zu Verfügung – und das möchte ich einfach nicht missen.
Wie kam es denn eigentlich, dass du neben ClickClickDecker noch weitere Projekte angegangen bist? Warst du da einfach in Experimentierlaune?
Auf der einen Seite Experimentierlaune und andererseits hat sich das auch einfach so ergeben. Mit Bratze war das zum Beispiel so, dass Norman (Der Tante Renate, Anm. d. Verf.) und ich zusammen auf Tour waren und uns auf Anhieb gut verstanden haben. Und wenn man so aufeinanderhockt, kommt eigentlich automatisch der Gedanke, doch mal gemeinsam etwas zu machen. Dementsprechend schnell kam auch unser erstes Lied „Jean Claude“ zustande. Das Feedback von uns selbst und Leuten um uns herum war dann so gut, dass wir uns entschlossen haben, ein ganzes Album zu produzieren. Und die Sachen von meinem Instrumentalprojekt My First Trumpet waren zu Beginn einfach so Überbleibsel, die sich über die Jahre angesammelt haben. Ich habe ja täglich irgendetwas produziert und wusste am nächsten Morgen manchmal nicht mehr, was ich am Abend zuvor eingespielt hatte. Das ist immer ein bisschen schwierig, ich kann nämlich keine Tabs lesen und mir demenstprechend die eigenen Songs auch immer sehr schlecht merken. Ich kann Powerchords und ich kann die Griffe, die man braucht, um „Country Roads“ zu spielen. (lacht) Aber man fragt sich dann „Was passiert eigentlich, wenn ich den Finger jetzt mal da hin tue?“ Ich bin da einfach dilettantisch herangegangen. Insofern hast du schon recht mit der von dir angesprochenen Experimentierfreude. Ich wollte mich eben nicht nur auf einer Ebene ausdrücken. Ich bin sehr froh, dass ich diese verschiedenen Projekte habe und mich jedem in voller Gänze widmen kann.
Du widmest dich aber immer nur einem deiner Projekte und ziehst das dann konsequent durch. Inwieweit unterscheiden sich denn ClickClickDecker und Bratze oder vielleicht auch so Sachen wie My First Trumpet voneinander?
Das produziert einfach weniger Druck – und das finde ich gut. Ich mag es, wenn die Sachen nicht parallel laufen und es so feste Zeiträume gibt. Im Januar 2009 kam zum Beispiel die letzte Click-Platte raus, wenn ich jetzt nicht noch das Bratze-Projekt laufen hätte, müsste ich mir schon wieder Gedanken über ein neues Click-Album machen. Ich kann freier sein. Und das kann ich auch aus dem Grund, dass die alle sehr verschieden sind. Bei Click ist es eher so die melancholische Seite und bei Bratze bin ich eher der Schweinerockersauarschpunk. Äh, naja. (lacht) Aber so ist das ein guter Rhythmus und wenn wir im Mai von der Bratze-Tour zurückkommen, werde ich wieder anfangen an Sachen zu arbeiten, die dann 2011 erscheinen werden
Machst du eigentlich hauptberuflich Musik?
Richtig, ja. Ich bin seit drei Jahren selbständig und hauptberuflich Musiker, arbeite allerdings nebenher noch bei dem Radiosender Byte.FM in Hamburg, um damit meine Miete zu bezahlen. Weil die Kunst ist ja immer ein unsicheres Ding.
Hast du persönlich denn etwas davon gemerkt, dass du dein Geld jetzt vielleicht eher durch Touren als durch Plattenverkäufe reinbekommst?
Naja, wir haben ja eh nie wirklich viele Platten verkauft. Diese Krise haben wir eigentlich nie gespürt – die Leute die deswegen rumgeheult haben, saßen nur bei den großen Firmen, wo plötzlich statt 100.000 nur noch 25.000 Platten verkauft wurden. Ich meine, das sind immer noch Zahlen von denen wir träumen. (lacht) Bevor ich selbstständig wurde, habe ich mich eigentlich immer strikt dagegen gewehrt. Ich hatte Angst vor diesem finanziellen Druck. Insofern hätte das Vorhaben, mein Hobby zum Beruf zu machen, auch nach hinten losgehen können. Immer wenn man Geld braucht, auf die Bühne rennen – das wäre auch nichts für mich gewesen. Dadurch, dass ich zwei verschiedene Projekte habe, ist es für mich noch einfacher damit finanziell umzugehen. Wenn ich ein Jahr lang nur mit Click auf Tour war und 100 mal das gleiche Lied gespielt habe, geht mir das irgendwann auf die Eier. Dann kann ich mit Bratze weitermachen und falle nicht in ein finanzielles Loch. Andersrum habe ich natürlich nach Bratze auch wieder Bock eine Gitarre in die Hand zu nehmen und muss Angst haben, mich zu verspielen.
Das habe ich jetzt schon öfter gelesen. Woher kommt diese Angst, dich zu verspielen?
Bei Bratze ist es ja so, dass ich ein ziemlich festes Programm habe. Außerdem kommt da viel vom Band und es ist einfacher, sich darauf zu verlassen. Und wenn ich dann nach den Live-Auftritten mit Bratze wieder als Click auf die Bühne gehe, um 20 Stücke alleine mit Gitarre und Band zu spielen, weiß ich, dass ich mich natürlich auch schneller mal verspielen kann. Das ist mehr auf diese Umstellung bezogen. Aber klar, ich habe auch eine prinzipielle Angst vor Auftritten. Die Leute kommen und wollen gerne ein schönes Konzert von mir sehen – da ist man schon mal nervös. Ich glaube, jeder Musiker hat diese Angst Fehler zu machen.
Wie lange wohnst du jetzt eigentlich in Hamburg? Und würdest du sagen, dass die Stadt für dich und deine Arbeit inspirierend ist?
Ich wohne jetzt seit 2003 hier. Aber ob die Stadt jetzt ganz spezifisch inspirierend für mich ist, weiß ich gar nicht. Viel mehr beeinflusst mich alles, was um mich herum passiert. Egal ob ich jetzt in Hamburg, in Berlin oder sonst wo wohnen würde. Ich hab mich aber für Hamburg entschieden, weil ich die Stadt einfach toll finde. Die Inspiration wäre aber überall die gleiche. Die Dinge, die um mich herumpassieren, könnten auch woanders passieren.
Du bist ja bekennender Bartträger. Geht dir diese inflationäre Schnauzbarthype des letzten Jahres auf die Nerven?
(lacht) Nö, ehrlich gesagt nicht. Von dem Hype habe ich gar nicht soviel mitbekommen. Ich finde es eher schön, wenn Männer einen Schnäuzer tragen. Ich glaube, ich finde prinzipiell jeden Mann mit einem Schnäuzer hübsch. Das gehört zu einem Mann dazu. Ich kann das nicht nachvollziehen, wenn Männer sagen, sie könnten sich keinen Bart stehen lassen, da das zu sehr kratzen würde – Blödsinn. Ich bin für Schnäuzer!
Foto: © Kevin Hamann | www.clickclickdecker.de