Soundcheck mit Lonelady, Broken Bells, Gorillaz u.a.
In dieser Woche sind zwei ganz große Persönlichkeiten der zeitgenössischen Popmusik in unserem Soundcheck vertreten. Mit Brian Burton und Damon Albarn kommen die neuen Platten von den Broken Bells und den Gorillaz - und während Broken Bells das Projekt von Brian Burton und James Mercer von den Shins ist, fährt Albarn direkt eine ganze Palette hochkarätiger Gastmusiker auf. Keine großen Gastmusiker, aber die Tradition großer Bands aus Manchester weiterführend bringt auch Julia Campbell a.k.a. Lonelady ihr Debüt raus. Wir haben in alle Platten mal für euch reingehört.
LoneLady - Nerve Up

Die grauen Häuserschluchten Manchesters haben mal wieder etwas ausgespuckt, dass sich in der Tradition von Namen wie Joy Division, New Order oder The Fall bewegt. Julie Campbell ist der neueste Hervorkömmling von Warp und schmeißt als „LoneLady" mit „Nerve Up", eine Platte auf den Markt die eine süß-saure Hommage an ihre Heimatstadt ist. Das Wesen der Lieder pendelt sich adrett zwischen Melancholie und liebevoller Erinnerung ein, doch die Hülle ist eher ein Zerrbild zwischen wankelnden Kompositionen und der Fähigkeit zu berühren. Das androgyne Erscheinungsbild erinnert schwer an La Roux, tatsächlich hört der Vergleich aber auch bei der Frisur auf, denn goldene Hosen und Schulterpolster-Elektro-Pop gehören nicht in ihr Konzept. Muss ja auch nicht. LoneLady beruft sich eher auf Bodenständigkeit mit Altlasten und irgendwie macht sie das ganz gut. (6) Silvia Follmann
VÖ: 26. Februar 2010 via: Warp
Broken Bells - Broken Bells

"Mr. Burton, wie haben Sie das gemacht?" könnte irgendwann einmal der Titel eines Buches sein, indem ein ambitionierter Popintelektueller und engagierter Musiker sein von ehrlicher Neugier getriebenes Interview mit Brian Burton abdruckt. Anders als Hitchcock, der in einem ähnlichen Projekt von Francois Truffaut interviewt wurde, ist Burton mit seinen Projekten überall geschätzt (was man von der intellektuellen Filmkritik Amerikas bezogen auf Hitchcocks Schaffen seinerzeit nicht behaupten konnte). Und dennoch: Geheimnisse wird er wohl wenige zu offenbaren haben. Die Spürnase, das Talent und die Neigung, etwas großes zu Schaffen, muss angeboren sein, ist nicht erklärbar. Erst im letzten Jahr hat die Gnarls Barkley-Hälfte mit Sparklehorse ein Mammutprojekt mit VIP-Überschuss aufgenommen, das nie erschienen ist. Songs wurden für solch gestandene Größen wie Jason Lytle, Julian Casablancas, Iggy Pop, Vic Chesnutt und James Mercer gechrieben und so klangen sie auch. 13 Songs unterschiedlichster Coleur, zusammengehalten von Burtons universellem Verständnis für Popmusik. Aus dieser Zusammenarbeit ging eine musikalische Freundschaft mit Mercer hervor, der, da seine Hauptband Shins ja auf Eis liegt, Zeit und Muße hatte, sich dem Projekt Broken Bells anzuschließen. Die Melancholie in Mercers besonders geprägter Stimme, die die kunterbunten Shins-Songs häufig matt einfärbte, verleiht nun den Kompositionen Burtons die nötige Eigenständigkeit. Wer auf ein neues Shins-Album in neuem Gewand hofft (wie es "Insane Lullaby" auf Dark Night Of The Soul bereits andeutete), der muss länger warten und dürfte hier enttäuscht werden. Ähnlich wie schon bei Gnarls Barkley der Soul, wird hier der Indie-Pop eingelullt und mystifiziert - man muss sich selbst herauskämpfen, um freie Sicht auf fantastische Klanglandschaften zu haben. Im Grunde war das hier aber auch schon vorher ein todsicheres Ding. (8) Andreas Peters
VÖ: 5. März 2010 via Sony BMG
Gorillaz - Plastic Beach

Ein anderes Buch könnte heißen: "Mr. Albarn, wie haben Sie das gemacht?". Im Unterschied zu Brian Burton ist Damon Albarn nämlich so etwas wie das Paradebeispiel eines (ohne Imageverlust) erwachsen gewordenen Popmusikers. Während die Gallaghers - die Antagonisten Albarns in den 90er Jahren - ihre Band nun schlussendlich als Folge von alkoholgetränkter Kindsköpfigkeit auflösten, hat sich Albarn früh genug vom Britpop verabschiedet, bevor es peinlich werden konnte. Er reiste durch die Welt, kurbelte hier ein Projekt an, gründete dort eine Band und komponierte nebenher noch eine Oper. Sein erstes großes Projekt abseits von Blur waren aber die Gorillaz. Zugunsten künstlerischer Freiheit versteckte er sich hinter seinen comicfigurenen Alter Egos und obschon jeder wusste, welch großartiger Kopf hinter den Figürchen steckt, wäre diese 90° Richtungsänderung ohne Alter Ego vielleicht nicht möglich gewesen. Auf dieser kleinen, selbsterrichteten Insel der Adoleszenz entwickelte sich Albarn zum Popgenie und versammelt schlussendlich auf 'Plastic Beach', dem dritten Album der Gorillaz, so viele ganz große Gastmusiker, dass die Comichelden Murdoch, 2D und Co. schon fast gänzlich in den Hintergrund rücken. Snoop Dog, Mos Def, Bobby Womack, Lou Reed - große Namen, gute Songs. "Plastic Beach" ist eine Reise durch die Poplandschaft, die zwischen Hip Hop und Elektropop hin und her knarzt und pumpt und am Ende eine Sammlung lupenreiner Popsongs ist. (7,5)
VÖ: 5. März 2010 via: EMI
außerdem erschienen:
Blood Red Shoes - Fire Like This

Ein Duo als Rockband klingt immer mau. Doch wer dabei so rotzig laut wie die „Blood Red Shoes" ist, dem kann das egal sein. Bei „Fire Like This" darf man sich getrost auf den Punk beschmutzen Rock konzentrieren, der einem hingeworfen wird. Lohnt sich. (7) Silvia Follmann
VÖ: 26. Februar 2010 via Cooperative Music (Universal)
