Wer mit unter 30 schon auf ein Œuvre von einem Roman, zwei Erzählbänden und diversen Kurzfilmen zurückblicken kann, versteht sein(e) Handwerk(e). Finn-Ole Heinrich, Baujahr 1982, ist so jemand: Romanautor, Filmemacher, Stipendiant. Wir sprachen mit dem Wahlhamburger über seine Anfänge als Autor, seine anstehenden Filmprojekte und die Angst vor dem Geschriebenen.
Stört es dich oder ist es dir unangenehm über deine Arbeit zu sprechen?
Nein, überhaupt nicht. Klar stehen die Geschichten für sich selber, aber ich kann es gut nachvollziehen, wenn man Fragen an den Typen hat, der die geschrieben hat. Und: ich rede da auch gerne drüber.
Wann hast du angefangen zu schreiben? Gab es da einen Moment an dem du gemerkt hast, dass das auch andere Leute interessiert?
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich angefangen habe, meine Gedanken schreibenderweise zu sortieren - das muss so mit 14 oder 15 gewesen sein. Da habe ich aber überhaupt nicht in Geschichten gedacht, sondern Briefe geschrieben – an ausgedachte Menschen oder reale Personen, denen ich diese Briefe aber nicht geschickt habe. Dann habe ich mit 17 das erste Mal freiwillig ein Buch in die Hand genommen und fand das so toll, dass ich gedacht habe „Das kannst du ja eigentlich auch mal machen.“. Das war der Punkt, an dem ich selbst angefangen habe, Geschichten zu schreiben. Ich habe die Sachen dann einer Freundin von mir gezeigt, die damals schon wusste, dass die Schriftstellerin werden wollte. Von ihr habe ich dann Adressen von Jugendwettbewerben bekommen, wo ich meine Texte dann hingeschickt habe. Daraus sind dann meine ersten beiden Stipendien geworden.
Warst du zu der Zeit schon auf Poetry Slams und Lesungen unterwegs?
Nein. Ich habe bei einem der beiden Stipendien meinen heutigen Lektor und Co-Autoren Jan Oberländer kennengelernt, der damals bei der Hannoverschen Allgemeinen gearbeitet und einen Artikel über uns geschrieben hat. Der ist dann nach Berlin gezogen, hat seinen ersten Slam gegründet und mich eingeladen, weil ihm meine Sachen sehr gut gefielen. Da habe ich dann das erste Mal auf einer Bühne gelesen.
Wie kann man sich den Schreibprozess vorstellen? Schreibst du Texte an einem Stück oder legst du viele Sachen auch noch mal bei Seite, um sie zu einem späteren Zeitpunkt fertig zu stellen?
Wenn es gut läuft, kann das bei kürzeren Texten mal passieren und ich schreibe sie sozusagen an einem Stück. Aber das Schreiben ist bei mir oft auch ein ständiges Wiederangucken und Überdenken. Es kommt auch vor, dass ich einen Text mal für drei Wochen weglege und dann noch mal mit neuen Augen daraufgucke und weiterschreibe. Ich hatte erst gerade wieder den Fall, dass ich einen Text weglegen musste und mir einen Praktikumsplatz suchen musste, um zu recherchieren.
Ist so ein Praktikum eine gängige Methode, um für ein Thema zu recherchieren?
Möglichst ja. Das geht natürlich nicht immer - man kommt einfach nicht in jede Welt rein, die man sich vorstellt. Da muss man so etwas dann mit Fiktion lösen. Grundsätzlich möchte ich mir aber nicht den Vorwurf machen lassen, ich hätte nicht gründlich genug recherchiert. Ich erzähle nun mal Geschichten, die sich aus der Realität - und seien es Nebenwelten - speisen. Wenn ich so über Henning (Figur aus einer der Erzählungen in „Gestern war auch schon ein Tag“, Anm. d. Verf.) schreibe, muss ich auch wissen, wovon ich erzähle. Wobei es bei der Geschichte nicht so war, dass ich dafür extra recherchiert habe, sondern zu der Zeit in einem vergleichbaren Heim gearbeitet habe. Jetzt habe ich zum Beispiel über Demenz geschrieben und habe aber irgendwann gemerkt, dass das was ich über diese Krankheit nicht weiß, einfach nicht reicht und habe dann ein Plegepraktikum bei einer Demenzstation gemacht.
Wissen die Leute dort, dass du für einen Roman recherchierst?
In dem Fall wissen die Verantwortlichen dort bescheid, ja. Ich habe von Anfang an mit offenen Karten gespielt und klar gemacht, dass ich über das Thema schreiben, aber auch niemanden bloßstellen möchte. Dementsprechend wurde dann auch keine Rücksicht auf mich genommen. Natürlich konnte ich keine pflegerischen Tätigkeiten übernehmen oder Medikamente verabreichen, aber ich habe einen interessanten Einblick erhalten. Allerdings habe ich aber auch schon mal verdeckt recherchiert. (lacht)
Ist es dir denn schon mal passiert, dass sich Leute, die du vielleicht mal irgendwo getroffen hast, in deiner Geschichte wiederentdeckt haben?
Nein, gar nicht. (überlegt) Also ich weiß vom eigenen Schreiben, dass ich manchmal so bestimmte Sachen verwende, die mir aufgefallen sind oder die ich mit jemandem erlebt habe - aber die sind dann auch immer so stark verfremdet, Umerfunden oder ganz neu zusammengesetzt, dass man die eigentlich nicht wiedererkennt. Jetzt gerade habe ich zum Beispiel einen Text geschrieben, wo mein Mitbewohner drin vorkommt – oder eher: eine Situation mit ihm war der Ausgangspunkt für diesen Text. Das habe ich ihm dann schon immer gesagt und er fand das auch total lustig - als ich ihm die Geschichte allerdings vorgelesen habe, hat er sich aber gar nicht wiedergefunden.
Bekommst du eigentlich manchmal Angst, wenn du deine Texte noch mal mit etwas Abstand liest?
(überlegt) Ja. Ich frage mich schon manchmal, warum ich mich in so einem Kosmos bewege. Denn ich führe ja kein Leben, was in dieser Welt spielt. Mir geht es gut, ich bin bisher von größeren Katastrophen oder Depressionen verschont worden - und trotzdem spielen meine Geschichten immer in sehr schwierigen Situationen und harten Welten. Ich glaube es ist so, dass mich diese Themen überhaupt erst angesteckt haben, mit dem Schreiben anzufangen und mich kreativ zu äußern. Es ist einfach so, dass mich das Leben - das klingt jetzt so pathetisch und groß - einfach sehr interessiert. Ich will das alles untersuchen - und da bietet es sich an, sich in so heftige Situationen zu begeben, weil man dem Leben da eben sehr genau zugucken kann. Man lernt Figuren, ihr Verhalten und was sie ausmacht sehr gut und genau kennen.
Wie bist du zum Beispiel auf die Geschichte „Letzte Wünsche“ gekommen?
Ich war damals bei einer Weihnachtslesung eingeladen und sollte etwas vorlesen, dass mit Weihnachten zu tun hat. Sonntagnachmittags mit Kaffee und Kuchen. Und da ist in mir einfach so ein Motor angesprungen und ich dachte: „Nee, ihr sitzt da, trinkt Kaffee und esst Kuchen und wollt eine lustige Weihnachtsgeschichte hören, in der ein Student nach Hause kommt und sich über die Mutter aufregt, weil sie so hektisch die Geschenke verpackt – da serviere ich euch mal etwas anderes.“ (lacht)
Ich habe in einem anderen Interview gelesen, dass du die Rechte für eine deiner Erzählungen verkauft hast und daraus jetzt ein Langfilmdrehbuch entsteht.
Genau, das ist die Erzählung „Schwarze Schafe“ aus dem ersten Erzählband. Die Rechte an der Geschichte hat ein polnischer Regisseur schon vor 2 Jahren gekauft. Und jetzt ist das Drehbuch auch eigentlich fertig. Ich komme sozusagen gerade von der Berlinale – und dort habe ich mich mit Produktionsfirmen und Sendern getroffen. So wie es nun aussieht, können wir 2011 drehen und zwar: einen Kinofilm. Ich bin selbst noch völlig baff und begeistert!
Was steht denn bei dir persönlich in nächster Zeit im Bereich Film an?
Ich drehe im Juli wieder einen Film. Und zwar wird der Film auf meinem Projekt „Heimat Huckepack“ (www.heimathuckepack.de, Anm. d. Verf.) basieren, das sozusagen verfilmt wird. Eine Redakteurin aus Bayern ist auf das Projekt gestoßen und hatte die Idee, ein dokumentarisches Roadmovie daraus zu machen. Sie hat jetzt eine Produktionsfirma und einen Sender gefunden und im Juli werden wir dann mit einem kleinen Team unterwegs sein. Das Konzept ist, dass wir uns nur mit regionalen Überlandbussen oder solchen Kähnen auf Kanälen fortbewegen werden, also: Umwege gehen, die unterschiedlichsten Landschaften erkunden, mit Leuten ins Gespräch kommen und uns deren Heimat zeigen lassen. Ich werde da der Protagonist sein, der durch die Gegend reist und selbst auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: „Heimat, was ist das eigentlich heute und hier?“
Ist dein derzeitiger Wohnort Hamburg denn so etwas wie Heimat für dich?
Ja, auf jeden Fall. Das hängt mit Sicherheit damit zusammen, dass ich dort mit meinen ganzen Freunden zusammengezogen bin. Ich wohne mit meinen beiden besten Uralt-Freunden zusammen, und gegenüber noch mal zwei WG’s mit guten Freunden von mir. Hier sind alle: meine alten Schulfreunde, meine Exfreundin und meine Schwester.
Lebst du eigentlich das Leben, das du dir gewünscht hast?
Ja – allerdings ohne, dass ich mir je so klare Vorstellungen davon gemacht habe. Aber ich hab neulich erst dagesessen und überlegt, wie das am Anfang des Studiums war. Da habe ich halt auch ganz viel geschrieben, aber dazu noch studiert und diverse Nebenjobs gehabt, um meine Miete bezahlen zu können. Ich habe auch damals schon viele Lesungen gemacht – allerdings keine Gagen bekommen. Und ich erinnere mich noch daran, wie ich zu meiner Freundin gesagt habe: „Es wäre so geil, wenn ich vom Schreiben wenigstens soviel Geld bekommen würde, dass ich diese Nebenjobs nicht mehr machen müsste. Einfach um mehr Schreiben zu können, mehr Zeit zu haben und Freunde zu treffen.“ Insofern war das schon ein Wunsch damals – und jetzt ist es wirklich so. Ich kann von meiner Schreibarbeit leben und das ist schon sehr, sehr geil. Das ist eigentlich schon wirklich ein Traum, ja.
Wie haben deine Eltern diesen künstlerischen und freiberuflichen Werdegang verfolgt?
Mein Vater hat sich dafür eigentlich nie wirklich interessiert. Der ist ein kompletter Karriereverweigerer, war oft arbeitslos und hatte da eigentlich nie großes Interesse dran. Wenn ich mit einem guten Zeugnis zu ihm gekommen bin, hat er mich nur Streber genannt. (lacht) Meine Mutter hat mir dagegen immer sehr vertraut, sie ist auch ziemlich stolz, glaube ich, auch wenn sie das bestreitet, weil sie Stolz dumm findet. Probleme gabs jedenfalls nie, ich habe den beiden ja auch nie auf der Tasche gelegen.
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