Selbstreflexion auf allen Ebenen. Ein kurzer Essay zur Fernsehserie In Treatment

Seit letzten Montag, genauer gesagt dem 15. Februar, präsentiert uns der Kultursender 3sat die erfolgreiche und fiktive Psychotherapie-Serie „In Treatment“ (mit einem gewohnt deutsch-dummen Zusatz – der Therapeut). Eine Serie, die mit minimalem Aufwand, eine ganze Menge Wahres zeigt.

3sat

Psychoanalyse und Film, die nahe Verwandtschaft dieser beiden Phänomene ist nun nichts neues. Wenn nun Lacans Psychoanalyse herangezogen wird, um einen David Lynch-Film zu interpretieren, oder wenn Woody Allen in einem seiner (vielen, vielen) Filme zum „shrink“ geht – dann kommt einem das bekannt vor. Der Springer Verlag gab im Jahr 2008 sogar ein Buch heraus, in dem anerkannte Psychoanalytiker 30 Filmcharaktere auf ihre psychischen Störungen hin untersuchen. So konsequent allerdings, wie in der israelischen Serie „BeTipul“ (die hebräischen Schriftzeichen spare ich mir; auf Englisch heißt es: In Treatment), wurden Film/Fernsehen und Psychologie bisher nicht verbunden. Die Serie entstammt der Feder des israelischen  Autors und Regisseurs Hagai Levi, und wurde von dem amerikanischen Fernsehsender HBO für „In Treatment“ beinahe exakt übernommen, vielleicht ein wenig amerikanisiert und neu besetzt, wie man das eben so macht.

Das Setting der Serie ist denkbar einfach und wie folgt: Gabriel Byrne (bekannt aus „The Usual Suspects“) spielt den Psychotherapeuten Dr. Paul Weston. Diesen sieht man stets in seiner Praxis, die Teil seines Hauses ist, was wiederum hin und wieder für Gastauftritte seiner Familienmitglieder sorgt. Diese werden allerdings umgehend von Paul entfernt, sobald einer seiner fünf Patienten, darunter auch ein Pärchen, an die Türe der Praxis klopft. (Eine Klingel besitzt er anscheinend nicht, wie heimisch.) Dann setzt der Hauptteil ein: Das Gespräch mit dem Patienten. Jede Folge endet, wie ein kleines Drama im Drama, mit der Verabschiedung, die mal herzlich, mal weniger herzlich, mal abrupt verläuft. Ganz so wie im echten Leben.

Das Interessante an der Serie ist nun ihr Understatement. Erzählzeit und erzählte Zeit (22 beziehungsweise 30 Minuten) sind beinahe identisch, die Serie spielt hierbei auch mit der Fernseh-Zeit-Rezeption der Seher, also spielt mit den Ungenauigkeiten. Sound wird sehr dezent eingesetzt, und meist nur in Form eines Summens, Musik kommt kaum vor. Dann gibt es eine feste Anzahl an Charakteren, pro Wochentag ein Patient, beziehungsweise Patientenpaar, die der Serie durch die Staffeln hindurch treu bleiben. Auch hierbei nutzt die Serie wieder geschickt ihr Medium: Das Fernsehen. Es suggeriert uns eine alltägliche Kontinuität. Ein Wochentag, eine Folge, am Wochenende kommt der Spielfilm. (Leider ungünstig ist die Programmwirtschaft im 3sat, die dadurch, dass sie jeweils Doppelfolgen zeigt, dieses Spiel der Ebenen zerstört.)

Schon in der ersten Episode, also am fiktiven Montag, kommt es zum psychoanalytischen Klassiker: Patient, weiblich, dazu attraktiv, verliebt sich und begehrt sexuell den Therapeuten, seinerseits männlich, reif, ruhig, charmant, leicht melancholisch. Laura heißt diese intelligente femme fatale, aber der Therapeut Paul bleibt souverän. Vorerst. Dienstags schaut dann ein vom Irakkrieg traumatisierter, aber dennoch sehr maskuliner Soldat vorbei, mittwochs ein 16-jähriges Mädchen mit Selbstmordgedanken, donnerstags ein über ein noch ungeborenes Kind zerstrittenes, ungleiches Paar.
 
Um die völlige Selbstreflexion perfekt zu machen fehlt nun noch der äußerst geschickt inszenierte Freitag. Dies ist nämlich der Tag, an dem Dr. Paul Weston selbst zur Therapie geht. Diese Doppelperspektive ist wie ein Blick, der hinter die Kulissen geht. Von Montag bis Donnerstag stellt der Psychotherapeut seinen Patienten fragen, was er sich dabei denkt, bekommt man als Zuschauer nicht mit. Man muss sich seine Gedanken schon selbst denken. Freitag ist der Tag, an dem er sich Luft macht, sich mitteilt, ja, seine aufgestauten Aggressionen raus lässt. Auf dem Therapeutenstuhl (ein Freudscher Versetzer: bei der ersten Sitzung nimmt Paul beinahe auf dem falschen Stuhl Platz) sitzt nun Gina, eine altbekannte Kollegin Pauls. Paul erzählt Gina von seinen Problemen, seinen allzu menschlichen Ängsten, und sieht ihr dabei direkt ins Gesicht; sieht dabei direkt: in die Kamera. Als Zuschauer hat man nun endlich die Möglichkeit seine Analysen mit denen des „richtigen“ Therapeuten abzugleichen. Psychoanalyse als heiteres Ursachenraten.
 
„In Treament“ trifft einen dem Film in diesem Sinne eher unbekannten Schnittpunkt zwischen Abbilden und Einbilden. Als Zuschauer bekommt man zwar ein Bild – zwei Menschen sitzen sich gegenüber und reden – vorgeführt, aber die zweite Bildebene, die der gerade erzählten Geschichte des Patienten entspricht, muss der Zusehende selbst in seinem Kopf ablaufen lassen. Er schlüpft in diesem Moment in die Rolle des Therapeuten, des Fragenstellers, oder anders gesagt, des Lesers. Wo wir eine Rückblende, und damit ein Abwechseln der Bilder, gewohnt sind, bleibt die Kamera hier im wahrsten Sinne des Wortes ganz nah bei dem Erzählenden. Denn darum geht es schließlich bei „In Treatment“: ums über sich selbst erzählen, und darum, wie man das eigentlich macht, erzählen.