Aus Zeitgründen sind wir von lachsauge noch nicht dazu gekommen, eine Besprechung zu veröffentlichen - und wer weiss wie wir es gefunden hätten, dieses Buch, diesen Debüt-Roman der 17-jährigen Helene Hegemann, der, landauf, landab über den grünen Klee gelobt wurde. Die einstimmige Kritik jedenfalls machte den Eindruck: das junge Mädel, ähem, die Jungintellektuelle Hegemann, deren Statements stets unangenehm nach altkluger Arroganz stanken, rettet die deutsche Popliteratur und löst sie aus der Starre der Bedeutungslosigkeit.
Der "Coming-Of-Age-Roman der Nullerjahre", soviel dürfte nun klar sein, ist ein Plagiat. Der Blogger Deef vergleicht in seinem Blog Gefuehlskonserve exemplarisch Stellen aus Hegemanns Roman mit (vermeintlichen) Äquivalenten aus "Strobo", einem wenig beachteten Roman des Berliner Bloggers Airen. Die Frage, ob denn nicht dieses Copy&Paste-Prinzip und die generelle Absenz wirklicher Originalität (auf die sich auch Hegemann in ihrer halbherzigen Verteidigungsschrift bezieht) in der Popkultur als legitime Paten für diese dreiste Kopie stehen können, darf gerne gestellt werden, an dieser Stelle möchte ich diesen Gedankengang allerdings vehement verweigern. Copy&Paste gerne, doch nicht ohne den Urheber des Kopierten an den Loorbeeren teilhaben zu lassen. Möglichkeiten für diesen Weg gäbe es genug - sich feiern zu lassen und zu hoffen, dass niemandem etwas auffällt, ist definitiv keine davon.
Die Ironie will es, dass die Verwandtschaft der Texte nicht von einer der klassischen Kontrollinstanzen aufgedeckt wurde, sondern von dem offenen Medium, auf das sich Hegemann, als Kind des Internets und Sprößling der digitalen Revolution, in ihrer Erklärung bezieht. Was folgt ist die Scham der Kritik, die sich hat blenden lassen (ich zeige hier ausdrücklich nicht mit dem Finger auf andere) und die Frage, warum - trotz all der Enthüllungen - von der Leipziger Buchmesse immernoch eisern an einer Nominierung Hegemanns für den Buchpreis 2010 festgehalten wird.
Kommentare
eine sinnlose Satire aus mehreren Gründen.
1) hier werden Künstler (Schriftsteller und Musiker) mit anderen Persönlichkeiten in einen Topf geworfen und so wird der Eindruck transportiert, dass es sich beim jeweiligen "Abschreiben" um das gleiche Vergehen mit den gleichen Folgen handelt.
2) "Abschreiben" wird hier nicht klar definiert. mal gilt Manns paraphrasierter Lexikon-Eintrag über Typhus, mal Schätzings Zuhilfenahme wissenschaftlicher Fakten für seinen Roman, mal das tatsächliche Kopieren eines künstlerischen Inhalts als das "Kopieren" im Sinne der Hegemann-Debatte.
3) versucht die taz sich vielleicht nur reinzuwaschen, indem versucht wird, das dreiste Abschreiben, das im Falle Hegemann so bezeichnet werden kann, als zeitgenössische Kunstform des "Samplings" zu verkaufen, das seine Wurzeln im Barock hat?
Sollten wir nicht Linien ziehen zwischen dreister Kopie, Adaption, Weiterentwicklung und Inspiration? Dass die Linie hin zur dreisten Kopie im Falle des vorliegenden Romans deutlich überschritten wurde, zeigte das Gespräch Hegemanns mit Harald Schmidt am Donnerstagabend.
Nicht falsch verstehen: wir sollten jetzt aufhören darauf rumzuhacken. Eine 17-jährige hat in einen vielbeachteten Roman Dinge eingebaut, von denen sie offensichtlich keine Ahnung haben kann (siehe Beispiel Berghain). Sie hat sich spätestens bei Schmidt selbst entlarvt, indem sie nicht einmal den Inhalt ihres Romans nachvollziehen konnte und dann gewitzt überspielte, nach dem Motto: "Dann ist der Teil wohl nicht von mir!". Man sollte es dabei belassen, aber eben auch deutlich klar machen, dass zwischen Sampling-/Cut&Copy-Culture und dem, was hier passiert ein himmelschreiender Unterschied besteht. Und mit solchen Satiren wie dieser, geschieht das ganz bestimmt nicht!
Ich gebe Andreas Recht. Kenne mich zwar nicht wirklich in dieser Sampling-Debatte aus und kann nicht beurteilen, was da dem Konsens nach noch akzeptiert werden darf/ kann/ soll. Aber meinem subjektiven Unrechtsempfinden nach geht dieses dreiste Kopieren auch nicht klar. Als dieser Airen würde ich mir jedenfalls verarscht vorkommen.
Ich finde, es geht hier gar nicht mal darum, ob der Blogger Airen sich verarscht vorkommen sollte. Vielmehr wurde Helene Hegemann in den höchsten Tönen gelobt, obwohl ihr schriftstellerisches Talent sich - auch abseits der Plagiatsvorwürfe - stark in Grenzen hält.
Die Dreistigkeit ohne Angabe der Quellen nicht nur sinngemäß zu Zitieren schießt dabei allerdings den Vogel ab.
Ich verstehe die ganze Aufregung nicht ... da hat sich eine 17-jährige in ihrer Naivität ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt und ein paar Regeln des Anstands im Literaturbetrieb verletzt ... zugegeben, kein feiner Zug ... aber daraus jetzt abzuleiten, dass jegliche Kritik verblendet war, finde ich etwas übertrieben. Ich habe das Buch zwar nicht gelesen, aber es muss ja schon mehr drin stehen, als die abgeschriebenen Passagen ...
Was ich an der Debatte ganz interessant finde, ist das man irgendwie den Eindruck hat, hier gibt es plötzlich eine Gegenbewegung. Hier wurde eine Grenze überschritten, die selbst den Freunden der Sampling-Kultur noch heilig ist. Wie Philipp zurecht anmerkt lässt sich aber auch nicht so leicht definieren wo genau diese Grenze liegt.
Und irgendwie ist mir Hegemanns Argumentation ja sympatisch. Jeder samplet ... der eine mehr, der andere weniger offensichtlich ... die einen mehr, die anderen weniger bewusst. Ob daraus jetzt folgt, dass es keine Originalität mehr gibt, wage ich zu bezweifeln. Ich würde sagen, die Originalität vollzieht sich eben nur in solch kleinen Schritten, dass man sie nicht immer festmachen kann und es erst eine polarisierende Figur, einen Fixpunkt braucht, auf den sich die Menschen und die noch stärker von Abstraktion lebenden "Leitmedien" stürzen können. Dessen einzige Leistung kann dann eben auch darin bestehen aufgrund des Alters perfekt als Diskursobjekt zu dienen.
Aber worin liegt dann der Wert eines Kunstwerks, wenn nicht in seiner Originalität? Die Echtheit, mit der sich Hegemann versucht rauszureden ist es sicher nicht. Wenn die Diskussion um die Plagiatsvorwürfe eins klar macht, dann dass hier von Authenzität keine Rede sein kann. Und wenn Echtheit der Maßstab wäre, würden jetzt zumindest einige den "bestohlenen" Blogger abfeiern, aber so richtig gut scheint der ja auch nicht zu sein. Und überhaupt: Authentisch war schon Hitler (sage ich ... mit den Worten von Marcus Wiebusch).