Quick Reads sind eine interessante Erfindung: Kurze Bücher, um bildschirmgeschädigte Nicht-Leser wieder an Buchstäben, Sätze, ganze Kapitel heranzuführen. Namhafte Autoren verfassen dafür so ungefähr hundert Seiten, große Schrift, leicht verdauliche Sprache. In Irland und Großbritannien werden diese Miniromane dann für £ 1,99 verkauft und sollen für den Flug, die Zugfahrt oder den Wartezimmeraufenthalt eine preis- und lesenswerte Alternative zum Zeitschriftenangebot darstellen. Ob man dies nun für ein hoffnungsvolles Programm gegen die Volksverdummung oder den Untergang des literarischen Abendlandes hält, ist wohl jedem selbst überlassen. Wie eine solche moderne Kurzgeschichte aussehen kann, zeigt uns John Boyne, der Autor von „Der Junge im gestreiften Piyama“.
Auch in „The Dare“ bleibt John Boyne seinem bewährten Stilmittel treu: Erzählt wird in der Perspektive eines zu Beginn des Buches zwölf Jahre alten Jungen. Danny Delaney freut sich auf die Sommerferien. Er hat ein Fahrrad, Charles Dickens „David Copperfield“, jede Menge Zeit und einen Nachbarsjungen, Luke, zum Spielen. Viel schief gehen kann da nicht mehr. Zwar ist Danny traurig, dass sein großer Bruder Pete die Semesterferien lieber für eine Europareise als für Heimaturlaub nutzt, aber so sehr sich sein Vater auch darüber ärgert, Danny lässt sich seine Ferien nicht verderben.
Alles ändert sich, als seine Mutter eines Nachmittags nicht nach Hause kommt. Danny ist schon im Bett, da wird sie von zwei Polizisten nach Hause gebracht. Dannys Mutter steht unter Schock. Sie hat einen kleinen Jungen angefahren, ohne eigene Schuld, der Junge kam einfach so auf die Straße gerannt, unmöglich zu bremsen. Der Junge heißt Andy und wohnt nur einige Straßen weit entfernt. Nun liegt er im Koma, sein Leben am seidenen Faden. Dannys Eltern sind erstmal mit sich selbst beschäftigt, Danny schläft für eine Nacht bei den Nachbarn und auch die nächsten Wochen können sich weder sein Vater noch seine Mutter um ihn kümmern, mit Fragen oder Wünschen erreicht Danny gar nichts mehr. Dafür lernt er die Andys Schwester Sarah kennen. Sie streift um das Haus der Delaneys, um die Frau zu sehen, die ihren Bruder angefahren hat. Sarah und Danny verstehen sich ganz gut, ihre Situationen gleichen sich, beide sind verwirrt und verzweifelt und dringen weder zu ihren Eltern noch zu ihren eigenen Gefühlen durch. Doch Sarah plagen auch noch Schuldgefühle. Sie war es, die Andy überredet hat, bei den Nachbarn in Nummer 42, denen mit dem riesigen bösen Hund, Klingelstreich zu machen. Der kleine Bruder tat schließlich alles um ihren Respekt zu erwerben. Und so beobachtete sie vom Fenster ihres Kinderzimmer aus, wie Andy die Mutprobe bestand und dann so schnell er konnte und ohne nach links und rechts zu schauen, auf die Straße rannte. Dort erfasste ihn das Auto von Dannys Mama.
Danny hört diese Geschichte im Krankenhaus, an Andys Krankenbett. Dazu hat ihn Sarah gezwungen, er musste mitkommen zu ihrem Bruder um die geheime Geschichte zu hören. Plötzlich sind Stimmen zu hören, Sarahs Eltern kommen ihren Sohn zu besuchen. Sarah versteckt Danny unter dem Krankenbett. Dort muss er mitanhören, wie die fremde Familie über seine Mutter schimpft, sie dürfe nicht mehr frei herumlaufen, sei gefahren wie eine Irre und ähnliches. Danny hält es unter seinem Bett nicht mehr aus, er springt heraus, schreit, seine Mutter habe es nicht absichtlich gemacht und rennt davon. Abends dann Streit mit seinem Vater, seine Mutter bekommt er gar nicht mehr zu Gesicht. Nachts liegt Danny in seinem Bett und beschließt, wegzulaufen. Er steckt sein Geburtstagsgeld ein (auch die Feier zu seinem 13. Geburtstag war ein Desaster), eine Flasche Wasser und eine Kleinigkeit zu essen und radelt davon. Wohin weiß er nicht. Er schläft in der freien Natur, hungert, nachdem all sein Geld am ersten Tag für Burger, Fritten, Eiscrème und Kino ausgegeben hat und wird immer schwächer. Und obwohl sein Bild auf allen Kanälen gezeigt wird, findet ihn niemand…
Ob dieser QuickRead seinen Zweck erfüllt, Nicht-Leser an Bücher heran zu führen, kann ich nicht genau sagen. Ich habe die 102 Seiten, obwohl der Text auf Englisch verfasst ist, in einer knappen Stunde durchgelesen – und ja, es war spannend, hat die Zugfahrt auf angenehme Weise verkürzt und war einem Kreuzworträtsel, dem neusten Promiklatsch, Tetris oder was immer meine Mitreisenden so gemacht haben, auf jeden Fall vorzuziehen. Und das kleine Büchlein passt in jede Handtasche und wiegt so ungefähr gar nichts. Dennoch - eine Auftragsarbeit, ein bisschen zu sehr auf diese komfortable Länge geplant und daher kein Vergleich zu dem großartigen Jungen im gestreiften Piyama. Ein bisschen besser ist es also doch, wenn die Geschichte die Zeichenzahl bestimmt.