Up in the Air
George Clooney spielt Ryan Bingham, einen smarten wie moralisch durchweg flexiblen Jetsetter, der sein Geld damit verdient, Angestellten ihre Entlassung schmackhaft zu machen. Engagiert wird er von Vorgesetzten, die selber zu feige scheinen, ihrer Belegschaft zu kündigen. Für Bingham und sein „Dienstleistungsunternehmen" in der aktuell leicht angespannten Wirtschaftlage eine „Goldgrube", so zumindest bezeichnet Binghams Chef mitunter die Massenentlassungen, die zahlreiche Aufträge für das fragwürdige Unternehmen bieten.
„Up in the air" beginnt rasant und insbesondere die bissigen Dialoge und der Wortwitz machen die ersten Minuten des Films hoch unterhaltsam und schockierend zugleich. Bingham schmeißt den fassungslosen Mitarbeitern, denen er stellvertretend für die Firma die Existenzgrundlage unter den Füßen wegzieht, keine harschen Wahrheiten an den Kopf. Vielmehr verpackt er die Entlassungen in Watte und suggeriert seinem Gegenüber einen Neuanfang. „Jeder Mensch, der ein Imperium aufgebaut oder die Welt verändert hat, war an dem Punkt, an dem sie sich jetzt befinden." Zynisch und bitterböse verdreht, beschönigt und überzuckert Bingham die ausweglos düstere Situation, in der die Arbeitslosen nun weiterleben müssen. Genau dieses Aufeinandertreffen von schockierten Mitarbeitern und dem geschmacklos charmantem, süßlich daherredenden Vielflieger sind die großen Momente des Films. Jedes Wort wirkt hier wie eine Waffe, oder im Fall von Bingham, brutal entwaffnend. Kapitalismuskritik und perfide Worthülsen werden hier so treffend wie selten vorgeführt.
Schon mit „Thank you for Smoking", in dem der ebenfalls eloquente und charmante Titelheld sein Geld als Lobbyist für die Tabakindustrie verdient, hat der Nachwuchsregisseur Reitmann gezeigt, dass er punktgenaue Dialoge und charmante Ekelpakete treffend in Szene setzen kann. Dies gelingt dem vor allem durch die Indiekomödie „Juno" bekannt gewordenen Reitman in „Up in the Air" sogar noch ein bisschen besser. Zu verdanken hat er das aber in aller erster Linie George Clooney. Der scheint wie geschaffen für die Rolle des smarten, gut aussehenden Arschlochs, das sich nicht nur komplett über seinen fragwürdigen Beruf definiert, sondern sein Tun anscheinend ohne Reue in den schicken Hotellobbys Amerikas abfeiert.
Sein Ziel ist nicht eine Beziehung mit einer Frau aufzubauen. Er hält generell nicht viel von Liebe. Die hat einfach keinen nützlichen Effekt für ihn und ist somit nicht weiter relevant. Genauso wenig spielen Verwandte oder Freunde eine Rolle in seinem Leben, das auf den Flughäfen Amerikas stattfindet. Die sind nur unnötiger Ballast, die den Rucksack, den man im Leben mit sich herumschleppt, unnötig schwerer machen. Das zumindest verkündet er in seinen Motivationsseminaren. Seine Lebensweise tilgt jegliche Verbindlichkeit, aber auch jeder Konfrontation mit aufkommenden Konflikten kann er so bequem aus dem Weg gehen. Viel wichtiger erscheint es, endlich die Zehn Millionen Meilen Marke als Vielflieger zu knacken, das haben vor ihm erst sechs weitere Menschen geschafft. Mit großer Genauigkeit zeichnet Reitman einen Typus Geschäftmann, von dem man sich sehr gut vorstellen kann, dass er ohne Bedenken mit Millionen jonglieren und somit das Leben von Tausenden Menschen zerstören könnte. Der Realitätsbezug fällt dank steigender Arbeitslosigkeit und Wirtschaftkrise unangenehm deutlich aus.
Doch dann tritt Alex (gespielt von Vera Farmiga) in Bingham´s Leben, eine attraktive, eloquente Geschäftsfrau, die ebenfalls aus dem Reisekoffer lebt. Deshalb sprechen beide bei ihrem Kennlernen auch nicht über Hobbys, sondern vergleichen ihre Hotel- und Vielfliegerkarten nach dem Motto „Wer hat den längsten" oder in diesem Fall, „Wer hat die meisten Bonuspunkte".
Bingham verliebt sich in seinen weiblichen Gegenpart und immer mehr driftet „Up in the Air" von seinem eigentlich spannenden Thema ab. Jetzt ist nicht mehr Binghams Arbeit und die Situation der Arbeitslosen im Fokus, sondern das idyllische Planschen auf der Yacht zwischen den beiden Effizienzzombies. Das kann anfangs als legitim akzeptiert werden, schließlich muss Bingham erst einmal merken, das den sozialen Bindungen und der anscheinend doch gar nicht so leeren Worthülse Liebe etwas abzugewinnen ist. Doch leider zieht sich diese Passage des Films so weit in die Länge, dass nicht mehr nur vom Mittel zum Zweck gesprochen werden kann. Clooney wird immer sympathischer und darf zeigen, dass Bingham im inneren doch ein ganz lieber Kerl ist, der nur ein bisschen Zuneigung braucht, um geläutert zu werden. Statt ihn abzulehnen, lädt der Film zur Identifikation mit Mr.Charming ein. Jedoch nicht um den Zuschauer später wieder vor den Kopf zu stoßen. Gerade zum Ende hin verstärkt er sogar den Impuls, Mitleid mit dem zunehmend gescheitert wirkenden Bingham zu empfinden.
Die thematisch tiefer gehenden Einschläge werden mit der Zeit weniger und überhaupt wird immer mehr klar, das der Film sich von seinem schicken Ambiente, den maßgeschneiderten Anzügen und den Hotelswimmingpools nicht verabschieden wird. Vielmehr steuert er auf sein schon lange vorher erkennbares Ende zu. Dieses fällt zwar unbequem und desillusionierend für seine Hauptfigur Bingham aus. Doch rettet das die vorangegangenen Minuten der Langweile in den seichten Gewässern des Liebesgeplänkels nicht mehr. So verkommt die zweite Hälfte fast zur 08/15 Liebesgeschichte, deren moralische Botschaft „Deine Karriere ist nichts wert ohne Familie und Freunde" reichlich konventionell und ein wenig ausgelutscht daherkommt. Schnell trauert man den ersten Minuten des Films nach und vermisst nicht nur die tiefergehenden und gleichzeitig unterhaltenden Momente. Vielmehr beschleicht einen das Gefühl, das Reitman den Zuschauer in der Welt Binghams eingelullt hat.
Wenn dem so sein soll, keine schlechte Intention. So wird der Zuschauer animiert, selbst über das Verhalten Binghams nachzudenken und seine Welt abzulehnen. Doch „Up in the Air" tut gegen Ende schlicht und ergreifend nicht mehr genug weh, um wirklich gut zu sein, nachhaltig zu berühren oder die Identifikation mit Bingham wieder zu relativieren.
