Soundcheck mit Bombay Bicycle Club, Groove Armada, Lindstrøm & Christabelle und Gil Scott Heron

Musik aus dem Schatten des Plattenregals, von der mit Vodka-Bull-Klebrigkeiten überzogenen Tanzfläche. Songs aus der kastrierten Popkonserve und den dunkelsten, vedrogtesten Ecken der eigenen Seele - all das bekommt man, wenn sich es wie Andreas und Jan zur Aufgabe macht, die neuen Platten von Bombay Bicycle Club, Groove Armada, Lindstrøm & Christabelle - Real Life Is No Cool und Gil Scott-Heron durchzuhören.

Bombay Bicycle Club - Bombay Bicycle Club

Das Wort "Math Rock" begegnete mir dieser Tage in irgendeiner der seltenen Rezensionen oder Berichterstattungen zum Debüt der 4 Jungs aus Nordlondon. Die Seltenheit der Berichterstattung kann ich zwar noch auf das ursprüngliche Erscheinungsdatum (Juli 2009, hierzulande jedoch erst im Februar erschienen) schieben. Die Verwendung des oben genannten Begriffes für eine Band, deren Platte als paradigmatisches Soundbeispiel für das, was wir gemeinhin als Indie-Rock bezeichnen, herhalten könnte, ist allerdings wirklich bezeichnend. Die Hipsterfraktion wäre hier überfordert, gerade so als könnten wir nichts mehr abfeiern, das nicht in Synthies getunkt ist und dessen Protagonisten nicht hornbebrillt und röhrenbehost sind. 'Bombay Bicycle Club' klingt wie ein Album, das im Schatten des Plattenregals entstanden ist, auf dessen Brettern sich alles befindet, was amerikanischer Indie-Rock zu bieten hat. Von Sonic Youth über Pavement, den frühen Death Cab For Cutie bis hin zu den Dirty Projectors scheint alles irgendwie indirekten Einfluss auf die in London(!) entstandenen Songs zu haben. Der Urheber der Verbindung zwischen dieser Platte und dem "Math Rock" könnte von den sekundengenauen Hi-Hats und den chirurgisch-exakt schreddernden Gitarren fehlgeleitet worden sein. 'Bombay Bicycle Club' jedenfalls ist davon weit entfernt und hat zudem große Chancen das schändlich vernachlässigteste Debüt des Jahres zu werden. Da machen wir nicht mit, hört auf meine Worte! (9) Andreas Peters
VÖ: 05. Februar 2010 via: Island (Universal)

 

Groove Armada - Black Light

Groove Armada – Black Light

Für mich waren Andy Cato und Tom Findlay eigetnlich immer der Inbegriff vom geschickten Spagat zwischen Filterhousschmonzetten für die breite Masse mit behutsam ausbalancierter und glaubhafter Electroattitüde. Bei „Black Light“, ihrem neunten Studioalbum, ist das etwas anders geraten. Musikalisch wird hier eine Vielfalt geboten, die sich fernab von stumpfer Vier-zum-Flur-Mentalität bewegt und Arrangements wagt, die sich mehr und mehr der Indiekapelle deines Vertrauens zuordnen lassen. Bezeichnend hierfür ist wohl auch der Zusammenschluss mit den Hypemen von Fenech-Soler, dessen Sänger Ben auf der zweiten Single „Paper Romance“ gemeinsam mit dem herzerwärmendsten Vibratokehlchen der Popgeschichte, SaintSaviour teamet. Das ist Teenager Wave-Pop 2.0 mit 14-Jahren Band-Erfahrung und somit eine ganz gefährliche Nummer, welche sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album zieht. Abifetenrumgeknutsche zu „Not Forgotten“, zu „History“ die ganze Welt verfluchen und am nächsten Morgen nach Hause wanken, während „Shameless“ im iPod den Abend Revue passieren lässt. „Black Light“ ist ähnlich wie „Acolyte“ von Delphic Popmusik mit erwachsener Abgeklärtheit und kindlicher Erwartungshaltung und großen Sehnsüchten. Und diese Emotionalität und Schwermütigkeit, dürfte sich so in keinem Tanztempel deines Vertrauens finden lassen.Ein gutes und anderes Album, welches man so vielleicht nicht erwartet hätte. (8) Jan Wehn

VÖ: 26. Februar 2010 via: Cooking Vi (Indigo)

 

Lindstrøm & Christabelle - Real Life Is No Cool

Mit 'Where You Go I Go Too' hat er 2008 eine vielbeachtete Mörderplatte aus Krautrock-, Cosmic-Disco- und Ambientanleihen zusammengebastelt, deren fast 1-stündige Spielzeit von nur 3 Songs bestritten wird. Ein Jahr später, 2009, folgte dann die zweite Zusammenarbeit mit seinem Kumpel Prins Thomas - eine albengewordene Jamsession mit viel Kraut(rock) und Cosmiceinflüssen. Nun, noch ein Jahr später, beglückt uns der Norweger mit seiner Landsmännin Christabelle (alias Solale) erneut und irgendwie wirkt es als hätte Hans-Peter Lindstrøm sein 2008er Werk - angereichert mit der Spontaneität der Prins Thomas-Kollabo, einer ordentlichen Prise Pop sowie unter Mithilfe einer sehr intensiven weiblichen Gesangspartnerin - neu aufgenommen und das Ergebnis weiss zunächst zu verunsichern, zieht dann in seinen Bann und gefällt letztendlich, wenn es auch hinter den Vorgängern zurückstehen muss. 'Real Life Is No Cool' ist vordergründiger Eskapismus, der in hinter seiner Ambient-Disco-Mauer eine Portion Popmusik versteckt, die es zu entdecken gilt. (7) Andreas Peters
VÖ: 22. Januar 2010 via: Smalltown Supersound (ALIVE)

 

Gil Scott Heron - I'm New Here

Schon alleine dieses Intro. Wie Gil Scott-Heron da auf Basis von Kanye West’s „Flashing Lights“-Instrumental seine todtraurige Vita in Kurzform an den noch vorhandenen Zahnstümpfen vorbeiformuliert ist einfach ergreifend. Mit „I’m New Here“ erscheint seit 1994 das erste Album des Spoken Word-Vorreiters im Soul-Segment, welcher mit der Teasersingle „Me And The Devil“ und dem dazugehörigen Urbanmoshvideo ein starkes Comeback ablieferte und außerdem viele Rapfans aufhorchen ließ. Schließlich steht Scott-Heron seit jeher in enger Verbindung zur HipHop-Kultur. Überhaupt, die rumpelnden Drums und Industrialsounds haben fast Beatcharakter und erzeugen in Kombination mit den ehrlichen Lyrics und packende Vortragsweise fast Hörspielcharakter. Dass Gil Scott-Heron seit knapp vier Dekaden aktiv ist und sein Album jetzt via XL Recordings – die Labelheimat von Bands wie The Prodigy, den White Stripes oder M.I.A. – herausbringt, zeigt, wie relevant er auch heute noch zu sein scheint und welchen (selbstzugeschriebenen) Vorbildcharakter Gil Scott-Heron er dabei besitzt. Derart viel  Schmerz, Emotionalität und Lebensweisheit in Reinform vermisst man auf den Rapplatten dieser Tage leider schmerzlich. (7) Jan Wehn

VÖ: 5. Februar 2010 via: Xl/Beggars Group (Indigo)