Bei all dem Lob, das der elektronische Musiker Hendrik Weber alias Pantha Du Prince in letzter Zeit von Fach- und nicht-Fachpresse eingestrichen hat, ist es nun fast schon unangenehm auch noch auf diesen Zug der Lobeshymnen aufzuspringen. Aber es soll sie ja geben – die sogenannten Konsensalben. Siehe zuletzt im Bereich elektronischer Musik: Paul Kalkbrenner. Bei Pantha du Prince und seinem Album „Black Noise“, welches am 05.02. auf dem Indielabel Rough Trade erschienen ist, da gibt es wenig zu mäkeln, aber umso mehr zu erzählen.
Während der werte Kollege Dominik Eulberg, seinerseits anerkannter Technoproduzent und Ökoverfechter, auf dem Cover seines Albums „Heimische Gefilde“ sein Studio mithilfe von Photoshop mitten in den heimischen Wald verlegt hatte, entschied sich Hendrik Weber dafür, diese moderne Komponente ganz wegzulassen, und nur die romantische Malerei einer gespiegelten Berglandschaft zu zeigen. Lediglich ein Aufkleber, der den Titel des Albums und Autors trägt, und in einer der oberen Ecken klebt, erinnert einen noch an das eigentliche Produkt. Doch diesen kann man einfach abreissen. Das ist Haptik! (Der Autor dieses Textes möchte an dieser Stelle nicht beim Wort genommen werden.)
Doch was steckt hinter dieser dialektischen Verbindung von Romantik und Techno, von Natur und Technik? Die Malerei stellt jedenfalls nicht die einzige Brücke dar, und führt man sich einmal die Entstehungsgeschichte von „Black Noise“ vor Augen, leuchtet dies ein. Zusammen mit zwei Musikerfreunden quartierte sich Weber in einer Hütte in den Schweizer Bergen, genauer gesagt im Zürcher Oberland, am Rande eines verschütteten Dorfes, ein. Dann ging man mit einem Fieldrecorder in die Natur, ließ Saiten schwingen und Steine rollen. Der Rest war Inspiration. In der Literatur der deutschen Romantik nannte man so etwas spontane Dichtung. Hier sind es Töne, vielmehr einfach Geräusche, die eine Geschichte haben, die reine Natur sind. Das ist also der Unterbau des Albums. Der Rest ist Studiogeschichte.
Auf dem fertigen Album hört man die Natur – zumindest so wie sie bisher beschrieben wurde – nur noch bedingt heraus. Aber man ist vielleicht dazu verleitet zu sagen, ihr Geist schwinge mit. Das wäre sicherlich im Sinne Hendrik Webers. Alle Stücke gehen den schmalen Grat zwischen frei umgesetzter Inspiration und perfekter Konstruktion – gegen jegliche Hör-Erwartungshaltungen. Bei all der Romantik will die Mühe, die Feinarbeit, der exakte Einsatz der Technik (des Technos), ja die Kunst, die Hendrik Weber hier betreibt, nicht vergessen werden.
Ein gutes Beispiel für den kühlen Sound und die unorthodoxen Songstrukturen, ist ein Stück der zweiten Hälfte der Platte, „Behind The Stars“. Die erste Hälfte des Songs ist sehr minimalistisch und düster gehalten, man vermutet ein wenig Geröll zwischen den dumpfen Bässen und der monotonen Stimme; aber dann erhebt sich plötzlich im späten zweiten Teil des Stücks eine Melodie, die einen bis zum Schluss nicht mehr verlässt. Oder im direkt darauf folgenden Stück „Bohemian Forest“. Auch hier setzt die motivierteste Melodie genau dann ein, wenn man am wenigsten mit ihr rechnet, sich schon in dem Meer aus durcheinander klingenden Glocken zurecht gefunden hat, und dann ist die Melodie genauso schnell wieder verklungen, wie sie vorhin noch erklungen ist. Aber es gibt da auch noch Lieder, die durchweg kalt („The Splendour“), und Lieder, die durchweg warm klingen („Welt Am Draht“).
Zwei Stücke, die allein durch ihre Form aus dem Album herausfallen, sind „Im Bann“ und „Stick To My Side“. Ersteres kommt gänzlich ohne Beat aus, und erinnert von der Stimmung her an Shoegaze-Bands, wie My Bloody Valentine, und damit auch an frühere Produktionen Webers. Auf „Stick To My Side“ hört man hingegen erstmalig eine Singstimme, nämlich die von Noah Lennox alias Panda Bear von Animal Collective. Aber wie schon gesagt – diese Songs fallen durch ihre Form, nicht durch ihren Inhalt, ihre Stimmung aus dem Rahmen des Albums. Ansonsten fügen sie sich perfekt in dieses ein.
Sowieso klingt „Black Noise“ absolut wie aus einem Guss; fast noch mehr als das 2007er Album „This Bliss“. Hinter Pantha Du Prince steht ein Konzept, das sicherlich weit darüber hinaus geht, den einen Songs englische, und den anderen deutsche Titel zu geben. Und wie auch immer man dieses Konzept abstrahierend nennen möchte, es dreht sich jedenfalls um das Herausstellen und das Aufheben von Gegensätzen, und es erreicht mit „Black Noise“ einen vorläufigen Höhepunkt.
Kommentare
Wegen des vielen Lobs war ich
Wegen des vielen Lobs war ich anfänglich auch etwas skeptisch. Schon nach den ersten zwei, drei Liedern war die Skepsis dann allerdings verschwunden und mittlerweile mag ich das Album sehr. Vor allem auch, weil es zu vielen Situationen passt. Am Rechner sitzen und arbeiten, mit dem iPod in der Bahn und etwas lauter vor dem Weggehen - funktioniert.
Und ich stimme dir zu: trotz der zwei eigentlich etwas aus dem Album sich abhebenden Songs wirkt es tatsächlich wie aus einem Guss. Was es gleichzeitig für mich zu einem Album macht, dass ich auch nur als Album hören kann...
Keine Frage: Ganz große
Keine Frage: Ganz große Platte. ERstaunlich finde ich aber, wie sich plötzlich alle auf 'Black Noise' stürzen, während das gar nicht unbedingt schlechtere 'This Bliss' damals recht stiefmütterlich behandelt wurde...
Aber großartig finde ich diesen romantischen Ansatz in elektronischer Musik. Mit 'Liedgut' von Atom TM kann ich nur ein ähnliches Beispiel nennen. Letztes Jahr erschienen. Aber abgesehen vom Romantischen nicht vergleichbar.