20 Jahre Simpsons - Eine ganz persönliche Retrospektive
Ein verspäteter Glückwunsch zum Geburtstag! 20 Jahre Simpsons.
Es gibt vieles zu sagen über die Simpsons und vieles wurde bereits gesagt. Klar, nach 20 Jahren und weit über 450 Episoden, kann niemand ernsthaft einen vollständigen Rückblick anstreben. Daher blickt Andreas zurück auf seine persönliche Beziehung zu 20 (in dem Fall eher 18) Jahren Simpsons und eine der wenigen Konstanten, die diese schnellebige Zeit, gerade im Bereich der Popkultur, zu bieten hat. Eine Ode!
Es gibt wenige Konstanten im Leben. Wenn ich mein kurzes Leben zurückverfolge und an Konstanten der Popkultur denke, dann komme ich nicht umhin, die gelbe Familie aus Springfield zu nennen. Neben meiner Liebe zur Musik und dem unweigerlichen Drang, neues Kennenzulernen, waren „Die Simpsons" immer Bestandteil meines Lebens. Von frühester Jugend an bis in die Jetztzeit sind die gesellschaftskritischen, anarchistischen und manchmal auch einfach slapstickhaften Abenteuer der Springfieldianer ein Treuer Begleiter. Wie viele Stunden ich damit verbracht habe, in Ping-Pong-Manier mit Freunden Simpsons-Zitate auszutauschen, kann ich nicht zählen; ebenso wenig ist mir bewusst, wie oft ich mangels intellektueller Alternativen auf Weisheiten von Homer zurückgegriffen habe, um einer sinnlosen oder zumindest aussichtslosen Diskussion eine Prise augenzwinkernder Rhetorik beizufügen.
Es muss so ungefähr 1992 (also zwei Jahre nach Erstausstrahlung) gewesen sein, als ich zum ersten Mal mit den Simpsons in Berührung kam. Damals sah sich mein Vater die Serie an und ich war gleichsam überrascht, meinen Vater eine Zeichentrickserie anschauen zu sehen, wie fasziniert von der bunten Welt, die in der quitschgelben Hautfarbe der Protagonisten gipfelte. Mit der Zeit entwickelte ich eine Vorliebe für die Streiche von Bart, die in ihrer zerstörerischen Irrealität eine unabwendbare Sogwirkung aufbauten. (siehe Blog)
Ich wusste damals nicht, was meinen Vater an der Serie faszinierte und ihm selbst war das wohl auch eher unterbewusst klar. Doch heute weiss ich es. Denn im Zuge meiner persönlichen Entwicklung haben sich auch die Simpsons mit mir entwickelt. Am Beispiel meiner veränderten Rezeption habe ich direkt erfahren, was es ist, das die Simpsons für alle Altersklassen interessant macht. Am nächsten kommen wir der Wahrheit wohl mit dem oben erwähnten Slapstick, der für Kinder, die noch kein gesellschaftskritisches Verständnis entwickelt und sich noch keinen Sinn für popkulturelle Anspielungen angeeignet haben, der Einstieg in ein Universum sein kann, das, wenn ich meine Beziehung zur Serie als paradigmatisch verstehe, das fehlende Verständnis für solche Gedankengänge erleichtert. So habe ich meine erste Erfahrungen mit Intermedialität und der heute so beliebten, von mir gerne 'Zitatur' genannten, Zitatmaschine der Popkultur mit den Simpsons gehabt. Nicht nur, dass Charaktere ('Itchy und Scartchy' vom Comic 'Felix The Cat'; Radioactive Man als Symbiose klassischer Superheldenmuster) das Ergebnis kultureller Adaption sind, nein, es geht soweit, dass die Serie mit Gastauftritten berühmter Persönlichkeiten (hier liegt mir besonders die Episode 'Homer's Barbershop Quartet' am Herzen, die die gesamte Geschichte der Beatles herrlich parodiert) und vor mit allem Filmzitaten gespickt ist.
Jetzt werden sie Simpsons also 20 Jahre alt und sind damit die Fernsehserie mit der bisher längsten Laufzeit. Die Gründe dafür sind vielfältig und trotz einiger schwächerer Episoden, hat sich eine gewisse Qualität gehalten. Der Einfluss, den die Simpsons haben, kann am besten verstanden werden, wenn wir uns an die Aufnahme des allgegenwärtigen „D'oh" in das Oxford Dictionary oder die Warnung Bush Seniors an die amerikanische Bevölkerung („Weniger Simpsons - Mehr Waltons.") vergegenwärtigen.
Apropos "D'Oh": Homer ist der Anti-Held, und gleichsam eine Projektionsfläche geheimer Wünsche, wie eine Ausrede für moderne Männer. In seiner unerschütterlichen Liebe zu Marge und seiner trotteligen Gutmütigkeit liefert er ein karikaturistisches Bild eines optimalen Familienvaters und Ehemannes. Aus den charakterlich relativ platten Anfängen der Serie entwickelten sich schnell komplex-psychologische Individuen, deren Handlung in den meisten Momenten eine erwartbare Aktion aus gegebenen Charakterstrukturen heraus ist.
Überhaupt die Charaktere: Ein weiterer Faktor der Langlebigkeit ist das gesamte Springfield-Universum, das aus regelmäßig wechselnden, immer wiederkehrenden Charakteren besteht, die ihrerseits selbst komplexe, sich selten unbewusst widersprechende Individuen darstellen, die, neben den fünf Simpsons selbst, eine fast unendliche Möglichkeit zur Projektion und Identifikation bietet. Man fühlt sich schlicht und ergreifend zu Hause. Springfield ist (wenn man von dem Vorspann absieht, der sich nun, nach 20 Jahren, zum ersten Mal änderte) ein virtuelles Dorf, das wie kaum ein anderes für serielle Ästhetik steht. Immer wieder beziehen sich die Figuren auf Handlungen, die in vergangenen Episoden stattgefunden haben, ohne jedoch selbst zu altern. Die Tatsache, dass, abgesehen von charakterlichen Entwicklungen, eine Statik Einzug in die quasi-serielle Narration findet, entspricht dem Wunschbild des Publikums. Wir wollen nicht, dass Bart älter und erwachsener wird, nicht sehen, wie der Alltagsphilosoph Homer eine gewisse Altersweisheit erhält, wie Maggie spricht oder Lisa eine erfolgreiche Karriere startet. Kurzum: wir wollen nicht, dass eine der wenigen Konstanten in unserem Leben der Vergänglichkeit unterworfen wird. Und dass dem nicht so ist, dafür danken wir den Simpsons.

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