Fantastisch, was da alles in letzter Zeit rausgekommen ist und in nächster Zeit noch rauskommen wird - auf dem Papier zumindest. Alleine im dieswöchigen Soundcheck haben wir 4 ganz große Bands und Künstler für euch versammelt. Ob aber die neuen Platten von Hot Chip und Massive Attack wirklich so viel wert sind, wie die Namen dahinter? Warum ihr vermutlich bisher noch nicht allzu viel von den Texanern Spoon gehört habt und ob Four Tet an seine Remix-Erfolge auch mit seiner neuen Platte problemlos anknüpfen kann? Das alles und was sonst dieser Tage noch so erschien, erfahrt ihr in unserem Soundcheck.
Massive Attack- Heligoland
Es ist immer spannend wenn Urgesteine, wie es das Massive Attack-Duo ist, Anstalten machen der Welt ein neues Album zu präsentieren. So geschehen mit 'Heligoland', das kritisch betrachtet werden muss. Ja muss, denn nach dem schwächelnden Vorgänger '100th Window' darf man schon mal voreingenommen sein. Dieses offene Geheimnis lastet natürlich schwer und 3D und Daddy G haben es sich auch nicht leicht gemacht. Sieben Jahre wurde mühsam geplant, aufgenommen, verworfen hin und her gedreht. Die Lorbeeren für die Sorgfalt können sie jetzt ernten, denn das in diesen Tagen erscheinende Endprodukt, ist schlicht und einfach richtig gut geworden. Das liegt einerseits an fein ausgesuchter, stimmlicher Unterstützung von Martina Topley Bird, Horace Andy und Damon Albarn, aber auch der gesamte Sound-Aufbau hat wieder deutlich an Behändigkeit dazu gewonnen und erinnert an die glorreichen Anfänge. Er ist zugänglicher, weitreichender und schmeckt auch noch im Abgang. Der Grundton schafft es düster zu sein ohne schwerfällig zu wirken und auch vom vermissten Groove wartet eine satte Portion in der Hinterhand. Man darf sicherlich behaupten, das hätte kaum einer erwartet, aber 'Heligoland' gehört zu den gelungensten Werken Massive Attacks und das gelang trotz des hohen Drucks. Das Jahr fängt gut an! (9) Silvia Follmann
VÖ: 05. Februar 2010 via: Virgin UK (EMI)
Spoon - Transference

Butter bei die Fische: kennt die hier jemand? Und wir sprechen jetzt nicht von Indiesammlern, die jeden verfügbaren Cent in die Anschaffung seltener Bootlegs stecken oder jene modernen Indie-Connaisseure, die jede freie Minute in den Blogs dieser Welt verbringen. Ja, unter Abzug dieser Ausnahmen dürften nur wenige etwas mit Britt Daniel und seiner Band Spoon anfangen können. Die schlechte Nachricht: das wird sich wohl auch mit 'Transference' nicht ändern, denn ihr persönliches 'Plans' haben Spoon bereits mit 'Ga Ga Ga Ga Ga' aufgenommen und auch damals (2007) blieb der Band aus Texas der große Erfolg in Europa verwehrt. Der nunmehr siebte Langspieler ist wieder etwas unzugänglicher, bietet eine frische Stilmischung aus Neo-Soul, Post-Punk-Pop, den ganz frühen Kings Of Leon und einer poppigen Version von CAN, deren Song "Spoon" übrigens im Gründungsjahr 1994 Pate für die Namensgebung der Texaner stand. Was an 'Transference' erfreut, sind die kleinen Dinge, die man dann schon selbst heraushören muss. Einen Tipp möchte ich dennoch mit auf den Weg geben: der Bass in "Mystery Zone" - selten klang dieses schöne Instrument im neuen Jahrtausend trockener und dumpfer und dabei so großartig. (8) Andreas Peters
VÖ: 22. Januar 2010 via: Anti (Indigo)
Four Tet - There Is Love In You

Zugegeben, den Kumpel Four Tet habe ich erst seit seinen IDM-Spielereien mit Burial auf dem Schirm. Und das tut mir wirklich sehr leid. Aber als Kieran Hebden schon Electronic-Folk für Nike-Commercials produzierte, war ich gerade damit beschäftigt keine Folge von Fett MTV zu verpassen und meine Fullcap möglichst akkurat und auf dem Kopf zu platzieren. HipHop und so. Nun, zumindest die dieser Tage ach-so-wichtigen eklektischen Einflüsse aus vielerlei Musikrichtungen und somit auch dem Rap sind 'There Is Love In You' durchaus anzuhören. Das beginnt schon mit auseinandergeschnitten und beliebig wieder hintereinandergehefteten Vocalsamples im Song „Angel Echoes". Besonders spannend ist dabei, dass pure Folkanlehnungen wie das Akustikgitarrentapping auf „Circling" durch fließende Übergänge vertrackter Synthiehemisphären eine Kreuzübersymbiose mit ganz eigenem Charakter erzeugen. „Sing" ist tanzbarer Minimalglitch erster Güte, „Reversing" dagegen klassiches Geklicke und Gecutte und „This Unfolds" steht wohl exemplarisch für die Detailverliebtheit und Akribie mit der Four Tet seine Produktionen zu beeindruckenden Arrangements hochjazzt, ohne aufdringlich oder überladen zu wirken. Und überall finden sich die kleinen Querverweise an Musik, die man schon kennt. Das lädt zu Ausflügen ein, musikalisch und gedanklich. Kieren hat mal gesagt, dass seine Songs als eine Art Referenz an die eigene Kindheit zu verstehen sind. Wenn ich mir noch mal meine Zeilen zu Beginn der Rezension durchlese, scheint das so zu stimmen. (8) Jan Wehn
VÖ: 29. Januar 2010 via: Domino
Hot Chip - One Life Stand

Sie sind wieder da: die Vorzeigenerds, die Hornbrillenpopper, die Klischeeklischees. Hot Chip veröffentlicht mit „One Life Stand" dieser Tage ein Sammelsurium an Popzitaten in Songform. Mit dem Durchbruchalbum „The Warning" und dem damaligen, überraschenden Anders-sein hat das hier nicht mehr viel zu tun. Vielmehr wurde aus sympathischer Verpeiltheit nicht minder gute, aber dafür eben vorhersehbarer Poppourri, welcher sich hier und da schon den Vorwurf der Fahrstuhlmusik gefallen lassen muss. Es ist halt vielmehr ein tiefer Griff in den Musikfundus der letzten Dekaden, als die Neuerfindung des Holzfällerhemdes. Aber das ist schon okay so. Der Titelsong im Steeldrum-Modus „One Life Stand" entpuppt sich dann doch, ebenso wie „We Have Love", als der Hot Chip-Archetypus des Spagats zwischen Consciousness und Vollsuffrave. Mein persönlicher Favorit der Platte ist aber dennoch der verhaltene Minimalschunkler „Alley Cats" - Schlagholzgeköppel und Kanon-Sing-Sang über dronige Rhodechords - bin ich sofort dabei. Ach, und „I Feel Better" ist dann vielleicht der schlaue Schlenker zur Jetztzeit und entwertet die Rückwärtswendung der Jungs: ein autogetunter Alexis Taylor 2.0, dafür aber auch sperrige Synthies, welche man zuletzt so wirklich in den 80ern vernommen hat - irgendwie schließt sich hier der Kreis, denn so haben sie doch etwas Neues erschaffen. Und irgendwie versteht man sie ja, diese Sehnsucht nach bodenständiger Musik - ohne den Druck, sich immer wieder etwas Neues aus den Fingern zusaugen. Hip sind jetzt andere. Aber das ist schon okay so. (8) Jan Wehn
VÖ: 29. Januar 2010 via: EMI Records (EMI)
Außerdem im Januar erschienen:
Owen Pallett - Heartland

Owen Palett beweist erneut (diesmal Solo), dass es nicht rechtens ist, wenn seine Musik erst die zweite Assoziation ist, die man hat, wenn man Final Fantasy hört - eine hierzulande viel zu unterschätzte Band. Man kann nur hoffen, dass der Art Pop auf Palletts 'Heartland' nicht das gleiche Schicksal erleidet.
VÖ: 08. Januar via: Domino
http://www.myspace.com/owenpallettmusic
Tindersticks - Falling Down A Mountain
Die Tindersticks hatten sich verlaufen, waren in einer Sackgasse, aus der sie sich vor 2 Jahren mit 'The Hungry Saw' befreiten. Nach 5 Jahren Bandpause hatten sie sich wieder gefangen und zu alten Stärken zurückgefunden. Neugeordnet, mit personalen Zugängen machten sie sich dann auf 'Falling Down A Mountain' auf, diesen Weg fortzuschreiten und ihr Comeback nicht zu einem One-Record-Wonder werden zu lassen. Mission succeeded!
VÖ: 19. Januar via: 4AD/Beggars Group
http://www.myspace.com/tindersticksofficial
Eels - End Times
Dieser Mark Oliver Everett hat schon eine ganze Menge mitgemacht. Allein eine Auflistung seiner Schicksalsschläge würde diesen Rahmen sprengen. Klar, dass die Musik seines Projektes Eels nicht nach Friede, Freude und Eierkuchen schmeckt. Doch umso erstaunlicher, dass er es immer wieder schafft, uns mit seinen unglaublichen Songwriting-Qualitäten zu überzeugen. Die in all seinen Songs immanente Traurigkeit ist wichtiger Bestandteil, dessen, was die Musik der Eels seit jahren ausmacht. Dennoch muss man, obwohl 'End Times' sein zurückhaltendstes Album ist , auch hier nicht diese depressive Emo-Musik erwarten, die andere wohl daraus machen würden.
VÖ: 22. Januar 2010 via Cooperative Music (Universal)