Soundcheck mit Delphic, Get Well Soon, Band Of Skulls und Tocotronic

"Acolyte" hat die Chance, eines der besten Alben des Jahres zu werden. "Vexations" eher nicht - dafür ist es zu traurig; gut aber dennoch. Band Of Skulls starten zwar durch, beweisen aber zu wenig Eigenständigkeit und Tocotronic machen, was sie seit mindestens 3 Alben machen weiter, führen es zu einem vorläufigen Abschluss und machen es gut. Der Soundcheck mit den Neuerscheinungen der letzten 2 Wochen.

Delphic – Acolyte

Und noch mal: 80er-Referenzen noch und nöcher. Eigentlich, so möchte man meinen, sind Delphic damit ein paar Monate zu spät. Aber: Delphic sind anders, denn trotz des Retrosounds, geht es hier nicht um belanglose Kopiererei. Schon „Clarion Call“ kommt ein bisschen wie die neuen New Order rein. Querverweise auf das Popgeschehen der letzten Dekade finden sich auch sonst zuhauf: seien es Bloc Party oder die jetzt selbst wieder in die Manege spazierenden Nerds von Hot Chip. Strikte Konzeption und gewollte Ausbrüche in Form von selbstbewussten Synthiespielerein, die sich in endlosen Echoschleifen verlaufen und den zerbrechlich-androgyner Gesang tragen, machen den Charme dieses Debüts aus. Höhepunkte? Vielleicht immer noch „Doubt“ , die wavy Version des Two Door Cinema Club-Hits „I Can Talk“. Mit Sicherheit aber „Counterpoint“, wohl einer der größten Indie-Popsongs des letzten Jahres. Schaut euch das Video dazu mal an – das ist große Kunst. So wie die Musik. Im Interview mit den Kollegen vom Musikexpress hat Frontmann James Cook gesagt: „Unsere Musik soll wie ein Nachhauseweg klingen. Fünf Uhr morgens, du warst tanzen, und langsam wird es hell. Man sieht diese schönen Farben, hört die ersten Vögel – obwohl du schon seit 24 Stunden wach bist, fängt irgendetwas Neues an.“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Wahnsinnsplatte. (9) Jan Wehn
VÖ: 15.01.2010 via: Cooperative Music (Universal)

 

Get Well Soon – Vexations

Ich hatte in der gymnasialen Oberstufe mal einen Mitschüler, der seine CD’s nur nach dem Cover gekauft hat. Nun, auf Grund dieser Entscheidung hätte ich wohl nicht nach „Vexations“ gegriffen. Genauso beginnt auch „Vexations“, das zweite Studioalbum von Konstantin Gropper und seinem Projekt Get Well Soon. Schwermütig, theatralisch, ein bisschen polemisch und pathetisch – aber dennoch in sich schlüssig. Die Thematik der Song reicht dabei von ernüchternden Anekdoten bis hin zu tiefgreifenden Sinnfragen auf die aber wohl auch keine Antworten gefunden werden. Alles ist grau in grau. Nicht so die Musik - beachtlich ist nämlich der Detailreichtum der Stücke. Die Grundmasse aus Folkarrangements wird dabei mit Feinheiten – vom Dada-Glockenspielen bis hin zu choralen Gesängen– versehen und kreiert todtraurige Momentaufnahmen eines maroden Seelenlebens. Get Well Soon? Nein, muss man aber auch nicht, wenn dabei ein solches Album herauskommt. Meinen Geschmack trifft das glücklicherweise derzeit nicht. Alle anderen dürfen gerne zugreifen, sich mit einer Flasche Rotwein in den Schnee legen und der Dinge harren, die da kommen werden. (8) Jan Wehn
VÖ: 22.01.10 via: City Slang (Universal)

 

Band of Skulls - Baby Darling Doll Face Honey

Das Trio aus Großbritannien hat mit ihrem Debüt „Baby Darling Doll Face Honey" einen ziemlich schmucken Start hingelegt - trotz abartigem Albumnamen, aber das nur am Rande. Jedenfalls wurde ihre erste Auskopplung „I Know What I Am" hundertausende Male runtergeladen. Was im Grunde auch nicht verwundert, denn der Sound flattert einem nicht ins Ohr. Nein, er sitzt längst da. Denn was man zu hören bekommt, das gab es einfach schon. Viele Tracks sind in eine luftdichte White Stripes-Hülle gekrochen, die sich schwer wegreden lässt. Auch „Death by Diamonds and Pearls" und „Friends" haftet der Vergleich wie Honig an. Dazu kommt die super PR-Idee sich auf Soundtracks von verfilmten Vampiergeschichten packen zu lassen und auch das bringt kein Sympathie-Sternchen ins Hausaufgabenheft. Ein leichter Weg sich die Anrichte vergolden lassen zu können, aber gerade zu Beginn der Karriere, ein Stempel den man schlecht abgewaschen bekommt. Am Ende bleibt Garagenrock, Dreck in der Stimme, gute, dunkle Gitarrenriffs und die Irritation des Hörers. Wem die großangelegten Anleihen kein Dorn im Auge sind, der hat sicher auch Spaß mit der Platte. Doch sollte es zu einer zweiten Produktion kommen, wäre etwas mehr eigene Identität vielleicht ein guter Rat. Potential ist schließlich da. (4) Silvia Follmann
VÖ: 22.01.10 via:
Rykodisc (Warner)

 

 

Tocotronic - Schall Und Wahn

Get Well Soon - im Februar die Fehlfarben, und jetzt eben auch Tocotronic - das Popjahr 2010 beginnt aus deutscher Sicht vielversprechend. Während die Erwartungen an Konstantin Gropper einigermaßen hoch sind, recken sich die auf das neue Tocotronic-Album projizierten Hoffungen und Wünsche ins Unermessliche. Business As Usual. Und enttäuscht wird nur, wer nach 'Pure Vernunft Darf Niemals Siegen' und 'Kapitulation' immernoch nicht begriffen hat, dass die Trainingsjacken und die Cordhosen mit den zitierfähigen Schulbank-Phrasen längst  begraben wurden. Zugegeben, die ein oder andere zitierfähige Phrase beinhaltet die Open-Source-Lyrik der Berlin-Trilogie (dessen Schlusspunkt 'Schall Und Wahn' bildet) immernoch, aber im Mittelpunkt der Tocotronischen Lyrik steht die Phantasiesprache, die sich nicht in entfremdeten Wörten äußert, sondern in der Verwendung semantisch überladener Begriffe, die als Stützpfeiler eines zur Partizipation des Hörers einladenden Ganzen fungieren. Damit ist 'Schall Und Wahn' eine lyrische wie musikalische Symbiose aus dem märchenhaft-verträumten 'Pure Vernunft...' und dem eskapistischen, musikalisch weit direkteren Ansatzes auf 'Kapitulation'. Fantastisch! Die Frage: was kommt jetzt? (9) Andreas Peters
VÖ: 22.01.10 via: Vertigo Berlin (Universal)

 

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