A Serious Man

Text von Jens Frick
 
Im neuen Film von Joel und Ethan Coen werden viele Fragen aufgeworfen, aber wenige beantwortet. Doch irgendwo (wie in einem Rocksong) liegt dann vielleicht noch eine Antwort versteckt.

In schöner Regelmäßigkeit werfen uns die Coens in den letzten Jahren ihr jeweils neuestes Werk vor, ohne sich einerseits dabei zu wiederholen oder auf der anderen Seite ihren Stil abzulegen. Trotz steigender Bekanntheit enthalten sich die beiden dem Blockbuster-Kino weiterhin konsequent vor und haben diesmal sogar auf große Namen in der Besetzung verzichtet, was dem Film übrigens in keiner Weise schadet. Obwohl die Handlung nach eigenen Aussagen rein fiktiv ist, so kann davon ausgegangen werden, dass hier auch eigene Erfahrungen der beiden Brüder eingeflossen sind, da Ort und Umfeld der Handlung, sowie zeitlicher Rahmen deren eigenen Erfahrungen recht nahe kommen.

Als wir als Zuschauer hinzu stoßen, führt Larry Gopnik ein vermeintlich beschauliches Leben in einem amerikanischen Vorort der späten 60er Jahre, in dem er, wie viele andere Bewohner auch, Mitglied der lokalen jüdischen Gemeinde ist. Er führt ein ganz „normales“ Leben, hat ein Haus und Familie, ist Physikprofessor an der örtlichen Uni und seine Verbeamtung steht kurz bevor. Zusätzlich wohnt noch sein badbelagernder Bruder Arthur mit im Haus, der auf dem Sofa schläft und damit Larrys Tochter zum Haarwaschnomadismus zwingt. Sein Sohn Danny, in Kürze seine Bar Mitzwa haben soll, eine wichtige Feier beim Erreichen der religiösen Mündigkeit, hat eine sympathische Vorliebe für Rockmusik, ist aber auch dem Marihuanakonsum auf dem Schulklo nicht abgeneigt.
 
Doch schnell beginnt sein geordnetes Leben zu zerbrechen, Larry droht die Kontrolle zu verlieren, während immer Neues auf ihn einstürmt. Während in seinem Haus die Interessen der Familienmitglieder aufeinander krachen und seine Frau sich von ihm scheiden zu lassen will, mit der Absicht im Anschluß dann den widerwärtig verständnisvollen Sy zu heiraten, da geht auch so ziemlich alles andere, was schief gehen kann, tatsächlich schief. So nimmt die Handlung zügig an Fahrt auf und gibt einem wenig Zeit zu verschnaufen, räumt der einzelnen Szene aber stets die benötigte Zeit ein, um ihre Wirkung zu entfalten, ohne langatmig zu wirken.

Dabei wird ein weites Themenfeld abgehandelt, unter anderem Religion, speziell das Judentum, den Umgang mit ihr, die religiöse Gemeinschaft, auch ihre Grenzen. Zieht man die erste, scheinbar abgekoppelte Anfangsszene des Films hinzu, die irgendwo im Grenzgebiet zwischen der Ukraine, Weißrußland und Polen spielt, in der ein vermeintlicher Dybbuk, eine böse Seele, die einen lebenden Körper „umklammert“, vorkommt, so muss man auch sagen: jüdische Mythologie.

Da der Film aber immer erzählt und nie selbst Stellung bezieht, bleibt für den Zuschauer reichlich Platz für eigene Interpretation. So können andere Themen des Films wie moralische Fragen, Sinn oder Unsinn des Scheiterns, oder auch Fragen rund um den „serious man“, der Larry sein möchte, vielen Blickwinkeln gedeutet werden, eben z.B. auch aus gläubiger oder atheistischer Sicht. Die Geschichte wirkt insgesamt angenehm rund erzählt und sehr gut ausgearbeitet, was beim zweiten Anschauen noch deutlicher wird. Die Bilder und die Musik lassen eine Zeit wieder auferstehen, wie wir sie nicht kennen, aber im Film ein wenig nachfühlen können, wozu auch hervorragenden schauspielerische Leistungen beitragen.
 
Trotz alledem steht und fällt „A Serious Man“ letztlich mit seinem Humor. Da ist der völlig verzweifelte Larry gerade beim Anwalt, um seine Scheidung zu regeln und sein Sohn Danny ruft an, sagt, es sei dringend, um dann zu mitzuteilen, dass seine Lieblingssendung nach wie vor verrauscht sei. Der Rabbi leistet Larry seelischen Beistand, indem er ihm die Schönheit der göttlichen Schöpfung anhand eines Parkplatzes erklärt und Arthur verweist grundsätzlich darauf, dass er in einer Minute im Bad fertig sei. Oft wird auch nur sehr wenig Sprache gebraucht und die Komik ergibt sich hauptsächlich durch Gestik und Mimik. Spricht einen dies an, dann wird man hier nicht nur sehr gut unterhalten, sondern bekommt auch ein tiefgründiges Werk, das Stoff zum Nachdenken bietet.

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