Justine Lévy – Nicht so tragisch
Justine Lévy ist eine unkonventionelle Pariser Schriftstellerin. Zudem war sie aber auch mal Ehefrau des Literaturkritikers Raphael Enthoven. Das ist der Mann den Carla Bruni ihr ausspannte, einige Jahre bevor die singende Femme Fatale den französichen Präsidenten heiraten sollte. Und was könnte eine erfolgreiche Autorin tun, wenn sie ihrer Kontrahentin eins auswischen will? Sie schreibt ein Buch. „Nicht so tragisch“ ist die halb autobiographische Geschichte dieser Liederlichkeiten und Intrigen.
Wer ist wer in dieser Erzählung? muss man sich fragen. Wer ist an was Schuld? Wer tut was? Die Handlung und die Realität unterscheiden oder überschneiden sich. Schließlich vermischen sich die zwei Ebenen untrennbar. „Die Leute denken, das ist mein Leben und das amüsiert mich. Aber so funktioniert das nicht mit der Literatur“, meint die Justine Lévy in einem Interview dazu. „Wer ein Buch schreibt aus Trauer, aus Schmerz oder um sich zu rächen, der lügt. Ich schreibe, um mich zu ändern. Ich schreibe, weil ich da alles kontrollieren kann, weil ich mein Leben wiederholen kann. Ich kann den Anfang, die Mitte und das Ende bestimmen. Ich kann sogar Leute sterben lassen. Das macht mich manchmal fast schwindelig.“
Es dreht sich im Roman alles um Louise. Sie ist die Protagonistin, die Erzählerin und irgendwie eben auch die Autorin. Die Beschreibung beginnt auf der Beerdigung ihrer Großmutter. Denn unvorhersehbar taucht dort Adrien auf, der Mann, den sie liebte und der sie liebte. Jetzt allerdings kann sie seine Anwesenheit nur als eine Provokation empfinden. Als nichts anderes als eine böswillige Niederträchtigkeit. Sie hasst es, dass er zeigen kann, dass er gekommen ist und dass er weint. Vor allem, weil sie selbst auf der Beerdigung ihrer eigenen Großmutter nicht fähig ist zu weinen. Sie macht ihn verantwortlich. Für alles. Für ihre Traurigkeit, ihre Albträume, ihre Bulimie und Anorexie. Es ist allein seine Schuld.
Seit dem Ende ihrer Beziehung benutzt sie keine Worte mehr, die Liebe enthalten, die ihre Gefühle beschreiben könnten. Ein „ich liebe dich“ hält sie für eine Frechheit, sogar für entehrend. Denn diese Phrase sei leer, weil sie zu oft benutzt wurde.
Diese Sichtweise hat sie nicht immer eingenommen. Die Liebe zu Adrien wird beschrieben als eine Seele in zwei Körpern. Sie dachten, dass sie einander niemals verlassen würden. Er war ihr Leben und wie könnte sie auch ihr Leben verlassen? Sich vorzustellen, ohne ihn zu sein, war für sie wie der Versuch, an eine Farbe zu denken, die es nicht gibt. Unmöglich eben. Das Nichts, in dem sie sich nach der Trennung wiederfand, war deshalb umso größer. Als hässlich, als grotesk und als bemitleidenswert empfindet sie die Liebe nun. Gerade als Louise sich stark fühlte, als sie aufgehört hat Tabletten zu nehmen und endlich keine Angst mehr hat, von Adrien verlassen zu werden, genau zu diesem Zeitpunkt verlässt er sie wirklich.
„Das Leben ist eine Bewegung, ein Tanz. Es heißt, vom Heißen ins Kalte zu gehen ohne einen Übergang, ohne das Unentschlossene. Manchmal ist das Leben auch das Heiße und das Kalte gleichzeitig, aber niemals das Unentschlossene.“ Es sei traurig von jemandem verlassen worden zu sein, resümiert die Protagonistin. Aber auch nicht so tragisch, weil Traurigkeit genauso wie Freude vergehe, das Leben genauso wie Erinnerungen, die man vergisst, um weniger zu leiden oder die man vermischt mit anderen Andenken oder Lügen. Das Wichtige, und das wird im Roman so deutlich, ist es, nocheinmal anzufangen danach.
Diana Verlag, 2007 München

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