Das Kabinett des Doktor Parnassus

Dr. Parnassus ist ja wahrlich nicht der Erste, der der Versuchung erliegt, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen. Wetten dieser Art gingen bekanntlich schon Heinrich Faust oder Hans Bärlach daneben. Doch Dr. Parnassus ist ein guter Spieler und - dank einer gewonnen Wette - inzwischen unsterblich. Vor allem aber besitzt er eine übersinnliche Kraft: Er kann die Vorstellung der Menschen beeinflußen, sie ins Reich der Fantasie entführen und sie dort Unglaubliches erleben lassen.

Allerdings hat er ein Marketing-Problem. Anstatt die halbe Welt zu beherrschen, zieht Dr. Parnassus mit einem abgewrackten Varieté-Gefährt durch die Lande und versucht auf Jahrmärkten ein paar Dollar zu verdienen. Dabei begleiten ihn Percy, eine Art Liliputaner, seine Tochter Valentina und ein Junge namens Anton. Sie alle leben in und von ihrem kleinen Show-Wagen, nicht gerade überglücklich, bettelarm, aber doch nicht unzufrieden und recht harmonisch… bis der Teufel erscheint und seinen Tribut fordert. An ihrem 16. Geburtstag - also in drei Tagen - soll Valentina dem Teufel gehören, so besagt es eine alte Wettschuld des Dr. Parnassus.

Doch zunächst baumelt ein junger Mann namens Tony (in seiner letzten Rolle: Heath Ledger) an einem Strick unter einer Brücke, Valentina und Anton schneiden ihn los, retten ihn und nehmen ihn auf. Tony gibt vor, sich an nichts mehr erinnern zu können und packt aus Dank für seine Rettung kräftig im Variéte-Geschäft mit an. Ganz offensichtlich hat er Werbe-Erfahrung und füllt bald den Spiegel der Fantasie des Dr. Parnassus mit zahlenden Kunden. Während Dr. Parnassus und Anton Tony gegenüber eher skeptisch sind, verknallt sich Valentina in den älteren, gutaussehenden und rhetorisch gewandten Mann. Anton ist in Valentina verliebt und versucht nach Kräften, diese Liason zu verhindern. Dr. Parnassus betrinkt sich aus Verzweiflung und geht – völlig verkatert - eine neue Wette mit dem Teufel ein: Wer als erstes fünf Seelen gewinnt, dem soll Valentina gehören. Die dunkle Versuchung des Teufels gegen die fantastische bunte Zauberwelt des Dr. Parnassus – hinter dem Spiegel der Fantasie kommt es nun zu farbenprächtigen Duellen zwischen Finsternis und Spieleparadies, Tony, (hier gespielt von Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell, da Ledger während der Dreharbeiten verstarb) mischt sich dabei fast überall ein. Er schaut aus Neugierde in den Spiegel, flüchtet vor russischen Geldeintreibern, die ihn – wieder mal - aufknüpfen wollen, oder spielt eine Hauptrolle in Valentinas Fantasie. Dabei erfährt man immer mehr über seine dubiosen Geschäfte als hauptberuflicher Wohltäter – und wird von Symbolen geradezu erschlagen.

Wenn dann das Licht angeht und Dr. Parnassus prunkvolles Phantasialand seine Vorhänge schließt, bleiben noch viele Fragen offen. Wer hat jetzt eigentlich den Kampf um die fünf Seelen gewonnen? Hat Valentina sich unwiderruflich für die böse Seite entschieden? Ist Dr. Parnassus weiterhin unsterblich? Terry Gilliams bildgewaltiges Spektakel integriert so viele unterschiedliche Elemente und Symbolsprachen, dass manchmal einfach nicht klar wird, in welcher Beziehung sie zum Rest der Handlung stehen. Es ist also ein bisschen so als würde man aus einem Traum erwachen und sich fragen: Was sollte dieser Fluss jetzt eigentlich? Wofür stehen diese Leitern, waren sie die dunkle Versuchung des Teufels oder doch ein Gedanke von Dr. Parnassus? Und wieso war die ewige Jugend eine gute Versuchung? Ganz wird man „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ wohl nicht verstehen – wer aber Spaß an fantastischen Geschichten, liebevoll gestalteten Versuchungen und ein bisschen Rätselraten hat, wird sich in diesem Film wiederfinden; ihn noch ein, zwei oder dreimal anschauen wollen.
 

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