Obgleich die Tristesse Royale besagt, der Pop basiere auf dem Prinzip der Inklusion und Exklusion – womit diese durchaus richtig liegen –, möchte ich den diskursiven Gegenstand zunächst einmal rekapitulieren, also für alle Leser zugänglich machen.
In dem Editorial der Ausgabe #324 des Popkulturmagazins Spex, kündigte dieses das „Ende der Schallplattenkritik, wie wir sie kannten“ an, und meint damit, dass Musik(-platten) nun nicht mehr in Form einer bekanntlich subjektiven Rezension, sondern in einem Pop-Briefing, einem Gespräch mehrerer Redakteure an einem Konferenztisch, besprochen werden soll. Darauf reagierten kürzlich in folgender chronologischer Reihenfolge (eine Auswahl): Der Tagesspiegel, der seinen Kommentar der Zeit übergab, die FAZ mit Diedrich Diederichsens Stimme, der Freitag, der den Spreeblick-Autoren Johnny Häusler für sich tippen ließ, und natürlich unzählige Blogs – denn entgegen der Meinung Häusler's interessiert es eben doch eine breite Masse, wie es um die Zukunft der Plattenkritik so steht.
Ich muss zugeben, dass meine erste Reaktion auf den Entwurf der Spex, den Bereich der singulären Meinung zu verlassen, und damit dem „wahren“ Wert eines Albums näher zu kommen, positiv war. Wenn man so will, bin ich ein Fan des Internets und seinen Möglichkeiten – ohne diese würde ich diesen Artikel wahrscheinlich nicht schreiben. Aber die Wirklichkeit ist eben nicht einfach, sondern es (ver-)steckt (sich) in jeder tiefen Wahrheit eine Dialektik. Natürlich kenne ich auch die Gefahren des Internets, bin mir seiner glänzenden Schnelllebigkeit bewusst. Denn in der Schnelligkeit des Internets steckt, dialektisch gedacht, auch eine Langsamkeit, mit der es sich in etwa so verhält, wie mit der Geschwindigkeit eines zu Ende beschleunigten Autos, die man nun nicht mehr spürt.
Und an dieser Stelle kommt Diedrich Diederichsen ins Spiel. Denn, was soll ich sagen: Diedrich Diederichsen spricht mir aus dem tiefsten Herzen, und das ganz abgesehen von seiner ästhetischen, wortneuschöpferischen Sprache, nein, ich meine, ich bin ganz unter'm Strich mit ihm einer Meinung.
Diederichsens Vorschlag ist nämlich ein krasser Gegenentwurf zur Idee der Spex. Das Printmedium solle auf gut recherchierte, lange – und vor allem zeitlose Kritiken setzen. Ich bin ebenso einer Meinung mit Diedrich Diederichsen, wenn dieser die unnötige – wie er es nennt – Aufbröselung der spexschen Plattenkritik kritisiert. Wo es doch im Internet schon genug Kommentare zu Musik im Sushihappen-Format gibt, verzichtet die Spex auf die Möglichkeit einmal ein lange gezogenes Gulasch zu servieren, und bringt stattdessen ebenso – wenn auch ausgezeichnete – Sushi-Einheiten. Es ist ein wenig so wie der literarische Streit der Jahrhundertwende zwischen Romantik und Klassik, also zwischen dem Konzept des Fragments und dem des Ganzen.
Was ich an der Idee der Spex nicht verstehe: Wieso soll eine einzelne Meinung heute weniger Wert haben, als noch vor zehn Jahren? Chefredakteur und Verfasser jenes Editorials – Max Dax – begründet dies, indem er auf sich verändernde Rezeptionsgewohnheiten beruft; und damit natürlich nichts anderes meint, als das Internet. Aber kommt dies nicht einer Resignation gleich, und steht nicht im krassen Missverhältnis zur Tradition der Spex, die es doch immer war, eine besonders exaltierte und differenzierte Meinung zur Popkultur zu haben?
Dies lässt sich ebenfalls nur paradox erklären, und kommt ganz darauf an, woran es dem Magazin in der Jetztzeit gelegen ist. Denn eine Vorreiterstellung hat unter anderem auch eine ständige Selbstkritik zur Bedingung – was im Falle der Spex nun bedeutet, mit der eigenen Tradition zu brechen. Und ganz nebenbei manifestiert die Spex so ihre Sonderstellung in der deutschsprachigen Kultur der Plattenkritik.
Diederichsens Vorschlag enthält sicherlich auch eine Form des Selbstschutzes – nicht, dass er es nötig hätte –, denn wenn selbst Musikmagazine ihre Autoren nicht mehr dafür bezahlen, lange Kritiken in essayistischer Form zu schreiben, dann ist durchaus auch ein ganzer Berufsstand in Gefahr. Und er liegt wieder richtig, wenn er sagt, dass man für seine mündliche Meinung zu einer Platte wohl kaum einen Pfifferling erwarten könnte.
Aber wie dem auch sei: Wichtig ist, dass (wieder) über die Plattenkritik an sich diskutiert wird, diskutiert werden darf, und auch die Erkenntnis, dass das Printmedium nicht tot ist, sondern ihm durchaus Wege in die Zukunft offen stehen.