Hervé Bourhis: Das kleine Rockbuch

Wenn man möchte, so kann man dieses Buch mit einer Schallplatte vergleichen. Und wenn man jetzt vermutet, dass diese Fibel deshalb wohl etwas besonderes sein muss, so ist das korrekt. Eine Best of-Zusammenstellung wäre „Das kleine Rockbuch“, und würde vermutlich mit einem Untertitel versehen sein wie „The best of (almost) 100 Years of Rock’n’Roll“ – schließlich tragen alle Jahres- oder Dekadenrückblicke emphatisch-plakative Namen wie diesen.

Ein bisschen ist das wie Gitarrenriffs auf dem Papier hören. Rockgeschichte wird auf mehreren Seiten und auf noch mehr Panels dargestellt. Zeichnungen und Skizzen, die Geschehnisse veranschaulichen. So hält man dieses Stück Vinyl aus Papier in Händen und stellt sich die Frage, was man damit tun kann.

Der Autor bastelt die Trackliste aus Konzertereignissen und Veröffentlichungsdaten skurriler oder bahnbrechender Alben. Da wird das legendäre „Whisky à Gogo“ genannt, wo man ganz ohne Orchester und nur durch das Auflegen von Platten Musik machte, was der Diskothek ihren Namen gab. Da war Elvis, der 1956 in der Ed Sullivan Show mit seinem Hüftschwung gleichermaßen entzücken und schockieren konnte. Und da war die unvergessliche Superbowl-Halbzeitpause, die Justin Timberlake während eines Bühnenauftritts dazu nutzte, die rechte Brust von Janet Jackson vor den Augen der gesamten amerikanischen Nation zu entblößen. Oh weh! Bourhis erzählt hunderte Anekdoten, die wegen ihrer Abstrusität merkenswert sind. Er berichtet davon, dass Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Elvis Presley und Johnny Cash – also vier der bedeutendsten Musiker der Menschheit – gemeinsam in den Sun-Studios gespielt haben. Was er ebenfalls nicht verschweigt, ist, dass in diesem historischen Moment aber wohl niemand daran gedacht hat, dieses brillante Quartett beim Musikzieren aufzunehmen. Er gibt Zitate wieder, wegen denen einem die Kinnlade herunter rutschen könnte, wie beispielsweise Frank Sinatras deutlicher Ausspruch: „Der Rock’n’Roll ist die brutalste, abartigste, abstoßendste, heimtückischste, lüsternste und, ehrlich gesagt, schlicht obszönste Ausdrucksform… ein widerlich stinkendes Aphrodisiakum… die Tonspur eines jeden jugendlichen Straftäters dieser Erde.“

In dieser Zusammenstellung ist der Autor ungekünstelt, direkt und respektlos – übernimmt also die Manieren des Rock’n’Roll und überträgt sie auf seine eigene Anthologie. 1915 war es, als die erste Juke Box aufgestellt wurde und 1931, als Adolph Rickenbacker mit der Fryin’ Pan die elektronische Gitarre erfand. Chuck Berry löste 1956 mit seinem berüchtigten „Duckwalk“ Begeisterungsstürme aus. Donnerlittchen! Kaum zu glauben ist da doch, dass der eigentlich aus der Not heraus entstanden ist, weil er bei einem seiner Auftritte einen Riss in seiner Anzughose verbergen musste. Bourhis erinnert sich an den Tod von Ian Curtis, der sich 1980 umgebracht hat, genauso wie an den fürchterlich schnellen Eroberungsfeldzug des I-Pod in Europa um das Jahr 2002. Er führt Pharrell Williams an – 2005, so wird vermutet, muss er wohl spätestens Milliarden angehäuft haben – genauso wie Radiohead mit ihrer noch nie dagewesenen Präsentation ihres neuen Albums, für dessen Download man auf ihrer Website so viel geben konnte, wie man wollte. Zu den letzten aufsehenerregenden Geschehnissen gehören schließlich die Veröffentlichung von Chinese Democracy 2008, endlich und doch noch, sowie die Tatsache dass Animal Collective als „psychedelische Debilenkapelle“ zu einer der besten Bands des Jahres 2009 gehört.

Eine Bemerkung ist trotz alledem wohl nötig. Auffällig ist, dass der Autor neben bedeutenden und überall geschätzten Größen der Rockmusik auch weniger bekannte und bloß national beliebte Künstler nennt, denn – richtig – er ist Franzose und diese Gegebenheit lässt ihn von George Brassens, Juliette Gréco und Serge Gainsbourg reden, von Plastic Bertrand oder von Michel Polnareff. Auf dass also diese speziellen Informationen als eine Horizonterweiterung begriffen werden mögen!

All das wird genannt. Es gibt Platten, die hört man eine Weile lang, aber irgendwann nie wieder. Ich glaube, dass es sich bei dem Kleinen Rockbuch vielmehr verhält wie mit einem Album, das man immer mal wieder aus dem Schrank zieht. Wie man Lieblingsstücke auch zum hundertsten Mal noch immer gerne hört, so liest man vielleicht Passagen daraus öfter, blättert herum und entdeckt nochmals Neues in den Bildern. Aus dieser Trackliste aus Rockgeschichte, die viel mehr ist als eine bloße Enzyklopädie, wird jeder Leser ein eigenes Stück finden, das er anderen Teilen vorzieht.

Dieses Buch ist eine Hommage. Mit ein wenig Akribie und viel Leidenschaft für das Thema erfüllt Bourhis sein Vorhaben, eine Anthologie des Rock’n’Roll zu schaffen, ziemlich gut. Bleibt diesem im Sinne von Little Richard wohl lediglich ein lautes „A wop bap alobap awap bam bom“ hinzuzufügen.
 
Carlsen Comics, Hamburg 2009

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