Max ist ein Kind wie jedes andere auch. Er baut sein Bett regelmäßig zu einer Festung aus, rauft mit dem Hund der Familie und matscht im Schnee herum. Trotzdem merkt er, dass seine älter werdende Schwester lieber mit ihren Freunden unterwegs ist als mit ihrem kleinen Bruder zu spielen und auch seine Mutter hat oft scheinbar wichtigeres zu tun. Max spürt zunehmend Einsamkeit und merkt, dass er sich langsam von seiner Kindheit verabschieden muss. Frustriert und wütend über das Unverständnis seiner Familie flüchtet er sich in eine Phantasiewelt.
Die „wilden Kerle", auf die Max in der neu entdeckten Welt schließlich trifft und die ihn prompt zu ihrem König machen, spiegeln die gesamte Bandbreite der Kindheit wider. Furcht, Wut, Freude, Einsamkeit: alle Emotionen manifestieren sich an dem Monsterkollektiv. So genießt Max zu Beginn die Unbeschwertheit in seinem neuen Königreich, indem er als erste Amtshandlung „Krach machen" anordnet und mit seinen neuen Kumpels die Einsamkeit durch „aufeinander gestapeltes Schlafen" zu vertreiben sucht.
Kaum mehr als 300 Wörter zählt die Vorlage zu diesem Film, die inzwischen über 40 Jahre alte Geschichte von Autor Maurice Sendak, einem der erfolgreichsten Kinderbücher aller Zeiten. Schon immer begleitete das Buch auch eine Kontroverse, inwiefern die durchaus Furcht erregenden Zeichnungen der „wilden Kerle" für Kinder geeignet seien. Regisseur Spike Jonze versucht mit seinem Werk erst gar nicht die Debatte zu Gunsten einer kindgerechten Inszenierung zu lösen. Jonze´s Interpretation des Buches fällt sehr vielschichtig aus und ist ganz bewusst ein Film über Kindheit und kein Kinderfilm. Ganz deutlich sieht man dem Film an, dass hier Erwachsene mit einer großen Sehnsucht und Melancholie auf die langsam schwindende Kindheitsidylle von Max schauen. Am deutlichsten manifestiert sich diese Melancholie an den wilden Kerlen, die zwar ein Angst einflößendes Äußeres besitzen, deren große Augen aber eine tiefe Traurigkeit offenbaren. So muss auch Max feststellen, dass selbst in seinem erdachten Königreich kein Entkommen aus der Einsamkeit möglich ist. Die wilden Kerle geraten immer öfter aneinander, Befindlichkeiten und Wutausbrüche zwischen den Monstern nehmen zu und richten sich schließlich auch gegen ihren König, der es trotz verzweifelter Anstrengung nicht schafft, die Sehnsüchte und Wünsche der Gruppe beisammen zu halten.
Zwar schlingert die Erzählweise des Films mitunter und offenbart gelegentliche Längen, was auch daran liegen mag, dass Jonze vor allem Musikvideos dreht und daher zeitweise Schwierigkeiten hat, seine abendfüllende Geschichte zusammenzuhalten. Doch dies fällt nur bedingt negativ auf, betrachtet man „Wo die wilden Kerle wohnen" doch viel eher als große Parabel auf die Kindheit, deren einzelne Szenen genauso gut für sich stehen können. Viel wichtiger scheint zudem, dass Jonze seinen analytischen Blick auf die Dynamik innerhalb der Gruppe nicht verliert und die Inszenierung nichts von ihrer beachtlichen Wirkung einbüßt.
Dank einer wunderbar surreal präsentierten Phantasiewelt voller Bildmetaphorik und einer treffenden Manifestation der Kindheitswünsche und Sehnsüchte an vielschichtigen Monstern gelingt Jonze mit „Wo die wilden Kerle wohnen" ein bewegender, sehr treffender und melancholischer Blick auf die Kindheit, der die schmerzhafte Erkenntnis mit sich bringt, dass jeder einmal erwachsen werden muss.