So dürfte man es sich also vorstellen: Heroin, Sadomasochismus, Travestie und experimenteller Rock im Factory-Dunstkreis um Andy Warhol. Es geht an diesem Abend um The Velvet Underground und es geht mehr noch um Sängerin und Stilikone Nico. Das Theater Bonn bringt mit dem Stück „To All Tomorrow's Parties" einen Teil Musikgeschichte der 60er Jahre auf die Bühne und setzt dabei auf eine äußerst plastische Darstellung.
Text von Daria Hufnagel
Eine durchgängig silberne, sterile Kulisse tut sich vor meinen Augen auf. Alles erinnert an das damalige New Yorker Warhol-Atelier, das bekannt geworden ist als „Die Factory". Sogar das silberne Badezimmer ist den früheren Factoryzeiten nachempfunden. Vier überdimensional große Spritzen, die sich irgendwann mit Blut füllen, ragen bis unter die Hallendecke, auf einer weiteren liegenden Kanüle sitzt die gealterte Nico und beginnt faserig und verstört über ihr Leben zu sinnieren.
Die 1938 in Köln als Christa Päffgen geborene Nico wird mit 16 Jahren von einem Fotografen entdeckt und beginnt eine erfolgreiche Modelkarriere, die sie von Deutschland über Paris nach New York bringt. Dort lernt sie Andy Warhol kennen, schließt sich seiner Factory an und wird zur Stilikone der New Yorker Avantgarde-Szene. Warhol ist es schließlich auch, der sie mit The Velvet Underground bekannt macht, eine bis dato unscheinbare, aber bereits subversive Band, die er unter seine Fittiche nimmt. Das Debutalbum der Band, produziert von Warhol selbst, erscheint 1967 und trägt den Titel „The Velvet Underground and Nico". Ihr Mitwirken bleibt allerdings auf diese eine Platte beschränkt. Nicos tiefe und prägnante Stimme, ihr deutscher Akzent und die zunehmende Heroinabhängigkeit bringen ihr immer wieder die Missgunst der Band ein. Aus der einst so betörenden und bildhübschen Bohème wird ein von Drogen zerfressener Junkie.
All das aber wird dort auf der Bühne der beschaulichen Halle Beuel nicht erzählt. Eine Handlungslogik sucht man hier vergebens. Es geht vielmehr um fragmentarische, bruchstückhafte Szenen und Erinnerungen aus der damaligen Zeit, die eine ganz eigene Melancholie widerspiegeln. Der niederländische Regisseur Ivar van Urk hat ein Stück konzipiert, das weniger durch seine Dialoge, sondern vielmehr durch die musikalische Darbietung auf der Bühne besticht. Weit mehr als ein Dutzend Songs von The Velvet Underground werden an diesem Abend von stimmsicheren Schauspielern und einer hervorragenden Liveband im klischeehaften Lederoutfit mit Sonnenbrille zum Besten gegeben. Darunter Klassiker wie das betörende „Femme Fatale" (eine Hommage an Warhol-Muse Edie Sedgwick), das dylanesque „There She Goes Again", das hypnotische „Venus In Furs" und natürlich „Heroin". Letzteres wird zum Leitmotiv der Inszenierung. Da werden Spritzen gesetzt, da wird Koks geschnupft, da wird geknebelt und geblutet. Alles im Sinne der Kunst versteht sich und natürlich zur stilechten Untermalung des 60er Gefühls.
Ein weiteres Bruchstück der Erzählung sind die von Warhol in Zusammenarbeit mit der Band erschaffenen „Exploding Plastic Inevitable", eine provokative Lichtshow, bei der das Publikum mit kreischenden Gitarrenverstärkern, Stroboskopblitzen, psychedelischen Lichteffekten und sadomasochistischen Tanzeinlagen schockiert werden soll. Die Umsetzung dieser Showeinlage ist ambitioniert und hat einen zunächst befremden Effekt. Ein Schockmoment bleibt allerdings aus.
Für den Kenner eröffnen sich nach und nach Szenen, die Schlüsselmomente im Leben der Factorymitglieder beschreiben. Neben Nico, die gleich von zwei Schauspielerinnen verkörpert wird (Susanne Brederhöft und Anastasia Gubareva), wird auch der weißblonde und stilecht gespielte, wenn auch ein wenig weinerliche Andy Warhol (Bernd Braun) immer wieder zur zentralen Person.
Es ist diese Bruchstückhaftigkeit, die die Exzentrik der Zeit und der Avantgarde-Szene gekonnt widerspiegelt und eine leise Ahnung davon gibt, was sich damals hinter den silbernen und verheißungsvollen Türen Warhols abgespielt haben muss. Trotz aller Tragik und stellenweise Plakativität macht die Musik Lust, Papas alte Plattensammlung vom Dachboden zu holen und großer Fan von großer Musik zu werden.
Überzeugen lassen kann man sich noch an den folgenden Terminen:
Di 22.12., So 10.01., Do 14.01., So 17.01., Do 21.01., Sa 23.01.