Dana Spiotta - Eat the document

Wir schreiben die 60er und 70er Jahre, in Vietnam tobt der Krieg, täglich gehen neue Gräuelnachrichten um die Welt, Atom-Tests, Spionage, der Einsatz von Napalm durch die USA, Hunger, Gewalt und Armut auf der einen und große Kriegsgewinne auf der anderen Seite. Im Namen der Freiheit werden Zivilisten ermordet, Diktatoren unterstützt und ordentlich Profit gemacht. Terroristische Gewalt als Reaktion auf diese Verhältnisse - für Mary Whittaker und Bobby Desoto ist es die einzige Art, wirklich etwas zu bewirken.
 

 
Bobby Desoto ist einer der coolsten Underground-Filmemacher und Mary verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Sie hängen in der Radikalenszene Kaliforniens rum, gehen demonstrieren, debattieren, drehen Filme, besuchen Konzerte. Doch ihre eigene Bedeutungslosigkeit lässt sie verzweifeln, macht sie ratlos.

„Ich hatte genug vom Demonstrieren gegen den Krieg. Das haben wir alle getan – jahrelang. Nichts hat sich verändert. Ich wollte aktiv Widerstand leisten. Kein Protest, keine symbolträchtige Rede oder Geste. Wir wollten greifbare, eindeutige Aktion. Das war nicht unbedingt die richtige Taktik. Eins sage ich dir aber. Ich war mir in dem Moment sicher, dass es das Richtige war. Irgendetwas musste ich tun, mich selbst aufs Spiel setzen. Ich musste dem Ungeheuren, was sie taten, etwas Gleichwertiges entgegensetzen. Es gab kein Ende. Sie schickten die Soldaten nach Hause, aber nur als Täuschungsmanöver; sie wussten, dass sie so die Kriegsgegner beschwichtigen konnten, aber dann verstärkten sie die Bombardements. Napalm, so was stellt wirklich jemand her. Irgendwer sitzt in seinem Labor in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung und überlegt sich: Ja, es soll schön brennen, aber hey, wir tun einfach noch Plastik dazu, damit es klebt. Aber nein, dann springen die doch einfach ins Wasser, also muss noch Phosphor dazu, damit es unter Wasser weiterbrennt, bis auf die Knochen durchbrennt. Irgendwelche Leute im Vorstand von Dow oder Monsanto oder General Electric entscheiden einfach, dass man auf diese Weise gut Geld verdienen kann.“ – Und diese Leute, so entscheiden es Mary, Bobby und noch ein paar Gleichgesinnte, diese Leute sollen selber mal erfahren, wie es ist , wenn´s brennt.

Nicht dass sie jemand umbringen wollen, nein, das nun wirklich nicht. Sie wollen die Häuser dieser Vorstandsvorsitzenden hochgehen lassen, aber dann, wenn keiner zu Haus ist. Dass irgendwann doch jemand dabei umkommt, noch dazu eine Haushälterin, die sie ein paar Stunden zuvor freundlich hinein gelassen hatte, überrascht allerdings wenig.

1972: Mary wird von der Polizei gesucht, taucht unter, verändert ihr Äußeres, ihren Namen, ihre Herkunft. Sie ist gerade 22 und schon verantwortlich für den Tod eines Menschen und sie ist mutterseelenallein. Ihre Eltern, ihre Schwester, ihre Freunde, ihr Freund Bobby, ihren Heimatort: All das wird sie ihr ganzes Leben nicht wiedersehen. Der Rest ihres Lebens heißt: Flucht, Versteckspielen, nett und offen; aber bloss nicht zu nett und offen sein, gute Bekannte haben, häufig umziehen, immer wieder die Identität wechseln, keinerlei Kontakt zur linken Szene.

Zumindest im Lehrbuch. In der Realität trinkt sie zuviel, nimmt doch wieder an feministischen Treffen „sexuell befreiter“ Frauen teil, flieht, wohnt in einer reinen Frauenkommune im Wald, raucht täglich etwa 5 Gramm Gras, vertraut sich einer Freundin an, flieht erneut, wird beim Trampen vergewaltigt, lässt sich desillusioniert in einer neuen Stadt nieder, erschafft dort eine „echte“ Identität, die sie von da an dauerhaft behält. Sie lernt einen Mann kennen, einfach und freundlich, sie wird ihm niemals die Wahrheit anvertrauen. Sie wird schwanger.

1998: Bobby Desoto heißt inzwischen Nash Davis und betreibt einen kleinen Laden, Treffpunkt der örtlichen Gegenkultur. Debatten über Globalisierung, Comics, subkulturelle Filme und subversive Aktionstreffen, Hausbesetzer, kleine Mädchen aus der Vorstadt, die ersten großen Hacker - für all das bildet Nashs Laden eine Plattform. Ein Mädchen, Miranda, sagt ihm immer und immer wieder, er könne doch nicht im Ernst Coca-Cola trinken. Bald unterhalten sie sich jeden Abend. Miranda ist erst 18, Nash ist mindestens 40. Und doch ist es Nash, der die größere Angst vor dieser Liebe und ihren Folgen hat…

Zur gleichen Zeit ermittelt Jason, Marys 15-Jähriger Sohn (für den sie Louise heißt), danach, was eigentlich mit seiner Mutter los ist. Sie trinkt zuviel, klar, sie kifft den lieben langen Tag und hat den Kontakt zu ihren Eltern und ihrer Jugend abgebrochen. All das ist nicht neu. Doch jetzt, wo sich Jason selbst für die Musik, die Bücher und Filme der Gegenkultur interessiert, überrascht ihn seine Mutter immer wieder mit erstaunlichem Insiderwissen – ihm wird klar, dass er keine Ahnung hat, mit wem er da eigentlich unter einem Dach lebt.

Was diesen Roman so spannend macht, sind die Fragen, die sich die Protagonisten stellen. Radikal, ehrlich und ohne Angst vor den Folgen geht es in den frühen 70ern wie in den späten 90ern um die gleichen Dinge: Wer profitiert von den gegenwärtigen Verhältnissen? Wie können wir für das wir als richtig erkannt haben, kämpfen? Kann man mit seinen eigenen Widersprüchen und Unzulänglichkeiten überhaupt glaubwürdig für eine bessere Welt stehen? Und welche Mittel sind legitim, im Idealfall cool und witzig und dabei wirkungsvoll? Wie weit darf man gehen? Kann der Zweck auch mal die Mittel heiligen? Oder entscheidet die Wahl der Mittel über gut und böse?