Christian Kracht - 1979

Popliteratur – was soll das eigentlich sein? Dieser Frage musste sich Christian Kracht, wollte er sie auch niemals so richtig beantworten, unzählige Male stellen. Sein Debütroman „Faserland“ aus dem Jahre 1995 machte ihn im Alter von 29 Jahren zum Anführer der populären deutschen Literatur, vielleicht wider Willen. Mittlerweile hat er diesen Ruf mehr oder weniger abgelegt. Ein wichtiger Wegpunkt hin zu dieser Verneinung ist der 2001 erschienene Roman „1979“, welcher unmittelbar zur Zeit des elften Septembers erschien und Kracht damals beinahe seherische Fähigkeiten zuschrieb. Ein Blick zurück.

Wenn man so will ist "1979" eine konsequente Fortsetzung Faserlands, natürlich im übertragenen Sinne. Wieder finden wir einen reisenden Protagonisten vor, welcher seine Umwelt scheinbar ständig ästhetisiert. Nun spielt sich die Reise nicht mehr in Deutschland ab, sondern auf dem asiatischen Kontinent; genauer gesagt ist der Roman zweigeteilt: der erste Teil spielt Anfang des Jahres 1979 im vorrevolutionären Iran, der zweite Ende gegen Ende 1979 in Tibet und schließlich in einem grausamen maoistischen China.

Der Ich-Erzähler befindet sich mit seinem Lebensgefährten, der von ihm als überaus intelligent und herausragend attraktiv beschriebene Christopher, auf einer Party der Reichen und Schönen Teherans. Für Christopher ist der Protagonist nichts weiter als ein langweiliges Anhängsel, an das er sich im Laufe der Jahre eben gewöhnt hat, fast so wie man sich an einen Hund gewöhnt; ansonsten erfährt man nur wenig über die gemeinsame Vergangenheit.

„Dies war meine einzige Kindheitserinnerung. Ich hatte keine Erinnerungen außer dieser mit dem ekelhaften Glas Milch. Und dieses Haus, das wir gerade betraten, war also das genaue Gegenteil davon. Oft war es ja so, daß Christopher mich fragte, warum ich so leer war und ganz ohne eine Vergangenheit zu existieren schien, als ob alles, was vorher war, ausgelöscht worden wäre, jeder Geruch oder jede Farbe oder jeder Strauch, unter dem ich vielleicht den zerlesenen Heimwerkerteil eines Versandhaus-Katalogs vor meinen Eltern versteckt hatte, aber es gab nichts, woran ich mich entsinnen konnte, gar nichts.“

Die Welt des Erzählers scheint, bis auf ihre Ästhetik, ohne jeglichen Inhalt. Und so verliert sich sogar die eigene Vergangenheit in einer Belanglosigkeit, die schließlich zum Vergessen führt. Ein Sinnbild dafür ist auch die Beziehung zu Christopher: Von diesem sagt er, dass er ihn wegen seiner Schönheit lieben muss, nicht anders kann, als ihn zu lieben. Und so scheint aus dem analytischen Erzählstil immer auch eine Sehnsucht heraus, ein Verlangen nach mehr, nach einem Sinn.

Aber nicht nur die abstrakte Suche nach einem Sinn lässt den Protagonisten beinahe verzweifeln; es ist auch der konkrete Wunsch nach Wissen, Bildung und einem höheren Intellekt, welcher ihn zwischen Stagnation und Streben gefangen hält. So wäre der Ich-Erzähler gerne reflektierter, muss sich aber eingestehen, dass sein Nachdenken Grenzen hat. Ein durchaus gelungener Kunstgriff Krachts, welcher die Aufgabe der Reflektion aus der Hand des Erzählers an den Leser abgibt. Zu jedem Satz müssen weitere hinzugedacht werden.

Es sei so viel gesagt, dass Christopher bald stirbt. Der Erzähler empfindet nun eine ambivalente Freiheit, denn er ist nicht länger an seinen Partner gebunden, aber er empfindet auch Angst vor dem Alleinsein. Fantastisch ist, mit wie wenigen, fein gewählten Strichen Kracht seinen Charakter dies ausdrücken lässt. Er stellt ihm den mysteriösen Rumänen Mavrocordato zur Seite, der ihn nach Tibet schickt, um dort einen Berg zu umrunden, und damit die Welt von ihren Sünden zu befreien. Bevor er aufbricht gibt es diese Passage: Sie liegen im Bett, rauchen und starren schweigend an die Decke. Der Erzähler sucht nach den richtigen Worten, und schließlich bricht es aus ihm heraus. „Mavrocordato“, sagt er.„Ich…Ich würde lieber  bei ihnen bleiben.“ „Ich weiß.“, antwortet Mavrocordato nur.

„1979“ bildet die Mitte von Krachts Romantrilogie, die im letzten Jahr mit „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ ihren sprachlichen Höhepunkt und auch ihren Abschluss fand. Der Roman „1979“ endet im maoistischen China mit einer perversen Sinnfindung, ernüchternd, kalt – selten bleibt ein Ende dermaßen kalt im Gedächtnis haften –, krass; weit heftiger als "Faserland". Mehr soll nicht gesagt sein.

Kommentare

Popliteratur und Leseverweigerung

Als ich "1979" vor einigen Jahren von einer Freundin geschenkt bekam, hatte ich von Kracht noch nie etwas gehört. Jene Freundin wusste, dass ich gern und viel lese und so brachte sie mir das Büchlein mit, als sie mich mal wieder besuchte. Dazu muss ich sagen, dass ich oft ein wenig Angst vor Buchgeschenken habe, weil mein Geschmack ein bisschen unberechenbar ist und mich viele Bücher - die andere wahnsinnig toll finden - auf die ein oder andere Art oft langweilen. Und als sie dann noch sagte, das sei der Höhepunkt der Popliteratur, war ich etwas entsetzt. Zu der Zeit war der Begriff "Popliteratur" für mich ein Alarmzeichen der Belanglosigkeit. So wie viele andere Begriffe auch, ist "Popliteratur" ein Auffangbecken für allerlei Seltsamkeiten und ich verband damals damit die Aneinanderreihung von möchtegernhippen Alltagsbeschreibungen mit gezwungenem Witz und aufgesetzter Coolness.
Nach einigen Wochen Verbannung im Regal für Nichtgelesenes fasste ich mir ob der drohenden "wie war das Buch"-Frage ein Herz und las es doch. Und ich war begeistert! Hatte es doch so gar nichts mit dem zu tun, was ich mit Popliteratur verband. Und auch sonst hat es mich fasziniert.
Heute hoffe ich, dass sie das nicht so meinte, das mit dem Höhepunkt. Aber es war schön, mal wieder an das Buch erinnert zu werden.

Vielen Dank auch für das Harald-Schmidt-Video, das ich noch nicht kannte!