Francoise Sagan - Bonjour tristesse

Vor etwa 50 Jahren war es ein Skandal, dieses kleine französische Büchlein, geschrieben von einer 18-Jährigen über Liebe, Langeweile und Sünde, die einfach aus Beiläufigkeit heraus entsteht. Und gleichzeitig war es ein Verkaufsschlager, es war die Zeit von Oscar Wilde und sein Zitat „Die Sünde ist der einzige lebendige Farbfleck, der in der modernen Welt existiert.“ hängt wie eine Überschrift über dem kleinen Roman und soll diese Funktion hier auch behalten. Doch es geht nicht nur um Sünde, es geht um Traurigkeit. Denn obwohl Cecile, die Protagonistin, mehr als nur überrascht ist, eines solch tiefen Gefühls fähig zu sein, so ist sie es zum Schluss doch ganz zweifellos. Am Ende ihrer Spielereien, der zum Zeitvertreib gedachten Sommerintrigen und sinnlosen Experimente mit Lüge, Sex und Eifersucht, erlebt sie, was es heißt, echten Schmerz zu empfinden.

Naja, eigentlich ist sie viel zu fasziniert von dem Gefühl, um wirklich zu leiden. „Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit. Es ist ein so ausschließliches, so egoistisches Gefühl, dass ich mich seiner fast schäme – und Traurigkeit erschien mir immer als ein Gefühl, das man achtet. Ich kannte es nicht; ich hatte Kummer empfunden, Bedauern und manchmal Reue.“ Aber natürlich hat Cecile ihr Unglück ganz allein verschuldet.

Alles beginnt ganz harmlos, Cecile ist 17, seit kurzem lebt sie in Paris bei ihrem Vater und nimmt an dessen oberflächlichem, schnelllebigen Alltag teil. Ihr Vater Raymond ist vierzig, begehrt bei den Frauen und wechselt seine Freundinnen regelmäßig, etwa im Rhythmus der Jahreszeiten. Generell ist ihm alles zuwider, was nach zuviel Tiefgang oder Anstrengung aussieht und Cecile geht es ähnlich. Wie weitgehend die Oberflächlickeit der beiden ist, zeigt vielleicht dieses Zitat: „Mein Vater hatte einen so starken Widerwillen gegen Häßlichkeit; dass wir oft mit ausgesprochen dummen Menschen verkehrten….Denn was wollten wir, wenn nicht gefallen?“ In diesem Sommer haben die beiden eine große weiße Villa am Mittelmeer gemietet und wollen dort zwei Monate die Sonne genießen. Nichts weiter. Ceciles Vater hat Elsa Mackenbourg mitgenommen, Miss Sommer sozusagen, eine große rothaarige Schönheit, die in den Bars und Ateliers von Paris auftritt. Leider büßt Elsa sehr schnell ihre Schönheit ein, weil sie in der heißen Mittelmeersonne krebsrot verbrennt. Pech für Elsa, dass sich auf einmal eine Bekannte von Ceciles verstorbener Mutter ankündigt, Anne, eine sehr intelligente und stilvolle Dame aus der Modewelt, die so gar nichts von der oberflächlichen Lebensweise der kleinen Truppe hält. Anne meidet sonst die Gesellschaft gar zu einfacher, lärmender Leute und ist sehr daran interessiert, dass Cecile ihre verpatzten Prüfungen besteht, das heißt: den Sommer über lernt. Mit der schönen Nichtstuerei ist es für Cecile erst mal vorbei. Und auch die heißen verbotenen Küsse mit dem Studenten Cyril, der in der Nachbarschaft Ferien macht, gehören erstmal der Vergangenheit an. An Spannung gewinnt der Sommer durch Annes Anwesenheit dennoch beträchtlich. Die Konstellation; Raymond (der begehrte und geübte Verführer), Elsa (seine junge, aber eher seichte, fast dümmliche „Begleitung“) und Anne (eine geschmackvolle, intelligente Dame von Welt, die ganz offensichtlich an dem Verführer Gefallen gefunden hat), verspricht einiges an Dynamik. Damit es schnell genug geht und Cecile auch ein bisschen auf ihre Kosten kommt, spielt sie hie und da Schicksal.

Und tatsächlich: Zwischen Ceciles Vater und Anne entwickelt sich eine Beziehung, die schließlich die (immer noch durch den Sonnenbrand benachteiligte) Elsa verdrängt. Obgleich Cecile von Anne fasziniert ist, hat sie Angst, dass ihr Vater durch diese bodenständige, kluge, 42-jährige Frau seine jungenhafte Leichtigkeit verliert und auch ihr eigener Alltag sinnvoller und weniger frei werden könnte. Doch Cecile kennt die Schwächen ihres Vaters und fasst einen perfiden Plan: Cyril (den sie mittlerweile durch Hingabe ihrer Jungfräulichkeit an sich gebunden hat) und Elsa treten als Paar auf. Elsas Haut ist inzwischen verheilt, ihre Schönheit und Jugend strahlen und sie gibt mit Cyril ein wunderschönes, vor jugendlicher Kraft nur so strotzendes Paar ab. Nun reichen ein paar Bemerkungen von Cecile, dass ihr Vater inzwischen eben ein Alter erreicht habe, dass man ihm ansehe und wie schön es daher doch sei, dass Anne und ihr Vater so eine reife und würdevolle, ihrem Alter angemessene Beziehung führten. So an seinem Ego gepackt muss Raymond sich entscheiden – will er die ernsthafte tiefgehende Beziehung mit Anne fortführen; auch um den Preis, dass er damit kein klassischer Verführer „ohne Alter“ mehr ist?

Während all das für Elsa, Cecile und Raymond ein Spiel ist, eine von vielen Sommergeschichten, bei denen es um ihr Ego, den eigenen Marktwert und gute Unterhaltung geht, liebt Anne Raymond voll Ernsthaftigkeit. Zu Beginn scheint es daher einmal, als würde sie Cecile vor dem was da kommen mag, warnen: „Liebe ist anders, Liebe ist unveränderliche Zärtlichkeit, Sanftheit, Sehnsucht… Dinge, die du nicht verstehen kannst.“