Endlich haben wir von Lachsauge sie uns auch mal vorgeknöpft: die Neue von Robbie Williams hat es ebenso in den Soundcheck für diese Woche geschafft wie das neue Album des Folk-Bengels Devendra Banhart "What Will We Be", welches zwar via Major erscheint, aber trotzdem nicht nach Ausverkauf schreit. Ebenfalls dabei: das enorm starke Supergroup-Album von den Them Crooked Vultures-Rockern und eine süße Portion Norwegegerinnendisco. Annie's Zweitling "Don't Stop" ist nach Labelquerelen nun endlich erschienen - und erstaunlich gut.
Robbie Williams - Reality Killed The Video Star
Robbie Williams ist zurück. Die Freude darüber mag sich im Kreise der Musikinteressierten nicht so bemerkbar machen wie in den Niederungen des Boulevardjournalismus - dennoch ist sein 'Comeback' "Reality Killed The Video Star" auch für uns interessant. Denn eins muss man dem Musiker Robbie Williams lassen: er und seine Hintergrundmänner wissen, wie man einen guten Popsong schreibt und was die Massen mobilisiert. Nun hat man von Robbie Williams wahrlich kein Konzeptalbum erwartet, doch die Beliebigkeit mit der hier Song an Song, Strophe an Refrain gepackt wird, erreicht selbst im Euvre des großen Entertainers hier eine neue Qualität. Wer nun die Intention des Künstlers propagiert, einen musikalischen Abgesang auf das Medium des Albums und für die in den Mittelpunkt gerückte Shuffle-Funktion des iPod zu veranstalten, der vergisst in Betracht zu ziehen, dass kaum ein Mainstream-Pop-Album der letzten Jahre als dringendes Plädoyer für den Erhalt des Albums herhalten kann. "Reality Killed he Video Star" macht da keine Ausnahme, treibt diese Anti-Haltung jedoch in eine neue Dimension. Das Netz aus großen Refrains und balladesken Strophen, das nur von der Stimme Williams' zusammengehalten wird, hält. Und am Ende bleibt zu konstatieren, dass es zweifellos bessere Alben des Mädchen- und Frauenschwarms gab, selten jedoch eines, das so unerwartet gut war. (5) Andreas Peters
Them Crooked Vultures - Them Crooked Vultures
Das Phänomen der 'Supergroup' ist so alt wie die Popmusik selbst. Schon zu Beginn der Blues- und Rock'n'Roll-Hochzeiten begaben sich große Künstler gemeinsam in den Proberaum und jammten. Der einzige Unterschied zu heute dürfte die veränderte Massenwahrnehmung sein. Nicht umsonst zahlt man bereits auf der ersten Tour von Them Crooked Vultures weit über 40 Euro für ein Konzertticket. Klar, die Namen Homme, Grohl und Jones sind untrennbar mit ihren Bands Queens Of The Stoneage, Nirvana und Led Zeppelin verbunden und so wird auch ihr Debüt niemals unabhängig von den großen Namen gehört werden können. Doch die Platte ist gut genug um mehr zu sein als der Schatten, den die Protagonisten werfen. John Paul Jones am Bass bildet mit Dave Grohl die Rhytmusgruppe und sind dabei so auf den Punkt, als hätten sie niemals mit jemand anderem gespielt. Der Bass ist straight und treibt die Homme-typischen Blues-Rock-Riffs auf einen Höhepunkt zu. Und dass Grohl in seiner Rolle als Drummer bedeutungsvoller ist als in der des Foo-Fighters-Frontmann ist schon lange ein offenes Geheimnis. Der einzige Wehrmutstropfen dürfte sein, dass rein auf der Oberfläche der Eindruck entsteht, dass Them Crooked Vultures nur ein Josh Homme-Ding sind und ein weiteres QOTSA-Album mit begnadeten Gastmusikern aufgenommen haben. Doch auch wenn Homme etwas zu sehr im Fokus steht, die Songs, die in jeder Sekunde rocken und stampfen wie nichts Gutes, sind um Längen besser als jene, die Platten wie "Era Vulgaris" und "Lullabies To Paralyze" füllten - von den Foo Fighters mal ganz zu schweigen. (7) Andreas Peters
Devendra Banhart - What Will We Be

Es beginnt mit rhythmischen Rasseln und tropikalisch anmutenden Klanggebilden und ja, ganz bald hat man dann den erwarteten Irrwitz im Ohr. Die erste Platte nach dem Wechsel zum Majorlabel ist erschienen und der Aushänge-Exot der Szene präsentiert uns gemeinsam mit drei weiteren Kumpanen keinen Freakfolk, keinen New-Folk, sondern ein Werk im Sinne des, wie er es nennt, „Naturalismo“. Aha. Das Kind hört auf den Namen „What Will We Be“ und schlägt ein wenig aus der Art. Keine allzu wirren Phantastereien, sondern ein für Banhart’s Verhältnisse, recht gesetztes Kompositum ist dabei rumgekommen. Im Einstieg findet sich das gutgelaunten „Can’t Help But Smiling“ und auch „Chin Chin & Muck Muck“ und “16th & Valencia Roxy Music” nehmen uns mit einem breiten Lächeln auf. „First Song for B“ hat dagegen Freund Schwermut im Gepäck und „Rats“ überzeugt mit herrlich klassischer Bluesrock-Manier. Während die vielgesichtigen Lieder auf einen niederplätschern, darf man schließlich erleichtert feststellen, dass dem Ganzen mehr Eigensinnigkeit geblieben ist, als es viele nach dem Labelwechsel ängstlich vermutet hatten. Denn mal ehrlich, niemand will auf den Songwriter der letzten Alben verzichten, der sich haltlos in so schön-schrägen Gedanken verstrickte, dass sie eigentlich niemand jemals hätte denken sollen. Genau diese Furchtlosigkeit vor der inneren Welt ist sein Talent. Jap, die Platte macht so manches Fass auf und nahezu jedes überzeugt. Also los! Hören! Spaß haben! (8) Silvia Follmann
Annie - Don't Stop
Klar, die von da oben schon wieder. Wer? Na, die Norweger. Langsam ist das ja schon fast nicht mehr schön, mit welcher Vehemenz das WWW mit Kapellen und Könnern aus dem hohen Norden zugepflastert wird. Wenn die Musik wenigstens scheiße wäre; aber, weit gefehlt, was sich da von den Fjorden fast wöchentlich den Weg in unsere Gehörgänge bahnt, ist fast ausnahmslos von unbestreitbarem Charme und musikalischer Diversität geprägt. Aber genug der kollektiven Lodhudelei. Hier geht es schließlich um Annie. Und die sollte eigentlich jedem geneigten Indiepopfan ein Begriff sein. Ne gute Egosause mit dem unbescheidenen Titel „The Greatest Hit“ als Debütsingle? Klar. Remixe von MSTRKRFT und Konsorten? Natürlich. Eigene DJ-Kicks? Sowieso. Dass jetzt mit „Don’t Stop“ nach einer verwirrend hohen Anzahl an Bootlegs und unschönen Problemen, die ihren Grund wohl in undurchsichtigen Labelpolitics hatten, nun endlich zweite Album der aus Bergen stammenden Chansonette erscheint, ist dabei die erste tolle Sache. Die zweite, dass das Album sogar richtig gut ist. Nach unfassbar starken Chartgeschossen wie „Heartbeat“ oder „Chewing Gum“ keine Selbstverständlichkeit. Aber wer seine Lieder „I Don’t Like Your Band“ nennt und dabei so dreist den Filterfunk der Daft Punk-Dudes reüssiert, kann kein ganz schlechter Mensch sein. Der Pitchfork-Liebling „Songs Remind Me Of You“ ist dann auch astreines Discofutter, wohingegen „When The Night“ haarscharf am Ultrakitsch vorbei schliddert. Gut, „My Love Is Better“ hätte mit den gedubbten Gitarren (für die übrigens Alex Kapranos von Franz Ferdinand verantwortlich war) auch La Roux ganz gut gestanden – aber wenn hübsche blonde Frauen was von Liebe erzählen, höre ich halt schon ganz gern zu. (8) Jan Wehn