20 Jahre Wiedervereinigung sind gefeiert, „Good Bye Lenin" einmal mehr durch das Abendprogramm gelaufen und zahlreiche TV-Produktionen zum Thema ausgestrahlt. Doch aus dem „Einheitsbrei" sticht ein kaum beachteter Film heraus, der im Zuge der Wiedervereinigungswelle jetzt endlich auch den Weg auf die DVD-Scheibe gefunden hat: Christian Schwochows „Novemberkind". Ein außergewöhnlicher Film über ein Stück deutsche Geschichte, der keine Ost-West Stigmatisierung, Spreewaldgurken oder kitschige Mauerfallstories braucht.
Die 25-jährige Inga (herausragend gespielt von Anna Maria Mühe, Tochter des 2007 verstorbenen Ulrich Mühe) lebt im beschaulichen, leicht trostlosen Malchow in Mecklenburg. Hier hat sie ihre beste Freundin, schmeißt die überschaubare Bibliothek des kleinen Örtchens und kümmert sich um ihre Großeltern, die Inga großgezogen haben. Denn ihre Mutter ist kurz nach ihrer Geburt in der Ostsee ertrunken, ihren Vater hat Inga nie kennen gelernt. Doch dieses Bild ihrer Eltern kommt ins Wanken, als Literaturprofessor Robert (wie immer herausragend von Ulrich Matthes verkörpert) eines Tages auftaucht. Er konfrontiert sie mit der Wahrheit über den Verbleib ihrer Mutter: Die ist gar nicht in der Ostsee ertrunken, sondern mit dem russischen Deserteur Yuri, den sie bei sich aufgenommen hat als Inga noch ein Baby war, in den Westen geflohen und hat Inga bei den Großeltern zurückgelassen. Inga, enttäuscht von Freunden und Großeltern, die ihr die Wahrheit verschwiegen haben, macht sich zusammen mit Robert auf die Suche nach ihrer Mutter. Diese Reise führt Inga aus der Ost-Provinz in den Westen, nach Stuttgart und schließlich nach Konstanz, immer in der Hoffnung, ihrer Mutter und ihren Wurzeln etwas näher zu kommen.
Christian Schwochows leise und eindringlich erzählte Geschichte, die gleichzeitig seine Abschlussarbeit für sein Regiestudium an der Filmakademie Baden-Württenberg ist, beleuchtet das zuweilen überreizte Ost-West-Thema mal von einer ganz anderen Seite. Anders als seine weitaus bekannteren thematischen Nachbarn „Good Bye Lenin" oder zuletzt der oscarprämierte „Das Leben der Anderen", erzählt Schwochow nur sehr begrenzt vom Leben in der DDR. Vielmehr zeigt „Novemberkind", von der Gegenwart ausgehend, was die Flucht eines Liebespaares in den Westen an weit reichenden Folgen für die Biographie aller Charaktere noch 25 Jahre später hat. Schwochow belässt es bei einigen weniger Rückblenden in die Vergangenheit, in der vor allem die Liebe zwischen Deserteur Yuri und Ingas Mutter (ebenfalls verkörpert von Anna Maria Mühe), aber auch die drückende Enge und Zweckhaftigkeit der Beziehung gezeigt werden. Denn Yuri darf die Wohnung als gesuchter Fahnenflüchtiger nicht verlassen. Ingas Mutter hingegen sieht in Yuri auch die Vaterfigur für die kleine Inga. Im Fokus steht jedoch viel stärker die Gegenwart in Form von Ingas Suche nach der unverarbeiteten Vergangenheit, welche sich nach und nach wie ein Puzzle zusammensetzt und den Spannungsbogen des Films beständig hoch hält.
Und je mehr Vergangenes ans Licht kommt, je näher Inga ihrer Mutter und schließlich auch ihrem Vater kommt, desto mehr wird klar, das die Flucht in den Westen nur Verlierer hervorgebracht hat. Der Film macht dabei glücklicherweise keine klaren Schuldzuweisungen. Weder gibt es einen Rabenvater, noch ist Ingas Mutter eine gewissenlose Person, die ihre Tochter im Stich gelassen hat. Jeder trägt hier seinen Teil der Schuld, nicht nur Ingas leibliche Eltern, genauso ihre Großeltern und auch der Literaturprofessor Robert. Alle haben Fehler gemacht, aber keinen kann man wirklich als den einen Schuldigen ausmachen, die Beweggründe der Charaktere bleiben immer ein Stück weit nachvollziehbar. Die Verhältnisse und die individuelle Schuld der Einzelnen ergeben am Ende das fertige Puzzle der Vergangenheit, welches zwar nicht gerade erbaulich wirkt, aber gerade deswegen einige bittere und trotzdem wichtige Wahrheiten enthält.
Fast nebenbei betreibt der Film in Form des Literaturprofessors Robert auch noch kritische Reflexion anhand dessen Umgang mit der Geschichte Ingas. Robert weiß nämlich deutlich mehr über die Vergangenheit und auch über Ingas Mutter, als er zu Beginn durchscheinen lässt. Er will ihre Geschichte veröffentlichen und als er beginnt, sich auch noch in Inga zu verlieben, gerät er immer stärker in Konflikt mit seinen moralischen Grundsätzen. Schwochow setzt somit auch ein klares Statement im Umgang mit Biographien in den Medien. Dritte haben nicht grundsätzlich das Recht, ebensolche Geschichten zu erzählen. Die Entscheidung und auch die Bewältigung der Vergangenheit muss den Betroffenen zu aller erst selbst überlassen werden und Bedarf bei Verwertung durch Dritte immer einer Zustimmung. Denn wie schnell die Recherche an einer interessanten Geschichte in Voyerismus, Machtsphantasien und eigenen Bereicherungsgedanken kippen kann, manifestiert sich eindrucksvoll an der Figur Roberts.
Zu Beginn des Films, als Robert mit einem Taxi zum ersten Mal durch Malchow fährt, zeigt die Kamera im Vorbeifahren eine Baustelle. Hier werden neue Häuser errichtet, das Bild heftet sich an den Straßennamen: Neue Heimat. Genau diese suchen alle Charaktere des Films, keiner wird sie wirklich finden, bei allen bleibt die Suche eine ebensolche Baustelle. Egal ob der verkopfte Literaturprofessor Robert, der sich immer heftiger in die Geschichte Ingas versteigt und dafür schlussendlich auch seine ethischen Grundsätze über Bord wirft, um sich nicht mit seiner eigenen Heimat- und Rastlosigkeit konfrontieren zu müssen. Oder Ingas beste Freundin, die zu Beginn des Films ihr Glück im weit entfernten Nürnberg sucht und feststellen muss, dass sie ihre Heimat Malchow doch nicht verlassen kann.
Nur Inga schafft den entscheidenden Schritt auf der Suche nach der „Neuen Heimat". Ob sie diese wirklich finden wird bleibt offen, wie auch im gesamten Verlauf macht es Schwochow dem Zuschauer hier nicht leicht, da er die Geschichte eben nicht komplett auflöst. Vielmehr entlässt er Inga in eine ungewisse Zukunft und doch hat man das Gefühl, das diese gefestigter als alle anderen aus der Suche nach ihren Wurzeln hervorgegangen ist.