David Lynch dürfte den meisten Menschen hauptsächlich durch seine düster-verworrene Filmkunst ein Begriff sein. Dabei begann er sein kreatives Schaffen als Kunststudent, und erst ein laut seiner Beschreibung magischer Moment – in einer Zeichnung sah er plötzlich Bewegungen – verleitete ihn dazu sich mit dem Medium Film zu beschäftigen. Viele seiner Werke sind von nun bis Mitte März nächsten Jahres im Max Ernst Museum in Brühl zu sehen, ich war auf der Eröffnung eben dieser Ausstellung und habe mich von Raum Bilder Klang, so der Untertitel, überzeugen lassen.
Samstagabend, kurz nach sieben Uhr abends. Der gut besuchte Hörsaal des Max Ernst Museums, in dem später die frühen Kurzfilme Lynchs gezeigt werden, erhebt sich, denn soeben hat David Lynch den Raum betreten. Der schwarze Vorhang der die Bühne ziert, wird von einem roten Scheinwerfer angestrahlt, man denkt an Inszenierung, denn der rote Vorhang und Lynch, da könnte man ganze Geschichten zu schreiben. In dem Moment, in dem David Lynch in der vorderen Reihe Platz nimmt, dimmt sich das Licht des Saals und eine Person huscht mit einem Seitenschritt hinter dem Vorhang hervor und steht schon am Rednerpult. Man denkt wieder an eine Inszenierung. Nun ja, zumindest ich denke daran, aber das ist ja auch gerade das Spannende. Dass man nicht weiß, was gerade echt ist und was nicht, und was das überhaupt ist, Wahrheit.
Die Ausstellung an sich enthält allerhand, insgesamt sieht man über 140 Werke des Künstlers, größtenteils aus seinem Privatbesitz und erstmalig in Deutschland ausgestellt. Ganz zu Beginn wird man von einer begehbaren Rauminstallation empfangen, einem Kinderzimmer, das in seiner Farbgebung an das Haus der Simpsons, in seinem subtilen Horror an die Kinderzimmer in Twin Peaks erinnert. Sehr beeindruckend sind einige schwarz/weiß Fotoserien, darunter eine, in der Lynch schmelzende Schneemänner in amerikanischen Vororten fotographiert hat und eine Serie mit dem Leitmotiv Industrie. In der Serie Distorted Nudes verfremdet er Aktfotographien, verwandelt nackte Frauen in Geister indem er sie in Bewegungen festhält, und kehrt Erotik in Horror um. Wie in seinen Filmen hat man beim Betrachten der Fotographien das Gefühl, sie entsprängen unmittelbar einem Albtraum.


Die Hauptmotive Lynchs sind vielleicht Zeit und Vergänglichkeit. Man sieht in seinem Werk Dinge, die in unserem Universum nicht möglich sind, die unsere Logik nicht denkbar macht. Gerade dagegen geht Lynch an, betont immer wieder die Wichtigkeit der Intuition; und steht damit natürlich in einer großen Tradition, dem Surrealismus. Nur passend eigentlich, dass seine Werke gerade neben den surrealistischen Werken Max Ernsts einen Platz gefunden haben. In seiner Eröffnungsrede berichtete der berühmte Kunstkritiker und Hauptkurator der Ausstellung, Werner Spies, davon, wie Lynch ihm in die Arme gefallen ist, als feststand, dass Lynchs Werke hier ausgestellt werden würden.
Jeder Raum der Ausstellung enthält eine Klanginstallation, die man als Museumsbesucher selbst durch Knopfdruck auslösen muss. Lynch, der sagt, die Musik müsse mit dem Bild eine Ehe eingehen, liefert sozusagen den Soundtrack zum Betrachten seiner Kunst gleich mit. Ähnlich wie in Lost Highway das kosmische Rauschen, erzeugt hier der Klang eine eigene Ebene des Unwohlseins. Aber ganz ehrlich scheint es mir in diesem Fall bloß eine Spielerei zu sein.
Ganz im Gegensatz dazu stehen die riesigen Materialbilder, die alleine schon durch ihre Größe und Farbgebung das Auffälligste an der Sammlung sind. Es sind Mischgebilde aus teils pixeligen Hintergründen, Ton, echten Gegenständen, Schrift und Licht. Scheinbar rein assoziativ wird hier alles miteinander zu einem großen Ganzen verbunden. Hier spielt Lynch wieder einmal mit den Sehgewohnheiten des Betrachters. In einem Werk findet man eine „echte“ Pistole wieder, die in einer „echten“ Unterhose einer Tonfrau steckt.
Doch das Fazit dieser Eröffnung, meins zumindest, ist ein anderes. Das größte Kunstwerk an diesem Tag nämlich war David Lynch selbst. Dies wurde sofort klar, als er irgendwann aus dem Nichts auftauchte, um sich dann eine ganze Zeit lang vor seinem Kinderzimmer aufzuhalten und Fragen zu beantworten und einfach „da“ zu sein. Denn das größte Mysterium, größer als die Summe seiner Filme und seiner Kunstwerke, ist die Person Lynch selbst, und unterm Strich weiß ich einfach nicht, wie ich mir dies erklären soll. Er selbst würde wahrscheinlich sagen, dass man sich auf die Summe seiner Emotion und seiner Intelligenz, also auf seine Intuition verlassen solle.
Kommentare
Schöner Artikel
Vielen Dank für den Hinweis auf diesen Artikel! Jetzt kann ich es noch mehr nicht erwarten, endlich selbst die Ausstellung zu sehen, als dies schon zuvor der Fall war. Reue spüre ich nur, weil ich bei der Eröffnung nicht dabei sein konnte... War sie eigentlich öffentlich?
Den Eindruck, dass Lynch selbst wohl das größte Kunstwerk an diesem Abend war kann ich gut nachvollziehen. Ich sah ihn einmal bei einem Vortrag in der Kölner Uni und war erstaunt über seine Ausstrahlung. Auch wenn dieser Vortrag etwas seltsam war, da das Thema Transzendentale Meditation (dem er ja ziemlich verfallen ist) an sich ja schon - sagen wir - gewöhnungsbedürftig ist.
Beeindruckend finde ich auch immer wieder diverse Portraits von Lynch.
Ich werde Euer Blog im Auge behalten!
...
Nun ja, ich hatte das große Glück eine Einladung zu haben; aber ganz ehrlich, man wäre mit ein wenig Geschick auch ohne reingekommen.