Muriel Barbery - Die Eleganz des Igels

Rene Michel und Paloma Josse teilen beide dasselbe Leiden – sie sind zu intelligent für ihre Umwelt. Was sich für uns Normalsterbliche, die wir tagtäglich an unsrer Beschränktheit verzweifeln, zunächst mal nicht nach einer Last anhört. Zugegeben, das Setting nervt ein wenig. Die Concierge eines Pariser Luxusmietshauses Mme Michel und die zwölfjährige Ministertochter Paloma leiden jedoch sehr sympathisch und nachvollziehbar an der Oberflächlichkeit und Eitelkeit ihrer Umwelt. Und das auch nur zu Beginn. Denn bald beginnt ein kleines Wunder die einsamen Leben der beiden Superhirne zu erhelllen…

Die Pariser Schickeria muss wirklich furchtbar sein. Im Mietshaus der Concierge Mme Michel stolziert sie Tag für Tag auf und ab, führt ihre neuste Designerkleidung, ihre überzüchteten (oder gewollt natürlich wirkenden) Hunde, ihre pseudo-sozialistischen Weltanschauungen, ihre Körbe voll hochphilosophischer Literatur, feinstem Katzenfutter und traditionell-französischem Haute-Cuisine-Zubehör spazieren und lässt sich von ihren Bediensteten jeden Wunsch von den Augen ablesen. Mit der Eleganz eines Igels gelingt es Mme Michel zu verbergen, dass auch sie Berge von philosophischer, russischer, japanischer und französischer Literatur und Filmkunst verschlingt, dass sie gar nicht die typische stupide, grimmige Concierge ist, für die sie die Oberschichtganz selbstverständlich hält. Und in deren Rolle sie jeden Morgen um 8 Uhr schlüpft.

Paloma Josse lebt im vierten Stock dieses Hauses und hat sich von ihrer ganzen Familie, ja ihrer gesamten sozialen Schicht so sehr entfremdet, dass sie für sich nur noch eine Lösung sieht: An ihrem dreizehnten Geburtstag wird sie die Schlaftabletten ihrer Mutter nehmen und die Wohnung anzünden um ihr Leben in einem Fanal gegen „das Goldfischglas“ ihrer Eltern zu beenden. Ihre letzten Monate verbringt sie damit ihr Tagebuch mit „tiefgründigen Gedanken“ zu fülllen und sich über den Überfluss ihrer Eltern, das unechte, hysterische Getue ihrer großen Schwester, Restaurantpreise und Intelligenz als Selbstzweck auszukotzen. Als sie ihre Mutter wegen ihrer Zurückgezogenheit (die weniger Traurigkeit als viel mehr die pure Verachtung ist) schließlich zu dem Psychiater schleppt, der Familie Josse seit einem Jahrzehnt 600 Euro im Monat kostet, reicht es Paloma endgültig. Doch mit dem Pseudopsychiater Doktor Theid wird sie schon noch fertig.

Während Mme Michel also noch etwa 25 Jahre als schauspielernde Concierge vor sich hat, steuert Paloma auf ihr endgültiges Ende zu. Alles scheint festgelegt, als plötzlich der Japaner Kakuro Ozu in ihr Haus einzieht. Der durchschaut Mme Michels Fassade sofort (ein einfacher Test: ein unauffälliges Zitat aus „Anna Karenina“ von Tolstoi, Mme Michel zuckt zusammen und verrät sich damit dem aufmerksamen Beobachter) und lädt sie zum Essen ein. Und auch mit Paloma (die eine Leidenschaft für Japan, japanisch und Mangas hat) versteht er sich sofort. Er macht Paloma und Mme Michel miteinander bekannt und auf einmal vergehen die Tage der beiden lebenswert und glücklich – gibt es doch einen Ausweg? Kann man authentisch, tiefgründig, bescheiden, klug und zugleich glücklich sein? Gerade Mme Michel zweifelt daran. Sie weiß seit ihrer Kindheit wie gefährlich es für einfache, arme Leute ist, außergewöhnliche Fähigkeiten zu besitzen (ihre Schwester war zu schön für ihre Schicht und starb noch vor ihrem 20. Geburtstag an den Folgen einer Vergewaltigung) und kann sich immer noch schwer vorstellen, wirklich unbeschwert als der Mensch, der sie ist, zu leben. Doch vielleicht hält das Leben sogar noch mehr für sie bereit…kann es sein, dass sich der wundervolle Kakuro Ozu tatsächlich auch in sie verliebt hat?

Eine märchenhafte Geschichte, die ihren Zauber trotz einiger Klischees und gar zu offensichtlicher Wendungen und Konstellationen nicht verliert. Tränen, Hoffnung, Liebe und Schmerz inklusive.