Alaa al-Aswani - Der Jakubijân-Bau

Ein Mietshaus irgendwo in Kairo. Korruption, Gewalt, Sex, Armut und üppiger Wohlstand, Fundamentalismus, Polizei-Willkür, große Träume, Patriotismus, Alkohol, Politik und sogar Liebe – alles unter einem Dach. Im Jakubijân-Bau leben Arme und Reiche, Familienväter, Lebemänner, schöne Jungfrauen, Kinder und Geschäftsmänner. Einige lernt man kennen und lieben, andere hassen. Vor allem aber erhält man einen lebendigen Einblick in den Alltag Ägyptens.

 
Taha al-Schâsli ist ein kluger Junge. Er arbeitet fleißig für die Schule, kriegt beste Noten und überzeugt auch privat durch sein höfliches, zurückhaltendes Benehmen. Seit seiner Kindheit schwärmt er für Buthaina, eins der hübschesten Mädchen aus dem Haus. Die Beiden lieben sich voll Ernsthaftigkeit. Zahl und Namen der Kinder, die Einrichtung ihrer künftigen Wohnung, alles ist ausgemacht. Taha will Offizier bei der Polizei werden, richtig Karriere machen. Den Einstellungstest hat er mit Leichtigkeit bestanden. Doch sein Vater ist Türhüter und im ganzen Jakubijân-Bau kommt Tahas Ehrgeiz gar nicht gut an. Und tatsächlich, im Bewerbungsgespräch an der Polizeiakademie wird Taha nach dem Beruf seines Vaters gefragt und nach der wahrheitsgemäßen Auskunft hört er nie wieder etwas von seinem Traumberuf. Und auch seine Freundin Buthaina beginnt sich von ihm zu entfernen. Seit dem Tod ihres Vaters ist ihre Familie darauf angewiesen, dass Buthaina mitverdient. Für sie heißt das: Egal wo sie auch anfängt, in jedem Schmuck – und Kleidungsgeschäft Kairos, nach ein paar Stunden, Tagen oder Wochen beginnt ihr Chef zudringlich zu werden. Sie, ganz die tugendhafte Muslima, lehnt dies stets ab. Und wird gekündigt. Bis ihr schließlich ihre Mutter klarmacht, diese Kündigungen müssten aufhören. Buthaina lernt dann schnell, dass es in Ägypten keine halbwegs gut bezahlte Arbeit für sie geben wird, wenn sie an ihrer Tugend festhält. Desillusioniert erfüllt sie nun die Forderungen ihres neuen Chefs. Tahas Idealismus scheint ihr naiv und kindlich, es fällt ihr schwer, ihn ernst zu nehmen und sie kann mit ihm nicht mehr über das reden, was sie erleben muss. Als dann Taha sein Universitätsstudium beginnt, leben sie sich endgültig auseinander. Die Golf- und Segelklubs der Reichen sind für einen Türhütersohn keine Option, die Söhne der Armen treffen sich in der Moschee. Der Übergang zum Fundamentalismus ist fließend, politisch entsprechend ideologisiert richten sich die gläubigen Studenten schon bald gegen das Regime Ägyptens, das – angeblich von den USA gekauft – die „muslimischen Brüder im Irak“ nicht unterstüzt. Doch bevor er wirklich in den Dschihâd eintreten kann, wird Taha aus seinem Bett gezerrt, verprügelt, in die Polizeiakademie verfrachtet, dort tagelang misshandelt und gefoltert. Wenn er zuvor nicht radikal und gewaltbereit war, so ist er es jetzt. Sein Weg führt zu Allah, je schneller, desto besser.

 
Doch während Tahas junges Leben bereits festgelegt scheint, suchen die anderen Hausbewohner noch. Saki Bey al-Dassuki sucht nach einem langen, wilden Leben nach einer Frau, der er zum ersten mal treu sein könnte. Abascharôn, sein Butler, sucht nach unauffällig kleinen Beträgen, die er für sich selbst und seine Familie abzweigen kann. Sein Bruder Malak sucht, wie so viele, das große Geld. Hâtim Raschîd, Chefredakteur einer französischsprachigen Zeitung, sucht einen liebevollen, verlässlichen Partner, auf dass er endlich die entwürdigende Suche in den versteckten Schwulen-Cafés und -straßen aufgeben kann. Suâd Gâbir schließlich will die Ausbildung ihres Sohnes finanzieren und versucht daher als Zweitfrau des Neureichen (hier sind, wie so oft, Drogengeschäfte im Spiel) Hagg Muhammad Asâm etwas hinzuzuverdienen.

 
Eines haben jedoch alle Protagonisten gemeinsam: Sie teilen ihre intimsten Sorgen und ihre banalsten Alltagsgedanken mit dem Leser, zeigen sich als vielschichtige, nicht immer liebenswerte aber sehr menschliche Figuren. Vor allem aber erzählen sie von einer anderen Kultur und das anscheinend ziemlich authentisch – der Jakubijân-Bau verkauft sich gut, gewinnt Preise und ist mittlerweile ein echter arabischer Bestseller!