Wir haben an dieser Stelle ja schon so einiges geschrieben - vom "Next Big Thing" war da die Rede, von den neuen X und den etwas anderen Y. In dieser Ausgabe des Soundcheck scheinen Andreas und Silvia zwei der schönsten Platten des Jahres über den Weg gelaufen zu sein, deren Intensität sich nur schwer in Worte fassen lässt. Jan hingegen findet in Miike Snow die etwas andere Version schwedischer Popmusik wieder und bespricht eine Platte zweier Berliner Gören, deren Livewirkung man bei der Rezeption zwangsläufig mitdenken muss.
William Fitzsimmons – The Sparrow and The Crow
Wenn Stille mit Stille gebrochen wird und der Klang sich wie eine zweite Haut um den Körper legt, ist das vielleicht der Versuch von William Fitzsimmons mit einer verlorenen Liebe abzuschließen. Nummer zwei in der Discographie des Pittsburghers in der Tradition der Singer/Songwriter, mit Namen „The Sparrow and The Crow“, ist vor ein paar Tagen erschienen. Der heimatliche Singvogel und die düstere Krähe als Wink mit der Keule Richtung Dr. Faust und dem Kampf zweier Seelen in einer Brust? Vielleicht. Jedenfalls zielt das Album ganz konkret Richtung Herz und mal ehrlich, wer diesen Schuss nicht abbekommt, der trägt einen Panzer aus Eisen. Freigesetzt wird nach dem Treffer keinesfalls Adrenalin, sondern dickste, sich hemmungslos ergießende Melancholie-Bäche. Anspieltipps für dieses Gefühl sind besonders „Further from You“ und „I don't feel It Anymore“, bei welchem eine hinzukommende weibliche Stimme das Drama noch plastischer darstellt. Doch auch die anderen Titel lassen einen ahnen, dass hinter dem Rauschebart des Barden viele Wunden geflickt werden müssen. „We Feel Alone“, „If You Would Come Back Home“, “Please Forgive Me” und „You Still Hurt Me“, um nur ein paar zu nennen. Diese Platte ist so gefühlvoll, dass man gar heraushören will, wie kostbar das Medium Musik für den Sänger sein muss. Mit Blick auf seine nicht ganz einfache Familiengeschichte als Kind zweier blinder Eltern, ist es vielleicht auch gar keine so vage Vermutung, dass der Hörsinn für ihn einen besonderen Stellenwert haben mag. Lernen kann man jedenfalls, dass nur derjenige verloren ist, der sich mit seinem Schmerz nicht auseinandersetzen kann. Wem aber die Metamorphose, aus der in einem Moment der Trennung nur allzu realen Verlorenheit, in etwas so Schönes gelingt, den kann man einfach keinen Verlierer nennen. (8) Silvia Follmann
Miike Snow – Miike Snow
Die Schweden wieder. Nachdem Mando Diao am gestrigen Dienstag laut Augenzeugenberichten mittlerweile eher Musik für die Generation 40+ machen und jedes Indierockklischee bis zur Sämigkeit aufgekocht wurde, ist es mal Zeit für was Neues aus dem höchsten Norden. Zum Beispiel für Miike Snow. Hinter dem Bandnamen verbergen sich Andrew Wyatt und das Produzententeam Bloodshyt & Avant alias Christian Karlsson und Pontus Winnberg. Andrew Wyatt hing früher mal mit Greg Kurstin von The Bird And The Bee rum und hat einige andere schöne kleine Popprojekte, was ihn per se schon mal nicht zum schlechtesten Menschen macht. Die Herren Karlsson und Winnberg halten es da etwas mehr „major“ und haben ihr Pro Tools für die Damen Lopez, Spears oder Minogue mit allerlei Altbewährtem Popkram programmiert – Britneys Softpornobackgroundmusik „Toxic“ stammt zum Beispiel von den beiden Superschweden. Erfreulich ist es, dass „Miike Snow“, das selbstbetitelte Debüt des Dreiergespanns weniger nach kalkuliertem Chartgeschoss, als viel mehr nach verhaltenem „Wir können auch anders“ klingt – ne Runde echte Leidenschaft für den kleinen Kreis sozusagen. So klingt „Burial“, eine anmutige Dreiklanghymne im Pianomodus, zwar eingängig, aber dennoch nicht auf Mitteschichtwelle getrimmt. Ähnlich verhält es sich mit dem grandiosen „A Horse Is Not A Home“: discotypischer Pitchdrive trifft auf den dieser Tage so fashionablen Falsettgesang. Das experimentelle „Plastic Jungle“ fällt da etwas aus dem sonst sehr schlüssigen Rahmen. Mit einer so tief im Herzschmerz versunkenen und dennoch unkitschigen Schmonzette wie „Silvia“ holt man das aber locker wieder raus. Klar, den Vergleich mit den Avantgardearrangeuren von Animal Collective oder vielleicht auch A-ha, muss man sich da oben in Schweden dann schon gefallen lassen – aber etwas Schlechtes ist das ja nicht unbedingt. (8) Jan Wehn
Cobra Killer – Uppers & Downers
Eigentlich wollte ich an dieser Stelle das Sideprojekt Beak> von Portishead-Mastermind Geoff Barrow besprechen - war mir für diesen Mittwochnachmittag allerdings etwas zuviel Rumgeheule und anstrengends Halbtonmathcorejazzgewichse. Deshalb jetzt Cobra Killer aus Berlin, die ziemlich gute Freunde von Alec Empire sind. Aber weil ich schon Miike Snow Coolness auf Grund von Connections attestiert habe, zählt das hier nicht. Cobra Killer sind zwei Mädels, die mehr Zeit mit Samplern als mit Männern verbringen und schon seit knapp zehn Jahren in der Berliner Anti-Szene ihr Unwesen treiben. Soll heißen: Establishment-Fuckery, Punk-Fuckery und überhaupt Alles-Fuckery mit viel Tamtam und Synthesizern. Darüberhinaus sind die beiden Gören auch noch ganz nett anzuschauen, tragen auf der Bühne vor allem abgewetzte Stützstrümpfe und begießen sich gegenseitig mit Hochprozentigem. Schade also, dass der dritte Titel gleich „Hang Up The Pin Up“ fordert und die Burlesque-Gesellschaft im eigenen Torselett stranguliert. Im Prinzip ist „Uppers & Downers“ eine Mischung aus billigem Schrammelrock aus der Hinterhofgarage, Synthiesizerwillkür und sehr, sehr schlechtem Englisch. Das Laissez-Faire-Abziehbild von Le Tigre quasi. Mit einer Tasse Tee im Altbau-WG-Zimmer klingt das etwas unspannend. Aber Songs wie „Schneeball in die Fresse“ funktionieren live mit Sicherheit sehr gut. Wenn Cobra Killer also auf Tour sind, geht ihr da am besten mal hin - mache ich nämlich auch. (7) Jan Wehn
The Mountain Goats - The Life Of The World To Come
Man könnte zu dieser Platte eine ganze Menge erzählen: zum Beispiel über die viel zu wenig beachtete musikalische Vorgeschichte der Mountain Goats - in Persona John Darnielle - oder zu den Songtiteln, die sich jeweils auf Stellen in der Bibel beziehen und somit genug Freiraum lassen, die Texte des stolzen Häretikers, die direkt dem Leben zu entspringen scheinen, in einen philosophisch-theologischen Kontext zu bringen. Man könnte auch sagen, dass Darnielle hier wie eine folkige Variante von Ben Gibbard oder eine Ein-Mann-Version der Weakerthans klingt und damit die großen Momente des Indie-Pop über die Folk-Grenze zu tragen imstande ist. Es soll hier aber genügen die Platte zu einer der schönsten, gefühlvollsten und intensivsten musikalischen Erfahrungen das Jahres zu küren und eine ganz dringende Hörempfehlung auszusprechen. (8) Andreas Peters
Kommentare
herr peters!
...der herr darnielle heißt zwar im wahren leben john mit vornamen und nicht josh, ihrer meinung zu der aktuellen LP seines gesangsvereins möchte ich mich aber dennoch bedingungslos anschließen...wie immer formidabel! rock on und komm'se mal nach berlin sie platzpatrone!
allegra printing amp img decatur
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Cobra Killer...
muss man tatsächlich live sehen! Ich hatte das Vergnügen im Festsaal Kreuzberg. Nachdem die Bühne betreten war wurde Rotwein geleert, auch und gerade auf die putzigen Kleidchen der beiden Damen. Anschließend hat sich das zierliche Wesen Gina D'Orio über die Lautsprecherwand gebeugt, auf das Knöpfchen gedrückt und zwei Sekunden später knallte einem das Electrobrett in die Visage. Toll!