Soundcheck mit Air, Jochen Distelmeyer, Kings Of Convenience und Why?
Soviele Platten von Hochkarätern hatten wir im Soundcheck einer einzigen Woche selten bis gar nicht. Air, Jochen Distelmeyer, die Kings of Convenience und für alle Supernerds vielleicht auch die Anticon-Geheimwaffe Why?, mit dem umfangreichsten Backkatalog der Musikgeschichte. "Da hagelt es doch sicher Bestnoten!", könnte man meinen. Könnte man aber auch nur meinen. Denn eine der Bands tanzt zum lahmen Beat dann doch aus der Reihe. Wohin mit dem Hass? Nun, ganz bestimmt nicht in die Rezension zum neuen Distelmeyer-Album...
Air - Love 2

Sie sind Franzosen und diese haben, wie wir wissen, das ganze Tohuwabohu um die Liebe für sich gepachtet. Schon klar. Trotzdem steigt der dringende Wunsch in einem auf, dass Jean-Benoit Dunckel und Nicolas Godin endlich eine andere Inspirationsquelle finden. Der Einstieg von Love 2 mit „Do The Joy“ hätte auch auf dem Vorgänger „Pocket Symphony“ sein können. Naja oder von der Platte davor. Das synthieschwangere „Love“ bei welchem gehaucht und nicht gesungen wird, bringt auch keine Wimper zum Zucken. Erster Lichtblick ist dann „So Light Is Her Footfall“, da es sphärisch klingend und mit meditative Gesängen, gewohnt sämig in den Gehörgang wabert. Doch auch hier, Déjà-Vu auf ganzer Linie. „Be A Bee“ lockt das Wohlwollen dann mit Gitarre und Drums, natürlich ohne die elektronische Einflüsse zu vernachlässigen. Ist ganz nett. Besonders im letzten Drittel, wenn sie wieder zu sich finden. Einen Track weiter schlittert man dann mit dem schultergepolsterten „Missing The Light Of The Day“ in eine aalglatte 80er Kulisse, bei welchem der Computer alles gibt, man selbst aber eigentlich nur weg will. „Tropical Desease“ kramt Saxophon und Piano aus. Würde es dabei bleiben, käme nach dem Hören der anderen Lieder allerdings der Wahnsinn auf. Doch dann kommt wie aus dem Nichts die Blockflöte und macht durch die Absurdität das Arrangements wieder einiges wett. „ Sing Sang Sung“ kann in der erste Minute Einiges, doch es ist zu erwarten, dass das Lispeln der Sängerin im schlimmsten Fall zu psychosomatisch verursachten Ausschlägen am Körper führen kann. „Eat my Beat“ fällt dann -wohoo!- aus der Blaupausen-Veranstaltung raus und hat wieder viel Gutes. Ach man. Air sind groß und man will ja nicht meckern, aber man muss! Es klingt alles schal und abgeschmackt und das Album würde auch als homöopathisches Schlafmittel durchgehen. Kommt verdammt nochmal, zumindest auf musikalischer Ebene, über das Gefühl aller Gefühle hinweg! (3) Silvia Follmann
Jochen Distelmeyer - Heavy
Da ist er wieder - Jochen Distelmeyer - und singt von goldenen Käfigen und brennenden Autos, von der Zweisamkeit als finales menschliches Stadium, von der Nähe zu der Wahrheit und immer wieder auch vom Scheitern. Vielen, die erwartet, geradezu befürchtet hatten, nach dem letzten Album seiner Ex-Band Blumfeld müsse eine völlige Hinwendung zum verklärten Liedermachertum die logische Konsequenz einer künstlerischen Weiterentwicklung Distelmeyers sein, schlägt er ein Schnippchen. Für ihn ist das Kapitel Blumfeld abgeschlossen, da denkt er ganz rational, antikünstlerisch nahezu. Natürlich muss man da widersprechen. Niemals wird er sich ganz von 16 Jahren Blumfeld loseisen können. Jeder einzelne der auf „Heavy" vertretenen Songs hätte auch ein astreiner Blumfeld-Song sein können. Vielleicht mag das textlich Vertrackte etwas zurücktreten, die Worte direkter gewählt sein, doch immer sind sie aus dem Elfenbeimturm des Künstlertums auf die Bürgerlichkeit hinuntergerotzt. Distelmeyer versucht sich von jeder Verpflichtung und Verbindung freisprechen: „Wohin mit dem Hass?" sei keine Aufforderung zur Revolte, kein intelektueller Straßenkampfsong, der zufällig genau in diese Zeit passt, in der die Phrase „soziale Kälte" inflationär in Polit-Talks und auf Wahlkampfveranstaltungen auftaucht. Seine Positionierung gegenüber bestimmten Werten habe sich in den letzten Jahren drastisch geändert (womit auch das logische, unabwendbare Ende von Blumfeld erklärt werden soll). Wie dem auch sei - wir dürfen dann mal sagen: der Ex-Blumfeld-Kopf beweist auch auf seinem Soloalbum, dass er - egal ob man versucht seinen Songs eine ideologische Verklärung oder eine intellektuelle Überinterpretation überzustülpen - einer der besten Songwriter ist, die Deutschland hatte und nun Gott sei Dank wieder hat. (8) Andreas Peters
Kings Of Convenience - Declaration Of Dependence
Ich habe 2009 auf wenige Alben so sehr gewartet, wie auf “Delcaration of Dependence” von den Kings Of Convenience. Und blättert man dieser Tage in den Popgazetten- und Blogs des Landes, so scheint mir, dass ich da nicht der Einzige war. Fest steht jedenfalls, dass das Album eigentlich einem Tierbaby gleichkommt: man kann es gar nicht scheiße finden. Dabei ist das Geheimrezept wohl, dass es gar keines gibt. Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe machen das, was sie schon immer gemacht haben: nämlich für jeden eine andere aber dennoch gleichbleibend-grandiose Begleitmusik in allen Lebenslagen zu kreieren. Das Tolle: die Lieder klingen so leichtfüßig, grazil und unbeschwert, dass selbst die unerreichbare Liebschaft in „Boat Behind“ einem eigentlich gar nicht mehr so aufs Gemüt drücken will. Jetzt weitere Nummern herauszuschreiben, wäre sinnlos. Die 13 Stücke auf „Declaration of Dependence“ sind ausnahmslos großartig, bezaubernd und sympathisch. Genau wie der Fakt, dass die Beiden im Booklet noch einmal erklären, wer jetzt eigentlich wann wo und warum dann den kleinen Ticken lauter singt, da die beiden Stimmen ja ab und an doch sehr ähnlich klingen würden. Ich persönlich finde solche Details ja sehr sehr schön und kann auch und vor allem deswegen guten Gewissens eine uneingeschränkte Empfehlung für dieses Album aussprechen. (10) Jan Wehn
Why? - Eskimo Snow
Eigentlich waren Why? Mal eine HipHop-Crew, die jetzt aber mehr Bock auf echte Musik hat. Schon allein deshalb passen sie ein bisschen zu mir. Tatsächlich sind Jonathan Wolf, Doug McDiarmid und Matt Meldonaber immer noch im Sprechgesang verwurzelt und beim untergrundigsten Verkopftenlabel überhaupt, nämlich Anticon gesignt. Das hört man „Eskimo Snow“ zum Glück aber nicht an. 3/8-Snares aus Skateboardgrindgeräuschen oder rückwärtsgegurgelte Spoken Word-Monologe sucht man hier vergebens. Vielmehr ist „Eskimo Snow“ ein Album, welche das nölend-quäkige Stimmchen von Jonathan Wolf mit spärlichem, aber pingelig dosierten Portionen an Gitarre, Drums und Klavier zu einem Exempel für den derzeitigen Indietrend reifen lässt. Kein Wunder, schließlich wird Josiah Wolf nicht müde, zu betonen, dass „Eskimo Snow“ doch bitte „the least hip-hop out of anything“ sei. Exemplarisch für den bezeichnenden Sound seien etwa die Balladenminuten in „Berkeley By Hearseback“, das Schulabschlussball-Theme „Into The Shadows Of My Embrace“ oder der als Downer fungierende Titeltrack „Eskimo Snow“ - ein buntes Bouquet an Popblümchen eben. Why? reihen sich in den herbstlichen Habitus von Bands wie Noah and the Whale und den oben schon besprochenen Kings of Convenience ein. Weniger ist eben manchmal mehr. Und Leise ist das neue Laut. Habt ihr ja sicher schon mal irgendwo gehört. (8) Jan Wehn
